Kann eine Abnormalität unseres Gehirns uns zu einem Psychopathen machen?

· 7. April 2019

Patrick Nogueira tötete seinen Onkel, seine Tante und seine Cousins im familiären Heim im spanischen Pioz. Viele Menschen glauben, dass Nogueira diese Morde beging, weil er eine Gehirnanomalie aufweist, die seine kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt. Das Gericht hat ihn dennoch für schuldig erklärt. Denn die Richter waren überzeugt, dass Nogueira ein Psychopath ist, der genau wusste, was er tat.

Nun, kann eine Gehirnabnormalität oder -verletzung Menschen zu mordenden Psychopathen machen? Kann das Böse in biologischer Hinsicht erklärt werden?

Die Verhandlung von Nogueira erzeugte reges Interesse, da von den Verteidigern Befunde aus dem Neuroimaging verwendet wurden, um die verminderte Schuldfähigkeit des Täters unter Beweis zu stellen. In den Vereinigten Staaten werden schon seit Jahren Gehirnscans verwendet, um zu zeigen, warum Kriminelle angeblich eine eingeschränkte Selbstkontrolle haben. Das Justizsystem verwendet solche medizinischen Erkenntnisse, um zu entscheiden, ob der Täter seine Strafe im Gefängnis absitzen oder in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden soll.

Gehirnabnormalitäten und die Justiz

Bereits vor Jahrzehnten hat die US-amerikanische Richtervereinigung diese Art von Befunden als Beweismittel zugelassen. Einer der berühmtesten Fälle, bei dem ein Gehirnscan wichtig für die richterliche Entscheidung war, war der von Herbert Weinstein. Denn Weinstein wurde 1992 beschuldigt, seine Frau erwürgt und ihre Leiche über einen Balkon geworfen zu haben. Nachdem der Richter sich Weinsteins Befunde aus der bildgebenden Diagnostik angesehen hatte, entschied er, dass eine Zyste in Weinsteins Gehirn der Auslöser für seine Tat gewesen sein müsse.

Psychopathen sollen anhand von Gehirnscans identifiziert werden.

Trotzdem weisen viele Psychologen darauf hin, dass Psychopathen nicht zwangsläufig Menschen mit verminderter Schuldfähigkeit sind. Denn ein Psychopath kennt den Unterschied zwischen richtig und falsch. Darüber hinaus wissen Psychopathen, dass ihre Handlungen unmoralisch sind, aber sie kümmern sich nicht darum. Psychopathen interessieren sich nicht für das Leiden, dass sie ihren Mitmenschen zufügen.

„Wer mit Monstern kämpft, sollte darauf achten, dass er selbst kein Monster wird. Und wenn wir lange in einen Abgrund blicken, blickt der Abgrund schließlich auch in uns.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Was die Neurowissenschaften über Abnormalitäten des Gehirns und gewalttätiges Verhalten sagen

Die Ärzte führten verschiedene neurologische Tests mit Patrick Nogueira durch. Ein PET-Scan zeigte, dass er in verschiedenen Bereichen seines rechten Temporallappens nur eine geringe neuronale Aktivität aufwies. Nogueira gab als Begründung an, dass er sich als Teenager am Kopf verletzt habe. Er sagte auch aus, dass er seit seinem 10. Lebensjahr Alkohol getrunken habe und dass er in der Schule gemobbt worden sei.

Psychiater bestätigten, dass diese Art von Auffälligkeit ein Marker für Soziopathie sein könnte. Sie sagten aus, dass diese bestimmte neurologische Gegebenheit die menschliche Verhaltensweisen beeinflussen könne, und beriefen sich dabei auch auf frühere Untersuchungen: Schon 1997 führten Dr. Adrian Raine und Monte Buchsbaum eine Studie durch, die die Korrelationen zwischen Gehirnabnormalitäten und gewalttätigem Verhalten zeigte. Andere Studien lieferten ähnliche Ergebnisse.

Ein gerahmtes Bild von Phineas Gages

Der Fall des Phineas Gages

Einer der berühmtesten Fälle in der Geschichte der Medizin ist der von Phineas Gages. Psychiater und Neurowissenschaftler verwenden seinen Fall oft als Referenz. Am 13. September 1848 arbeitete Gage mit anderen Bauarbeitern zusammen, um für die in Vermont ansässige Firma Rutland und Burlington an einer Bahntrasse zu bauen.

Während der Arbeit musste Gage eine Sprengung vornehmen. Doch infolge der Explosion bohrte sich ein langer Eisenstab in seinen Schädel. Die Stange drang unterhalb des linken Kiefers in seinen Kopf ein und trat oben am Kopf wieder aus. Cage verlor sein Bewusstsein zu keinem Zeitpunkt. Er redete normal und konnte sich sogar bewegen.

