Über verschiedene Arten der Amnesie

· 25. September 2018

Die Amnesie gehört zu den bekanntesten Gedächtnisstörungen. Sie zeichnet sich durch bedeutende Schwierigkeiten beim Kodieren, Speichern und Abrufen von Informationen aus. Aber die zugrunde liegenden psychologischen Abläufe sind extrem kompliziert und vielschichtig. Es gibt viele Arten des Gedächtnisschwunds, weshalb die Erkrankung im Detail schwer zu erklären sein kann.

Das ist auch der Grund, warum Amnesiepatienten so eine wertvolle Hilfe sind, wenn es darum geht, unsere Gedächtnisfunktionen besser zu verstehen. Die Erforschung von Gedächtnisstörungen hilft uns, zu verstehen, wie das Gedächtnis aufgebaut ist und wie es funktioniert. Dabei hat sich die Forschung hauptsächlich auf das Korsakow-Syndrom konzentriert, bei dem das episodische Gedächtnis einer Person betroffen ist und nicht mehr richtig funktioniert.

In der Amnesieforschung geht es weiterhin darum, welche Auswirkungen ein gegebener Schaden hat. Anders ausgedrückt, es gibt zwei grundlegende Formen von Gedächtnisverlust:

  • Die retrograde Amnesie: wenn jemand Teile dessen vergisst, was ihm vor seiner Krankheit oder seinem Unfall passiert ist
  • Die anterograde Amnesie: wenn jemand keine neuen Erinnerungen schaffen kann.

In den nächsten Abschnitten werden wir beide Arten des Gedächtnisverlustes im Detail besprechen.

Retrograde Amnesie

Die retrograde Amnesie zeichnet sich durch die Unfähigkeit aus, Erinnerungen, die vor dem Moment des Gedächtnisschadens geschaffen wurden, abzurufen. Das kann eine sehr unterschiedliche Zeitspanne betreffen. Manche Menschen vergessen nur ein Ereignis, andere ein paar Tage, und wieder andere ihr gesamtes Leben.

Wir sollten aber im Kopf behalten, dass jemand mit dieser Art der Amnesie immer noch neue Erinnerungen abspeichern kann. Menschen mit dieser Störung können außerdem auf andere Erinnerungen zurückgreifen, wie die implizite Erinnerung oder das prozedurale Gedächtnis.

Ein Baum in der Form von einem Kopf

Der Ursprung dieser Störung ist meistens physisch. In anderen Worten, die Störung tritt aufgrund eines Hirnschadens auf. Sehr oft sind Verletzungen in oder um den Hippocampus, um die Basalganglien oder im Zwischenhirn der Auslöser. Aber manchmal kommt eine retrograde Amnesie auch vor, ohne dass Verletzungen vorlägen. Dann heißt sie psychogene oder funktionelle Amnesie. Sie tritt beispielsweise auf, wenn ein besonders traumatisches Ereignis ausgeblendet wird, um sich selbst zu schützen.

Einer der am gründlichsten untersuchten Patienten mit einer schweren retrograden Amnesie war Clive Wearing. Er konnte sich an überhaupt nichts vor seinem Unfall im Jahr 1985 erinnern, bei dem sein Hippocampus komplett zerstört und seine Schläfenlappen schwer beschädigt wurden. Zusätzlich litt er unter einer anterograden Amnesie: Er konnte auch keine neuen Erinnerungen aufbauen und lebte also in einer ständigen Gegenwart.

Anterograde Amnesie

Die anterograde Amnesie ist im Grunde das Gegenteil von retrograder Amnesie. Das bedeutet, dass Betroffene nach einem Unfall keine neuen Erinnerungen aufbauen können. Dafür sind aber die bisher gespeicherten Informationen noch da. Genau wie bei der anderen Form von Amnesie ist meist ein physischer Schaden für die Störung verantwortlich. In diesem Fall sind der Hypothalamus und die Schläfenlappen die am häufigsten betroffenen Bereiche im Gehirn.

Ein einzigartiger Aspekt dieser Störung ist, dass sie nur die explizite Gedächtniskodierung betrifft. Das bedeutet, dass jemand mit dieser Störung zwar keine neuen Erinnerungen aufbauen kann, aber dennoch in der Lage ist, neue Fähigkeiten zu erlernen, egal ob diese prozedural oder impliziter Natur sind. 

Wenn zum Beispiel jemand mit anterograder Amnesie jeden Tag Klavier spielt, dann wird er mit der Zeit besser werden. Aber er erinnert sich nicht daran, was er gestern gespielt hat, weil ihm jeder Tag wie der erste erscheint.

Ein Baum im Topf hat die Form eines Kopfes und Blätter wie Schmetterlinge.

Einer der berühmtesten Patienten mit anterograder Amnesie war Henry Molaison. Er wurde operiert, um seine epileptischen Anfälle zu mildern, aber während der Operation wurde ein Großteil seines Hypothalamus entfernt. Das bedeutete, dass er keine Anfälle mehr hatte, dafür aber unter schweren Gedächtnisproblemen litt.

Nach seiner Operation konnte er keine neuen Erinnerungen mehr schaffen, aber sein prozedurales und exekutives Gedächtnis funktionierten einwandfrei. Seine Konversation war immer klar und zusammenhängend. Es schien fast, als ob ihm nichts fehlte. Aber wenn man nach einem Gespräch fortging und dann wiederkam, konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Weiter oben haben wir erwähnt, dass die zwei Formen der Amnesie voneinander unabhängig seien. Anders ausgedrückt, es ist möglich, nur unter einer der beiden Formen zu leiden. Jedoch sollten wir an dieser Stelle festhalten, dass Gedächtnisverlust meist ein sehr viel komplizierteres Syndrom ist.

Solche Verletzungen betreffen nämlich meistens mehr als nur einen Bereich des Hirns, weshalb oft eine gemischte Amnesie auftritt. Es ist trotzdem interessant, „Reinformen“ der Amnesie zu untersuchen, um mehr über die Gedächtnisfunktionen zu lernen.