Der Brief, den eine Mutter auf dem Schreibtisch ihrer Tochter fand

· 5. Mai 2018

Ja, während meiner Wutanfälle bin ich ein typischer Teenager. Ich bin 15 Jahre alt und führe ein Tagebuch. Was du nun lesen wirst, ist einfach ein Ausschnitt aus diesem Tagebuch, das natürlich verschlossen und versteckt ist. Versteckt an einem Ort, den du niemals finden wirst. Zumindest hoffe ich, dass du nicht darüber stolpern wirst, wenn du meine Sachen aufräumst, weil du fest daran glaubst, dass du irgendeine Art von Ordnung in einem Raum wiederherstellen müsstest, in dem ich mich ehrlich gesagt verloren fühle.

Wenn du es findest und liest, bestätigt mir das nur, dass du eine schlechte Mutter bist. Überfordert, verklemmt, unerträglich. Außerdem glaube ich, dass du nur deine eigenen Ängste nähren wirst, wenn du in meine eintauchst. Ängste, dank deren du nachts nicht mehr schläfst, weil du bis spät auf mich wartest. Denn ja, ich denke über Dinge nach, die du niemals in Betracht ziehen würdest.

Diese 15 Jahre waren lang, weil ich viel gelernt habe. Doch sie waren auch kurz, weil ich alles nicht verstanden habe und es mich noch immer verwirrt. Als ich jung war, fragte ich nach Äußerlichkeiten. Was ist das? Wofür ist es gut? Ein Teenager wie ich stellt andere Fragen. Sie haben mit meiner inneren Welt zu tun. Ich habe aufgehört, sie zu stellen, weil ich nicht glaube, dass jemand die passenden Antworten hat, zumindest nicht für mich. Deshalb bevorzuge ich meine Freunde in dieser Angelegenheit. Mit ihnen eint mich die Komplizenschaft, das Unwissen und die Aufregung um neue Entdeckungen. Wenn du 30 Jahre zurückdenkst, wirst du es vielleicht verstehen.

Ein Mädchen steht bei einem Kaktus

Wenn wir erwachsen werden, vergessen wir

Das ist etwas, das mich an Erwachsenen verblüfft. Sie vergessen viel zu früh, dass sie auch einmal Teenager waren. Dass sie sich zum ersten Mal verliebten oder vorgetäuscht haben, krank zu sein, um früher aus dem Unterricht zu kommen. Dass sie die Uhr ausblendeten und zu spät nach Hause kamen. Sie kämpften für ihre Unabhängigkeit und lösten die Differenzen zwischen dem, was andere von ihnen erwarteten, und dem, was sie wirklich wollten.

Ich hoffe, dass ich, wenn ich älter bin, nicht so viel vergesse. Obwohl, wenn ich heute die Menschheit betrachte, bezweifle ich, dass ich es vermeiden kann. Wenn die Gene, die diese Tendenz bedingen, überdauert haben, ist es wahrscheinlich, dass die Gewohnheit eine adaptive Funktion erfüllt. Eine, die es jedem Mitglied der Gesellschaft leichter macht, seine Rolle zu spielen.

Ich dachte, die Welt drehe sich um mich …

Du weißt, dass man als Kind in dieser Selbstsucht, die alle Kinder praktizieren, annimmt, dass die Welt eine große Bühne sei. Und dass die Menschen sich darauf vorbereitet hätten, für die nächste Generation eine Show zu präsentieren, in der jede Bewegung einstudiert wäre. Um diese Theorie zu beweisen, habe ich oft versucht, unvorhersehbar zu handeln. Selbst wenn ich eine Süßigkeit wollte, würde ich sie ablehnen, nur um zu sehen, wie andere reagierten, wenn ich mich nicht wie erwartet verhielt.

Sagen wir einfach, ich habe mich oft in diesem Spiel der Kohärenz oder Inkohärenz verlaufen. Daher ändert sich meine Stimmung als Teenager, mein Widerstand und meine Akzeptanz. Diese Schwankungen beruhem auf dem Versuch, alles zu relativieren und sich schwerelos zu fühlen, weil es nichts gibt, an dem man sich festhalten kann.

Es gibt nichts Unfehlbares, über das ich absolute Kontrolle habe. Denn selbst deine besten Freunde können dich enttäuschen und die Tests, für die du am meisten gelernt hast, können dich am weitesten aus der Bahn werfen. Man könnte es Glück oder Schicksal nennen – es ist in jedem Fall launischer als die Regentropfen, die an einem sonnigen Tag fallen.

Teenager mit pinken Haaren

Was muss ich tun, um ein guter Teenager zu sein?

Aber der komplizierteste Teil des Erwachsenwerdens hat mit einer Frage zu tun, die die Hilflosigkeit meiner Freunde und mich bedingt. Ich weiß nicht, was ich noch tun muss, um gut zu sein, um akzeptiert zu werden, um mich geliebt und respektiert zu fühlen.

