Charles Manson und die Psychologie hinter seinem teuflischen Kult

· 20. September 2018

Es ist ein Geheimnis und eine ziemliche Herausforderung für Psychologen: Die Gründe für den Kult und die dunkle Faszination um Charles Manson zu verstehen, ist eines der kniffligsten Rätsel, welches die Persönlichkeits- und Verhaltensforschung jemals zu lösen hatte. Jetzt, kurz nach seinem Tod im Jahr 2017, gewinnt der ehemalige fanatische Sektenführer der „Manson Family“ wieder neue Anhänger.

Nach den von der Öffentlichkeit umfassend kommentierten Gerichtsverhandlungen in den frühen 70er Jahren realisierten die Psychologen, Psychiater und Journalisten, welche den Fall begleiteten, etwas Eigenartiges. Manson hatte die besondere Fähigkeit, eine Art psychologische Faszination zu erzeugen, mit der er seine Anhänger dazu brachte, für ihn zu töten. Diese Fähigkeit half ihm auch, seinen Kreis ergebener Anhänger zu erweitern.

„Mein Vater ist das Gefängnis. Mein Vater ist dein System … Ich bin nur das, was du aus mir gemacht hast. Ich bin nur ein Spiegelbild von dir.“

Charles Manson

Wir müssen nicht einmal sehr weit in der Geschichte zurückgehen. Im Jahr 2014 gelang es Charles Manson, während er seine lebenslange Haftstrafe verbüßte, eine Heiratserlaubnis zu bekommen. Seine damalige Verlobte war Afton Burton, eine 26-jährige Frau, mit der er seit deren 16. Lebensjahr in Kontakt stand. Obwohl es nie zur Hochzeit kam, gibt es Bilder von den beiden. Sie zeigen die ungeheure Verwandlung, die Burton durchlief. Sie wollte immer mehr wie ihr Idol aussehen, also rasierte sie sich den Kopf und tätowierte sich das berüchtigte Kreuz auf ihre Stirn.

Diese Tatsache, sowie die Umstände der jeweiligen Morde und Mansons gesamter mysteriöser Kult verhalfen Manson nach seinem Tod zu einem zweiten Leben. Die Geschehnisse schlagen weiter Wellen und viele Geheimnisse müssen noch aus der Dunkelheit ans Tageslicht gebracht werden.

Es gibt eine Sache, die in der Kriminologiegeschichte immer wieder auftaucht: Das Böse hat eine enorme Anziehungskraft. Besonders Mörder können verführerisch sein. Aufsehenerregende Mörder oder Kultfiguren wie Manson verkaufen sich sogar noch besser. Sie inspirieren Bücher und Skripte für Shows und Filme.

Charles Manson mit seiner Verlobten Afton BurtonCharles Mansons Persönlichkeit

Kriminologen sind daher der Meinung, dass es immer noch viele falsche Vorstellungen über Manson gibt. Sein Gesicht kommt uns besonders dann in den Sinn, wenn wir an Serienmörder denken. Aber es gibt zwei viel bessere Beispiele für Serienmörder, die jedoch weit weniger berühmt sind. Wir sprechen hier über Ted Bundy und John Wayne Gacy, den „Killer Clown“.

War er wirklich ein Serienmörder?

Charles Manson war kein Serienmörder. Niemand hat ihn jemals als solchen eingestuft. Manson ermutigte, überzeugte und manipulierte seine Anhänger dazu, Morde für ihn zu begehen, die auf einem sehr spezifischen, geheimen Code namens „Helter Skelter“ beruhten.

Er entnahm diesen Begriff aus dem Titel eines Beatles-Songs. Das Lied handelte von Schwierigkeiten in der Liebe, aber für Manson ging es darüber hinaus. Es war seine Rechtfertigung für einen apokalyptischen Rassenkrieg. Es war seine Zwangsvorstellung und seine Inspiration zugleich. Die ersten Verbrechen fanden innerhalb mehrerer Tage statt. Mit anderen Worten, sie waren keine Impulshandlung und hatten auch nichts mit irgendeinem vorübergehenden Wahn zu tun.

Manson hatte alles geplant. Ein weiterer interessanter Punkt für die Experten ist, dass er seine Schüler dazu brachte, noch mehr Morde zu begehen. Er ließ sie nicht wirklich über ihre Handlungen nachdenken. Seine Überzeugungskraft und Manipulation waren perfekt und allumfassend. Er versetzte sie in einen Zustand völliger emotionaler Kälte.

Charles Manson und seine FamilieWer oder was war er?

