Wie gute Menschen zu bösen werden: das Stanford-Gefängnis-Experiment

20. Februar 2018 en Psychologie 105 Geteilt
Stanford-Prison-Experiment

Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen  ist der Titel eines Buches von Philip Zimbardo. Darin präsentiert er die Ergebnisse seines Stanford-Gefängnis-Experiments, die wegweisend für die gesamte Psychologie sind. Sie veränderten die Art und Weise, wie Psychologen Menschen betrachten. Ebenso haben sie unser Verständnis darüber beeinflusst, wie entscheidend der Einfluss unserer Umwelt ist. Doch auch die Rolle, die wir mit unserem Verhalten und unseren Grundhaltungen für unser Umfeld spielen, wurde definiert.

Im Buch stellt Zimbardo viele Fragen. Was lässt eine gute Person schlecht handeln? Wie kannst du eine Person mit hohem moralischem Standard dazu verführen, unmoralisch zu handeln? Wo liegt die Grenze, die das Gute vom Schlechten trennt? Und wer befindet sich in Gefahr, wenn er sie überquert?

Bevor wir versuchen, auf diese Fragen Antworten zu finden, lasst uns ein wenig mehr darüber erfahren, was genau das Stanford-Gefängnis-Experiment war.

Die Ursprünge des Stanford-Gefängnis-Experiments

Professor Philip Zimbardo, tätig an der Stanford University (Kalifornien, USA) wollte Menschen unter Bedingungen untersuchen, in dem ihnen die Freiheit fehlte. Um dies zu erreichen, schlug er vor, ein Gefängnis zu simulieren, wofür er ungenutzten Raum an der Universität verwendete. Nachdem der Bereich gefängnisähnlich eingerichtet wurde, musste Zimbardo ihn mit „Gefangenen“ und „Wachen“ füllen. Deshalb warb Zimbardo für sein Experiment Studenten an. Sie würden eine kleine Geldsumme bekommen, wenn sie sich bereit erklärten, diese Rollen zu spielen. Im Experiment wurden 24 Studenten aktiv, die zufällig in die zwei Gruppen aufgeteilt wurden.

Zimbardo wollte das Gefühl der Realität steigern und dadurch eine größere Vertiefung in diesen Rollen erzielen. Deshalb ließ er seine Studenten mithilfe der Polizei Verhaftung und Haft durchlaufen. Anschließend kleidete sie das simulierte Gefängnis wie Gefangene ein und ersetzte ihre Namen mit Gefangenennummern. Man gab den Wachleuten eine Uniform und Sonnenbrillen, um ihre Autorität zu unterstützen.

Wächter des Stanford-Prison-Experiments

Übel im Stanford Gefängnis

Am Anfang des Stanford-Gefängnis-Experiments betrachteten die meisten Gefangenen ihre Situation als Spiel. Ihr Eintauchen in ihre Rollen war demnach sehr schwach. Doch die Wächter sollten ihre Autorität einsetzen und die Gefangenen dazu bringen, sich wie Gefangene zu verhalten: Sie begannen, ständig nachzuzählen und übermäßige Kontrollen durchzuführen.

Die Wächter begannen, die Gefangenen dazu zu zwingen, während der Nachzählungen bestimmten Regeln zu folgen. Dinge wie ihre Identifikationsnummer zu singen. Und wenn sie diesem Befehl nicht gehorchten, mussten sie Liegestütze machen. Diese Spiele blieben anfänglich harmlos, wurden dann aber zu wahren Demütigungen, in denen Gewalt zur Anwendung kam. Die Wächter bestraften die Gefangenen, die nicht gegessen oder geschlafen hatten. Zum Beispiel sperrten sie sie für Stunden in einem Kleiderschrank ein. Oder sie zwangen sie dazu, nackt zu bleiben. Die Wächter gingen sogar so weit, dass sie die Gefangenen gezwungen haben, so zu tun, als würden sie die anderen oral befriedigen.