Nachdem die Eisenstange erfolgreich entfernt worden war, begab sich Gage in die Behandlung von Dr. John Martin Harlow, der ihn unter Beobachtung stellte. Dr. Harlow war überrascht, dass Gage die Verletzung überlebt hatte. Nach etwa zwei Monaten kehrte Phineas Gage in sein normales Leben zurück. Abgesehen davon, dass er sein linkes Auge eingebüßt hatte, schien er keine anderen permanenten Schäden davon getragen zu haben.

Dr. Harlow setzte seine Untersuchung an Gage dennoch fort und erweiterte sie um die psychologische Ebene. Er beschrieb, dass der junge Gage nach dem Unfall wie verwandelt gewesen sei. Laut dem Arzt sei er aggressiv, impulsiv und unhöflich aufgetreten, habe sich unmoralisch und unverantwortlich verhalten.

Gage war wie ausgewechselt. Er wechselte des Öfteren seinen Job und schloss sich sogar dem Zirkus an. In den letzten Jahren seines Lebens litt er an epileptischen Anfällen. Er starb im Alter von 38 Jahren.

Antonio Damasio, der berühmte Neurologe, ist einer der Experten, die sich intensiv mit dem Fall Gages beschäftigt haben. Er stellte fest, dass Gages Verletzung seines Frontallappens seine Persönlichkeit, seine Emotionen und seine Fähigkeiten zur sozialen Interaktion verändert haben könnte.

Was Psychologen über die Auswirkungen einer Gehirnanomalie auf das menschliche Verhalten sagen

Viele Psychologen gehen davon aus, dass eine Abnormalität des Gehirns sich nur unter bestimmten Umständen auf das Verhalten auswirke. Mit anderen Worten, es könnte jemanden zu einer bestimmten Art von Verhalten veranlassen, aber das muss nicht so sein.

Der Kriminologe und Psychologe Vicente Garrido erklärt, dass ein Defekt oder eine Verletzung des Gehirns Menschen nicht automatisch zu Mördern macht. Deshalb kann ein Gehirnscan uns nicht die Gedanken eines Menschen aufschlüsseln oder helfen, vorherzusagen, was jemand tun wird. Es gibt viele weitere Faktoren, die das menschliche Verhalten beeinflussen.

Darüber hinaus begeht nur ein kleiner Prozentsatz der Psychopathen tatsächlich einen Mord. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: Psychopathen können durchaus wählen, ob sie richtig oder falsch handeln.

Der Fall des James Fallons

Eine der interessantesten Fallstudien in der Neurobiologie, die sich mit diesem Thema beschäftigt, ist die zu James Fallon. Fallon ist Neurowissenschaftler an Irvine School of Medicine der University of California (Kalifornien, USA), und er ist einer der führenden Experten auf seinem Gebiet.

Fallon weist die Besonderheit auf, dass er die genetische Veranlagung eines Psychopathen hat und sein Gehirn eine anatomische Abnormalität aufweist, die ebenfalls auf Psychopathie hindeuten könnte. Aber nicht nur das, es gibt außerdem mindestens sieben Mörder in seinem Stammbaum, einschließlich der berühmten Lizzie Bordon, die ihre Familie ermordete und in Stücke hackte.

Ein Bild, dass den Neurobiologen James Fallon zeigt

Trotzdem lebt Fallon ein normales Leben und hat nie irgendwelche Verbrechen begangen. Er spricht auf der ganzen Welt über Psychopathen, Soziopathie und seine eigene Geschichte.

Welche Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen? Kann eine Abnormalität des Gehirns uns zu einem Psychopathen machen? Kann es uns zu abscheulichen Verbrechen wie dem Mord in Pioz führen? Bis heute haben wir keine klaren Antworten auf diese Fragen. Eines ist jedoch ziemlich sicher: Eine Abnormalität des Gehirns kann uns zu bestimmten Verhaltensweisen veranlassen, aber wir können erleichtert aufatmen, dass immer noch wir es sind, die den Weg zwischen Gehirnabnormalitäten und Gewalttaten zurücklegen müssen.

  • Garrido, Vicente (2018) Asesinos múltiples y otros depredadores sociales. Ariel
  • Damasio A.R. (2005). «A Modern Phineas Gage». Descartes’ Error: Emotion, Reason, and the Human BrainISBN 014303622X. (First edition: 1994)
  • Furnham, A., Richards, S. C., & Paulhus, D. L. (2013). The Dark Triad of Personality: A 10Year Review. Social and Personality Psychology Compass7(3), 199–216. https://doi.org/10.1002/ijc.31143
  • Zachary Weiss, The Legal Admissibility of Positron Emission Tomography Scans in Criminal Cases: People v. Spyder Cystkopf, 1 SEMINARS CLINICAL NEUROPSYCHIATRY 202 (1996).