Alles über meine Mutter: Die Vergessenen

· 22. Oktober 2018

In diesen Tagen wird viel über eine verbesserte Wahrnehmung der Menschen gesprochen, die sich als transsexuell definieren oder eine sexuelle Orientierung haben, die vom klassischen Schwarz-weiß-Prinzip abweicht. Wir sprechen über die multikulturellen Gesellschaften, in denen wir leben, und über eine Welt, in der der Begriff des Geschlechts zu verschwimmen beginnt. Beginnen sollte. Diese neue Realität hat damit auch Einzug auf die große Leinwand gehalten, doch ein spanischer Regisseur hat diese Themen schon vor langer Zeit angesprochen: Dieser Regisseur ist Pedro Almodóvar und Filme wie Alles über meine Mutter.

Almodóvar arbeitet mit Konzepten, die leicht zu Parodien entarten könnten, aber stattdessen schafft er es, uns zu bewegen und unsere Herzen zu berühren. Durch seine Filme hat er uns Charaktere nähergebracht, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden und trotzdem die Hauptrolle spielen. Er ist fasziniert vom Naturalismus und fängt die Realität so objektiv wie möglich ein. Der Film Alles über meine Mutter  entstand aus eben jener Faszination und dem Wunsch, sichtbar zu machen, was sonst übersehen wird.

Hintergrundinformationen zu Almodóvar und Alles über meine Mutter

Almodóvar mischt das Traditionelle mit dem Revolutionären. Wenn du dir die Entwicklung seiner Arbeit anschaust, wirst du bemerken, dass er seinen Stil verfeinert hat und seine Filme noch bunter geworden sind. Punk, Antikirchlichkeit, marginalisierte Charaktere, Frauen, Popkultur, Lügen und schwarzer Humor sind nur einige der charakteristischen Elemente der Filme dieses renommierten spanischen Regisseurs. Alles über meine Mutter  verbindet komische und dramatische Aspekte, ist aber immer auch ein Versuch, natürlich zu sein. Das Geheimnis des Erfolgs? Eine Sprache, wie wir sie wirklich sprechen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen ist in Alles über meine Mutter  die Darstellung des Dramas nicht das ultimative Ziel. Es ist auch nicht das Ergebnis. Stattdessen ist es der Anfang, der Ausgangspunkt für die eigentliche Handlung. So traurig die Handlung auch ist, sie erinnert vor allem daran, dass das Leben für uns alle weitergeht. Das Leben ist ein ständiger Kampf, und du weißt nie, was du als nächstes erleben wirst.

Alles über meine Mutter  ist eine Hommage an Endstation Sehnsucht  und Alles über Eva Almodóvar taucht tief in diese Werke ein und macht sie zu einem wesentlichen Teil seines Films. Die Handlung in Alles über meine Mutter  ist mit dem Stück Endstation Sehnsucht  von Tennessee Williams verbunden. Es befindet sich neben, formt sich zu, und vermischt sich mit dem US-amerikanischen Werk. Der Draht zu Alles über Eva  wird bereits im Titel des Films ersichtlich und von der Protagonistin verstärkt.

Der Film dekonstruiert die Konzepte von Gender und Frausein. Er zeigt dir eine andere, aber gar nicht ferne Realität: bunt, intim, bittersüß und direkt. Alles über meine Mutter  ist zu einem wahren Klassiker des spanischen Kinos geworden und gewann 1999 den Oscar für den besten ausländischen Film.

„Du bist authentischer, je mehr du dem ähnelst, von dem träumtest, es zu sein.“

Alles über meine Mutter

Eine Filmszene aus "Alles über meine Mutter"

Die weiblichen Charaktere in Alles über meine Mutter

Es besteht kein Zweifel, dass die Hauptfiguren in Alles über meine Mutter  die Frauen sind. Es gibt kaum männliche Charaktere und, wie bei vielen Filmen von Almodóvar, sind Vaterfiguren nicht existent oder nur schattenhaft gezeichnet. Dieser Film konzentriert sich auf Mütter und Frauen, egal woher sie kommen und egal wie sich ihr Leben gestaltet. Almodóvar fängt die verschiedenen Leben der Frauen dieser Zeit sehr gut ein. Die Charaktere sind alle gut ausgearbeitet und, obwohl sie zuweilen wie Karikaturen scheinen, erfüllen sie ihre Rollen und zeigen dir eine Art von Vielfalt, die mehr und mehr zur Normalität wird.

