Kino und Psychopathologie: Realität oder Fiktion

· 15. Februar 2019

Psychopathologie ist in Filmen ein beliebtes Thema. Eine schier unendliche Anzahl von Filmen erzählt die Geschichten von Psychologen, Psychiatern und vor allem Menschen, die psychisch erkrankt sind. Selbst wenn die Handlung des Films nicht direkt mit der Psychopathologie zusammenhängt, spielt die Psychologie in Bezug auf die Filmcharaktere immer eine große Rolle.

Es ist jedoch so, dass die psychischen Krankheitsbilder, ihre Symptome oder auch die Beziehungen zwischen Patienten und Fachkräften nicht immer akkurat dargestellt werden. Häufig werden diese gar völlig übertrieben, damit der Film dramatischer wirkt. Der Wunsch nach mehr Drama ist also der Grund, warum Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler sich bei ihrer Arbeit nicht so sehr von wissenschaftlichen Fakten leiten lassen und stattdessen oft ein verzerrtes Bild der Erkrankung darstellen.

„Wenn es psychiatrische Anstalten nie gegeben hätte, hätten die Filmemacher sie erfinden müssen. Und in gewissem Sinne haben sie das auch getan.“

Irving Schneider

Abweichungen, um den Überraschungsfaktor zu erhöhen

Wir alle verstehen, dass es manchmal notwendig ist, ein wenig zu übertreiben, um den Film für die Zuschauer interessanter zu machen. Normalerweise gehen wir ins Kino, um unterhalten zu werden, und nicht, um uns Wissen anzueignen. Wollen wir aber sachkundige Kinobesucher sein, sollten wir diese drei Hauptaspekte berücksichtigen:

  • In Filmen hängen Gewalt und Aggression übermäßig oft mit psychischen Erkrankungen zusammen. Viele Filmcharaktere, die psychisch erkrankt sind, wirken aggressiv oder sadistisch und haben eine dunkle Seite, die mit dem eigentlichen Krankheitsbild nichts zu tun hat. Diese negative Darstellung auf der Leinwand führt zu einer Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Denn dem Zuschauer wird suggeriert, dass solche Menschen „gefährlich“ seien. Dies ist jedoch statistisch weit von der Wahrheit entfernt.
  • In Fachbüchern werden viele psychische Erkrankungen aufgeführt, die ähnliche Symptome und Merkmale aufweisen. Die Diagnosegrenzen überschneiden sich in diesen Fällen. Vielleicht werden in Filmen deswegen häufig Krankheiten miteinander verwechselt? Beispielsweise wurde die Borderline-Persönlichkeitsstörung wiederholt mit der bipolaren Störung gleichgesetzt. Auch manische oder depressive Episoden werden in Filmen nicht immer korrekt dargestellt. In einigen Filmen wird eine psychische Erkrankung zudem durch Liebe allein geheilt.
  • Filme zeigen ein verzerrtes Bild vom Therapeuten. Der Psychiater Pilar de Miguel erklärt, dass Fachleute im Kino entweder wirklich gut oder schlecht dargestellt werden. In Filmen sehen wir häufig „Experten“, die ihren Patienten keine professionellen Grenzen setzen können.

Wir verstehen natürlich die Notwendigkeit, dramatische Elemente zu betonen und aufmunternde Geschichten darzustellen, um beim Zuschauer positive Gefühle zu wecken. Der Zuschauer sollte dennoch berücksichtigen, dass ein Film niemals alle Facetten einer psychischen Erkrankung erfassen kann. 

Trotzdem gibt es Filme, die sich bemühen, die Wirklichkeit zu zeigen. Und auf die gehen wir nun ein.

Ein rotes Puzzelteil auf einem Tisch und ein menschlicher Kopf aus Pappe, in den das Puzzleteil zu passen scheint.

Besser geht’s nicht

Besser geht’s nicht  ist ein Film, den wir mit Zwangsneurosen assoziieren. Das tun wir, weil der Protagonist Symptome eben jener Erkrankung aufweist: Die jähzornige Hauptfigur, Melvin, lässt den Zuschauer glauben, dass alle, die an Zwangsneurosen leiden, die gleichen Symptome zeigen würden. Es ist jedoch unsere Aufgabe, seinen unangenehmen Charakter von den Symptomen der Krankheit zu trennen. Zu diesen Symptomen zählen extreme Rituale, wie zum Beispiel Sauberkeit, Symmetrie und Wiederholungen, die im Film auch so dargestellt werden.