Wegen dieser Schikanen vergaßen die Gefangenen, dass sie Studenten waren, die an einem Experiment teilnahmen. Sie begannen, zu denken, dass sie tatsächlich Gefangene waren. Am sechsten Tag musste das Stanford-Gefängnis-Experiment abgebrochen werden. Warum? Aufgrund der Gewalt, die von den Studenten ausgeübt wurde, die komplett in ihren Rollen aufgegangen waren.

Es gibt eine Frage, die einem dabei sofort in den Sinn kommt: Wie haben die Wachleute diesen Grad des Bösen erreicht?

Schlussfolgerungen: Die Macht der Situation

Nach der Beobachtung des Verhaltens der Wachleute versuchte Zimbardo einige Variablen zu identifizieren. Er wollte verstehen, was eine normale Gruppe von Studenten – ohne Pathologien – dazu gebracht hatte, sich auf diese Weise zu verhalten.

Er konnte das Böse ihres Verhaltens nicht der Tatsache zuschreiben, dass die Wächter schlechtere Menschen gewesen seien. Tatsächlich hatte jeder mitwirkende Student vor dem Experiment an einem Test teilgenommen, in dem seine Gewaltbereitschaft beurteilt wurde. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Mehrzahl von ihnen tolerierte keine Gewalt. Und die übrigen nur in sehr bestimmten Situationen.

Wächter und Gefangener

Demnach musste der ausschlaggebende Faktor etwas Intrinsisches gewesen sein. Zimbardo begann, zu denken, dass es die Intensität der Situation war, die er in diesem Gefängnis erschaffen hatte. Dass es die Umstände waren, die die Studenten dazu gebracht haben, gewalttätig zu handeln.

Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn wir neigen zu dem Gedanken, dass es gute und schlechte Menschen gäbe, und dass sie diese Rollen unabhängig von ihren Umständen erfüllten. Wir neigen dazu, die Macht der Prädisposition oder der Persönlichkeit zu überschätzen, sie gegenüber den Umständen oder den Rollen, die der Mensch in der Gesellschaft spielt, überzubewerten. Zimbardos Experiment lehrt uns das Gegenteil.

Situation und Bewusstsein, das die Person über ihre Umstände hat, ist entscheidend für deren Verhalten. Manchmal treibt uns die Situation dazu, Gewalt zu verüben. Und wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, werden wir es nicht schaffen, etwas dagegen zu tun.

Die Entmenschlichung im Stanford-Gefängnis-Experiment

Im Stanford-Gefängnis-Experiment erschuf Zimbardo für die Gefangenen den perfekten Rahmen, um sich entmenschlicht zu fühlen. Von den Wächtern wurde dieses Gefühl noch bestärkt.

Entmenschlichung entsteht aufgrund mehrerer Aspekte. Einer zum Beispiel ist das Machtgefälle zwischen den Wächtern und den Gefangenen. Der Tausch ihrer Namen gegen Nummern. die Art und Weise, wie die Wächter begannen, die Gefangenen als eine uniforme Gruppe zu betrachten und zu behandeln.

All das führte dazu, dass die Wachleute die Gefangenen nur als Gefangene sahen. Sie hörten auf, sie als Menschen zu sehen, in die sie sich hineinversetzen könnten. Dabei waren sie doch Studenten, genau wie sie selbst.

Zimbardo schlussfolgert, dass es unter uns weder Dämonen noch Helden gäbe, oder zumindest weniger, als wir denken. Stattdessen seien das Böse und Gute eher ein Produkt der Umstände. Sie entstünden nicht so sehr aufgrund einer Persönlichkeit oder den Werten, die uns in der Kindheit vermittelt wurden.

Dies ist eigentlich eine optimistische Botschaft. Nahezu jeder kann eine schlimme Tat begehen. Doch gleichzeitig kann jede Person auch heldenhaft handeln, unabhängig davon, was sie bisher erlebt hat. Und um böse Taten zu verhindern, müssen die Situationen oder Rollen identifiziert werden, die uns derart grausam handeln lassen.

Das Stanford-Gefängnis-Experiment wurde übrigens auch verfilmt. Das Experiment  ist der Titel des Films – schaut ihn euch an!

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