Dein Gehirn sortiert unnötige Informationen aus

· 6. Juni 2018

Verlernen, um zu lernen. Das Gehirn sortiert unnötige Informationen aus, um Platz für Neues und Wichtigeres zu schaffen. Obwohl es seltsam erscheint, kümmert sich unser Gehirn um Ordnung, während wir schlafen oder meditieren. Das kann man sich in etwa so vorstellen wie Unkraut jäten, um authentischen Bindungen, kreativen Gedanken und viel mehr nützlichen und wichtigen Lektionen die Entwicklung zu ermöglichen.

In Study in Scarlet  schrieb Sir Arthur Conan Doyle, wie überrascht John Watson war, als er ein weiteres Talent seines außergewöhnlichen Mitbewohners erkannte. Sherlock Holmes wusste nicht, dass die Erde die Sonne umkreiste. Aber der berühmte Detektiv hatte eine exzellente Erklärung dafür, wieso er das vergessen hatte.

Das menschliche Gehirn, erklärte Holmes, sei wie ein kleines, leeres Schloss. Wir können es einrichten, wie wir möchten. Dumme Menschen häufen hier und da ein paar hübsche, glänzende Dinge an. Sie unterscheiden allerdings nicht, welche Dinge, welches Wissen ihnen wirklich nützlich ist. Nach einiger Zeit haben sie keinen Platz mehr für nützliche Kenntnisse. Aber ein gelehrter Künstler passt gut auf, was er in den Palast seines Gehirns stellt. Er wählt nur das aus, was er braucht, um seine Arbeit zu verrichten.

Vielleicht ohne es zu beabsichtigen, hat uns Conan Doyle das Prinzip des „inneren Gärtnerns“ beigebracht. Hier entscheidet das Gehirn, welche Synapsen gestärkt und welche vernachlässigt werden.  Dies geschieht aufgrund unseres Lebensstils, im Zusammenhang mit Interessen und Erfahrungen.

Blumen wachsen im Gehirn

Neurologen beschreiben dasselbe Phänomen oft metaphorisch als „Löschtaste“ für Wissen, das wir nicht brauchen. Es wird Platz gespart, wenn wir unnötige Information loswerden. Dann können wir neue, stärkere Bindungen knüpfen, die wir wiederum nutzen können, um wichtiges Wissen zu festigen. Diesen Vorgang können wir kontrollieren. Und so funktioniert’s.

Lernen und löschen gehen Hand in Hand

Viele von uns denken immer noch, dass es umso besser sei, je mehr synaptische Bindungen im Gehirn existieren. Wir glauben, dass wir uns sich neue Fertigkeiten und Wissen aneignen, wenn wir Neuronen neu verschalten. Aber Sherlock Holmes’s Theorie hat tatsächlich eine wissenschaftliche Basis. Das Gehirn ist kein Schloss in dem sich endlos Kenntnisse anhäufen lassen, die nichts miteinander zu tun haben. Das Gehirn ist ein komplexes Organ, dass sich je nach Besitzer auf bestimmte Bereiche spezialisiert.

Du möchtest gern Klavier spielen lernen? Du freust dich darauf und gehst einmal pro Woche zum Unterricht. Das wird wenige Auswirkungen auf dein Gehirn haben. Wenn du es aber ernst meinst und jeden Tag übst, können verblüffende Dinge passieren. Eines davon ist die sogenannte „Eliminierung von Synapsen“. In anderen Worten: Um neue Verknüpfungen zu erschaffen, müssen erst alte Verbindungen, die der neuen Aufgabe nicht von nutzen sind, gelöst werden. Wir brauchen Platz, um neue Straßen und Brücken zu bauen.

Um dies zu verstehen, stelle dir vor, dein Gehirn wäre ein Garten. Aber anstelle von Blumen wachsen dort Synapsen. Diese kreieren Brücken zwischen Neuronen, über welche Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin verkehren. Aber damit deine Blumen, ehm, Synapsen, gedeihen können, muss erst das Unkraut gejätet werden. Es wird herausgerupft, um den gewünschten Pflanzen Platz zu schaffen. Die Gliazellen übernehmen diese Aufgabe in unserem Gehirn. Wir haben es diesen magischen Zellen zu verdanken, dass wir die Fähigkeit besitzen, neue Dinge zu lernen.

Synapsen

In Schlaf und Meditation sortiert das Gehirn unnötige Informationen aus

Unsere Fähigkeit, zu lernen, überschreitet in vielen Fällen unsere eigene Biologie. Damit wir neues Wissen in unser Gedächtnis aufnehmen können, brauchen wir Schlaf. Neurologen sagen, dass das Gehirn unter Schlafentzug leide wie ein englischer Garten, den man ein halbes Jahr nicht pflegt. Alles wuchert wild durcheinander, sodass man sich kaum noch bewegen kann.

Um Wege frei zu machen, brauchen wir tiefen, erholsamen Schlaf. Und hier steigt das lymphatische System ein. Dieses System hat die Aufgabe, all die während der Eliminierung von Synapsen anfallenden Reste zu drainieren. Das passiert nicht nur während tiefen Schlafs, sondern auch während eines 15-minütigen Mittagsschlafes und während der Meditation.

Neuropsychologen sagen auch, wenn man sich nicht weiter auf etwas konzentriere, könne man die zugehörige Synapse deaktivieren. Als würde man die Löschtaste drücken. Ein wirklich faszinierendes Phänomen, das noch weiter erforscht werden sollte … Aber nun nehmen wir erst einmal eine Mütze voll Schlaf.

„Jemand der etwas vergessen möchte, kann es nicht vergessen, wenn er daran denkt, dass er es vergessen möchte.“

Calderón de la Barca