Manuela, Huma, Agrado und Schwester Rosa sind die wichtigsten vier Frauen im Film. Sie sind alle sehr unterschiedlich, haben ihre ausgeprägten Charaktere und einzigartige Persönlichkeiten, aber sie sind alle Frauen. Manuela ist die treibende Kraft hinter der Geschichte. Sie wanderte von Argentinien nach Spanien aus und verbrachte ihre ersten Jahre dort in Barcelona, mit einem Mann, der schließlich sein Geschlecht wechselte und zu Lola wurde. Ihr Sohn Esteban war das Ergebnis ihrer Beziehung.

Manuela floh nach Madrid, ohne Lola von Esteban zu erzählen. Dort beginnt sie ein neues Leben als Krankenschwester. An Estebans Geburtstag besucht sie eine Aufführung des Stücks Endstation Sehnsucht,  mit dem sie sich gut identifizieren kann. Als Esteban versucht, ein Autogramm von der Hauptdarstellerin Huma Rojo zu bekommen, wird er angefahren und stirbt. Von diesem Moment an besteht eine Verbindung zwischen Manuela und Huma, und schließlich begibt sich erstere auf eine Reise nach Barcelona, eine Reise in ihre Vergangenheit.

Der Sohn von Manuela schreibt ihr einen Brief.

Manuela ist ein Symbol für Mütter im Allgemeinen und die bedingungslose Liebe, die sie für ihre Kinder empfinden. Ihre Figur erzählt uns eine wunderbare Geschichte über das Überwinden von Notlagen. Huma hingegen wirkt am Anfang wie eine kalte, distanzierte Frau. Es sieht so aus, als ob ihr der Ruhm zu Kopf gestiegen sei, doch sie entwickelt tatsächlich eine tiefe Freundschaft mit Manuela. Was wir von da an in Huma sehen, ist eine sensible Frau, die leidet und sich einfach nur geliebt fühlen möchte. Wir erfahren auch, dass Huma in einer Beziehung mit ihrer Schauspielkollegin Nina ist, einer jungen Drogenabhängigen, die viele Höhen und Tiefen durchlebt.

Als sie nach Barcelona kommt, trifft Manuela auf eine alte Freundin, auf Agrado. Eine authentische Frau, obwohl sie „aus Silikon“ ist. Kann jemand authentisch sein, wenn sein Körper künstlich ist? Agrado ist ein Symbol für die Idee, dass Authentizität mehr sei als die physische Seite der Dinge. Sie ist die Frau, von der sie immer geträumt hatte. Agrado ist eine transsexuelle Frau, die ihren eigenen Weg gegangen ist, und zudem eine der interessantesten Figuren im Film. Sie arbeitet als Prostituierte, aber im Laufe der Geschichte erleben wir eine unglaubliche Entwicklung ihres Charakters. An einem Punkt hält sie einen der denkwürdigsten Monologe in Alles über meine Mutter.

Tabus brechen

Eines der heikelsten Themen, das angesprochen wird, ist HIV. Soweit wir das beurteilen können, ist das Virus immer noch ein Thema, das Menschen in Panik versetzt. Die meisten Menschen scheinen zu denken, dass du, wenn du HIV hast, auch drogenabhängig oder Prostituierte sein müsstest. Wie behandelt der Film Alles über meine Mutter  dieses Thema? Die HIV-positive Figur ist eine Frau, und nicht irgendeine. Sie ist eine Nonne, eine junge Spanierin aus einer wohlhabenden Familie, die ihr Leben anderen Menschen gewidmet hat. Was das zeigt, ist, dass jeder sich mit HIV anstecken kann. Es spielt keine Rolle, was dein Hintergrund ist, denn er kann dich nicht vor dem Schicksal schützen.

Alles über meine Mutter  bricht auch viele weitere Tabus: neben HIV auch Transsexualität, Homosexualität, Geschlechterbarrieren, Empowerment von Frauen, Prostitution, Immigration etc. Genauer gesagt ist es ein Film, der uns einen intimen Einblick in Menschen gewährt, die zu den „marginalisierten Gruppen“ gehören, den Vergessenen.

Der Film zeigt uns die andere Seite der Medaille und erzählt uns eine Geschichte, die vielleicht untypisch erscheinen mag. Allerdings erzählt er sie auf eine so intime Weise, dass du nicht anders kannst, als dich mit den Frauen im Film zu identifizieren. Alle diese Frauen repräsentieren einen Aspekt der Gesellschaft und eine Möglichkeit, mit dem Leben umzugehen. Am Ende verdienen sie alle unseren Respekt.

„Ich war immer auf die Höflichkeit von Fremden angewiesen.“

Alles über meine Mutter