Ich habe gesehen, wie diese Frage meine Freunde und mich verändert hat. Das erste Erfordernis könnte es sein, einen perfekten Körper zu haben. Was lächerlich ist, wenn man bedenkt, dass sich unser Körper auf anarchische Weise entwickelt und grundsätzlich macht, was er will. Du magst groß und gut proportioniert sein, aber wenn die Genetik vorgibt, dass du es nicht bist, dann wirst du es niemals werden. Das ist der Moment, in dem du beginnst zu verstehen, warum jemand die Folter der High Heels erfunden hat. Du beginnst zu verstehen, dass es schwieriger ist, jemandes Respekt zu gewinnen, wenn du klein bist, wenn du zu schwer oder zu dünn bist. Kriterien können perfekt an die Kurven angepasst werden, die die Frauen in Zeitschriften zeigen: nicht zu viel, nicht zu wenig, genau richtig gerundet.

Leute, die mich früher kennen und respektieren gelernt haben, beginnen jetzt, sich so zu verhalten, als ob etwas Schrecklich an mir haftete. Und das tun sie so radikal und so oft, dass ich beginne, es selbst zu glauben. Dass da etwas an mir wäre, was falsch wäre, was nicht funktionierte. Darüber hinaus scheinen die Maßnahmen, die ich ergreife, um diese Fehler zu beheben, mich noch näher an den Abgrund zu bewegen. Ehrlich gesagt – meine Füße sind ein bisschen zu groß und Gott wollte nicht, dass ich Absätze trage.

Einige Fragen scheinen keine Antworten zu haben

Ich möchte wissen, wie man kompensiert, was mir die Natur nicht gegeben oder wovon sie mir zu viel gegeben hat, aber ich habe bereits erlebt, wie meine Freunde mich enttäuscht haben. In wollte niemals verletzlich sein. Es ist inakzeptabel, ihnen einen Hinweis darauf zu geben, dass ihr Mobbing irgendeine Art von Wirkung auf mich hat. Das Einzige, was mir bleibt, ist, ein Bild der Sicherheit abzugeben. Das ist eine Einstellung, die notwendig ist, um gut zu sein und anerkannt zu werden. Ich bin nicht nur selbstsicher, sondern zeige es auch. So vermittele ich den Eindruck, dass mir nichts wichtig ist.

Zu diesem Profil, das Jugendliche für ihren „Einstieg ins Leben“ benötigen, gehören auch gute Noten. Sie sind eine Möglichkeit, das Selbstwertgefühl zu steigern. Aber man muss es so aussehen lassen, als würde man sich anstrengen. Aber nicht zu viel. Fleißig wirken, aber auch schlau. Auch ich versuche das.

Person schreibt einen Brief

Unter meinen Klassenkameraden ist es verpönt, schlechte Noten zu bekommen. Das ist nicht immer so, vor allem dann nicht, wenn die Gruppe von Teenagern, die in der Klasse das Sagen haben, es so definierten. Sie scharen diejenigen um sich, die ihrem Ideal entsprechen. Eine Gruppe, die sehr leicht zu erreichen ist, aber so kompliziert zu verlassen.

In diesem Sinne sind 2er und 3er die besten Noten. Genauso ist es auch besser, die Hand nicht zu häufig zu heben und die Fragen des Lehrers nicht zu schnell zu beantworten. Oder die Frage überhaupt nicht zu beantworten und stattdessen etwas zu sagen, was die Leitwölfe für lustig hielten. Diese werden jetzt übrigens als Influencer bezeichnet.

Es ist am besten, in der Mitte der Kurve zu bleiben

Eines Tages sprach man mit uns über die Gauss’sche Normalverteilung. Angeblich trifft sie auf viele natürliche Populationen und deren Attribute zu. So scheint es immer eine größere Dichte um den Mittelwert und weniger extreme Exemplare zu geben. Das erschien mir nur logisch, weil Extreme immer gefährlich sind: Keine Emotionen zeigen oder zu viele davon, niemals wütend werden oder die ganze Zeit verrückt spielen.

Wenn du ein friedlicher Teenager sein willst, ist es am besten, in der Mitte der Kurve zu bleiben. Hier ist es viel einfacher, zwischen den vielen anderen, nicht aufzufallen. Camouflage, wie es früher genannt wurde, passt sehr gut zu dem Bild, das ich als Teenager versuche abzugeben. Das Bild, von der Welt unbeeindruckt zu sein.

Hier endet die Seite dieses Tagebuchs, die ich natürlich zufällig auf meinem Schreibtisch habe liegen lassen. Dir das ins Gesicht zu sagen, wäre mir peinlich. Vielleicht verstehst du jetzt meinen Kampf darum, meine eigene Ordnung zu finden. Eine Aufgabe, die nicht einfach, aber trotzdem spannend ist. Und eins noch. Ich liebe dich, auch wenn ich das wahrscheinlich noch nie gesagt habe.