Später, als Manson längst im Gefängnis saß, versuchten die Leute weiterhin, seine Persönlichkeit und deren Funktionsweise zu verstehen. Es ist erwähnenswert, dass es nie eine klare, objektive Diagnose irgendeiner Störung gab. Aber eine Sache, die viele Analytiker in seiner Persönlichkeit für fundamental hielten, waren Frustration und Konflikte.

Eine Kindheit geprägt von Missbrauch, Armut und Vernachlässigung durch soziale Dienste drängten ihn aus Gründen des Überlebens in die Kriminalität. Rebellion und Missachtung von Autoritäten waren zwei Konstanten in seinem Leben. Später kamen Größenwahn, seine psychopathische Persönlichkeit und eine schwere Angststörung hinzu.

Es gab etwas, das alle Psychiater in Charles Manson sahen: eine erstaunliche Fähigkeit, Menschen emotional zu kontrollieren. Er nutzte diese, um sein Ego zufriedenzustellen und eine Familie zu gründen. Sie half ihm, Beziehungen zu knüpfen und gleichzeitig der Gesellschaft gegenüberzutreten, die er doch so sehr hasste.

Warum sich Menschen zu Mansons Kult hingezogen fühlten

Sheila Isenberg war eine der ersten Psychiaterinnen, die Gründe für die Faszination um eine so dunkle Person wie Charles Manson fand. Übrigens bezeichnete er sich selbst als den „Teufelsmann“. Dr. Isenberg schlug in ihrem Buch Women Who Love Men Who Kill  (zu Deutsch: Frauen, die tötende Männer lieben, nicht auf Deutsch verfügbar) mehrere psychologische Theorien zur Beantwortung der vielen Fragen vor. Hier sind sie:

Menschen mit geringem Selbstwertgefühl

Die erste Erklärung bezieht sich auf das „Hyperempathie-Syndrom„. Es wird häufig bei Frauen beobachtet, die ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben. Sie neigen dazu, den Kontakt mit wichtigen oder berühmten Menschen zu suchen, die ihnen ein Gefühl von Bedeutung geben.

In diesem Fall ist die Verbindung mit einem bekannten Mörder, der auf die Gesellschaft eine gewisse Wirkung erzielt hat, ein Weg, die eigene Leere zu füllen. Sie hilft ihnen, sich selbstsicherer und wichtiger zu fühlen. Hier ist es ihre übermäßige Empathie, die es ihnen ermöglicht, sich tief mit dieser Person zu verbinden. Sie können sogar an den Punkt kommen, an dem sie die bösen Taten des Mörders rechtfertigen.

Der „Homicidol“-Effekt

Der englische Begriff „Homicidol“ setzt sich aus den zwei Wörtern „homicide“ (Tötungsdelikt) und „idol“ (Idol) zusammen. Er passt sicherlich hervorragend zu Charles Manson, genauso aber auch zu Jack the Ripper, Hannibal Lecter usw. Manchmal empfinden Menschen eine große Anziehungskraft oder Bewunderung für Menschen, für reale oder fiktive Charaktere, die dafür bekannt sind, extrem gewalttätig zu sein. Anstatt sie und ihre Taten abzulehnen, verehren sie sie wie anbetungswürdige Götzen.

Dieses Phänomen, so die Psychiater Micael Dahlén und Magnus Söderlund, wird am häufigsten bei erfolgreichen Frauen beobachtet. Sie sind normalerweise gut ausgebildet und haben einen höheren sozialen Status. Wir wollen jedoch auch darauf hinweisen, dass dies in unserer Gesellschaft insgesamt sehr häufig vorkommt. Man denke nur an die von Charles Manson inspirierten Musiker wie Guns N ‚Roses und Marilyn Manson.

Charles Manson„Hybristophilie“

Hybristophilie ist ein forensischer Begriff für die Anziehung (sowohl geistig als auch sexuell) gegenüber „gefährlichen“ Menschen. Sie ist abnormal, überhaupt nicht üblich und noch weniger rational. Sie fällt in die Kategorie der Paraphilie.

Zu guter Letzt, wenn es eine Sache gibt, die wir mit Sicherheit sagen können, dann, dass die Thematik bezüglich Charles Manson noch lange in unseren sozialen, kriminologischen und kulturellen Sphären bleiben wird. Der Name Charles Manson bringt auch heute noch Geld ein und die Leute machen sich das zunutze. Es scheint nicht schwer zu sein: Vor nicht allzu langer Zeit hat Quentin Tarantino darüber gesprochen, einen Film zu drehen, und es gibt auch neue Bücher über ihn.