„Doktor Green, wie können Sie mich mit einer Zwangsstörung diagnostizieren und dann überrascht sein, wenn ich hier aus dem Nichts auftauche?“

Melvin

Nach der Filmpremiere glaubte ein großer Teil des Publikums, eine Zwangsstörung würden bedeuten, dass der Betroffene ein schlecht gelaunter und jähzorniger Mensch sein müsste. Zu den falsch vermittelten Ideen gehörte auch, dass die Symptome der Krankheit mit ein wenig Liebe und guter Freundschaft gemindert oder sogar überwunden können. Das trifft leider nicht zu.

The Aviator

Martin Scorseses The Aviator  erzählt vom Leben des Millionärs, Produzenten und Unternehmers Howard Hughes, der im Film von Leonardo DiCaprio gespielt wird. Aus psychopathologischer Sicht zeigt uns dieser Film auf sehr erfolgreiche Weise, wie es zur Entwicklung von Zwangsstörungen kommen kann. Alles beginnt in der Kindheit von Hughes, denn die ist geprägt von der Angst seiner Mutter, ihr Kind könnte erkranken. Als Kind sind Hughes‘ Lebensumstände exzentrisch und manchmal auch ein bisschen verrückt. Als Erwachsener ist sein Leben von Obsessionen und Zwängen bestimmt.

In dem Film können wir sehen, wie viel Angst Howard Hughes vor Keimen hat. Stets hat er Seife dabei und wäscht sich seine Hände unter Zwang, bis diese sogar bluten. Alles nur, weil er Angst hat, dass er sich irgendwo mit irgendwas anstecken könnte. Zu Hughes‘ Lebzeiten war seine Erkrankung noch nicht anerkannt, deswegen behandelte ihn nie ein Arzt.  Seine Symptome, die im Film perfekt dargestellt werden, zeigen jedoch, dass Hughes außerordentlich gelitten hat.

Leonardo DiCaprio als Howard Hughes in "The Aviator"

Memento

Bevor wir über diesen Film von Christopher Nolan sprechen und über seinen Erfolg, müssen wir klären, was eine anterograde Amnesie ist. Im Gegensatz zu der bekannten retrograden Amnesie, das heißt dem Vergessen von Dingen aus unserer Vergangenheit, unterscheidet sich diese Erkrankung in einem wesentlichen Punkt, denn mit einer anterograden Amnesie sind wir nicht in der Lage, Neues zu lernen. Eine Person, die an anterograder Amnesie leidet, vergisst, was gerade passiert, weil sie nicht fähig ist, die eingehenden Informationen im Langzeitgedächtnis zu speichern. Jeder Moment ist für Betroffene immer der gleiche, neue Moment, wieder und wieder. Wie morgens, wenn wir gerade erst aufwachen. Obwohl Memento  die anterograde Amnesie nicht fehlerfrei darstellt, kann der Film uns helfen, die Unsicherheit und Hilfslosigkeit Betroffener nachzuvollziehen.

Ohne viel vom Film und seiner erzählerischen Struktur preiszugeben, spiegelt Memento  erstaunlich plastisch die Angst einer Person wider, die an dieser Art der Gedächtnisstörung leidet. Während des gesamten Films sehen wir, wie der Protagonist, der an dieser Form von Amnesie leidet, mit einem System von Notizen, Fotos und Tätowierungen arbeitet. Er tut dies, um herauszufinden, was in seinem Leben passiert. Seine Strategie besteht nicht darin, sich zu erinnern, sondern zu bestätigen. Das Ziel des Regisseurs ist es, den Zuschauer dazu zu bringen, sich in den Protagonisten und seinen Zustand der ständigen Verwirrung zu versetzen. 

„Eine schlechte Erinnerung ist die, die nur rückwärts funktioniert!“

Lewis CarrollFilmcharakter aus "Memento", der sein Shirt öffnet und seine Tattoos zeigt.

Abschließend sei gesagt, dass Kino nicht nur Unterhaltung bietet, sondern zum Nachdenken anregt und uns auch einlädt, mehr Wissen zu sammeln und mehr Empathie zu haben. Dieser Effekt wird durch die dargestellte Geschichte und Filmcharaktere erzielt. Mit Filmen und Büchern können wir in die Fußstapfen anderer Menschen treten, auch wenn es sich um Fiktion handelt. Wenn du nun mehr wissen und tiefer in die Welt der Psychopathologie eintauchen willst, solltest du dich durch wissenschaftliche Bücher und Spezialisten informieren.