Antonio Damasio, der Neurologe der Gefühle

· 23. Februar 2018

Man sagt, Antonio Damasio sei „der Zauberer des Gehirns“ und dank ihm würden wir mentale Prozesse auf eine andere neue Weise verstehen können. Als Professor der Neurowissenschaften, der Neurologie und Psychologie an der University of Southern California (Kalifornien, USA) wurde er 2015 mit dem Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet und seine Studien über Emotionen und die Mechanismen des Bewusstseins machen ihn zu einer unbestreitbaren Referenzfigur in diesem Feld.

Es ist sehr gut möglich, dass uns sein Name bekannt vorkommt, wir aus purem Zufall einmal über seine Bücher gestolpert sind oder ihn vielleicht schon seit Jahren bewundern. Eines seiner berühmtesten Werke heißt Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. In diesem Werk konstatiert er, dass alles Wissen, das wir über das faszinierende Organ Gehirn bereits erworben haben, schon eine Herausforderung darstelle. Doch für Antonio Damasio ist das Gehirn weit davon entfernt, ein Geheimnis zu sein, es ist mehr eine definierte Entität, die sich Stück für Stück aufklart, dank seiner ausgezeichneten Arbeit als Wissenschaftler.

„Das Verständnis um den Unterschied zwischen Emotionen und Gefühlen gleicht dem Entfernen einer Barriere und erlaubt es uns, die Natur der Affekte zu untersuchen.“

Antonio Damasio

Andererseits sagen manche, dass Damasio mehr Neurophilosoph als Neurwissenschaftler sei. In seinen Büchern wird das Gehirn als ein Organ beschrieben, in dem nicht nur unsere Individualität, unsere emotionalen, ethischen und moralischen Werte wohnen. Es enthält unsere Gesellschaft und unser ganzes Wesen als Menschheit. Im Gegenzug dazu gibt es einen wesentlichen Aspekt, der in vielen seiner Arbeiten wiederholt wird: „Nur wenn wir die Funktionsweise des Gehirns verstehen,  wir werden es schaffen, glücklicher zu sein.“

Signale im Gehirn

Antonio Damasio, ein besonderer Neurowissenschaftler

Es gibt Neurowissenschaftler aller Art, doch bis vor Kurzem waren viele ihrer Hypothesen von einem mechanischen und reduktionistischen Ansatz geprägt. Sie waren diejenigen, die uns lehrten, dass unsere Gedanken, Überlegungen und Entscheidungen nur mehr das Ergebnis einer einfachen Verbindung einer bestimmten Gruppe von Neuronen in einem bestimmten Hirnbereich seien.

Aber wo befindet sich demnach unser Bewusstsein? Gibt es eine bestimmte Region, die es inszenieren könnte? Und woher kommen die Gefühle und Emotionen, wo werden sie produziert? Viele dieser Wissenschaftler haben in nicht so ferner Vergangenheit über derartige Fragen gelächelt. Doch es gibt inspirierende Persönlichkeiten wie Antonio Damasio, die vom reduktionistischen Ansatz abkommen, um neue Perspektiven zu eröffnen und zum Verständnis der Bedeutung von Bewusstsein und der Welt der Gefühle beitragen.

Das Bewusstsein sitzt an keiner bestimmten Stelle im Gehirn. Das Bewusstsein ist ein Prozess und ein Wesen, das in allen Spezies verankert ist. Tatächlich, wie Damasio selbst erklärt, hätten sogar einzellige Organismen, wie Bakterien oder Amöben, ein minimales Bewusstsein. Sie arbeiteten, um ihre Integrität zu bewahren, um zu überleben. So hätte jeder Organismus, jedes Lebewesen ein mehr oder weniger ausgeklügeltes Bewusstsein, um sich an seine Umgebung anzupassen und sich entwickeln zu können.

Wir als Menschen haben einen großen Entwicklungssprung gemacht, indem wir Bewusstseinsdimensionen wie Erinnerung, Fantasie, Kreativität und logisches Denken in unser Bewusstsein aufgenommen haben.

Frau steht in einem Feld und blickt in die Ferne

Antonio Damasio: Die Welt der Emotionen und Gefühle

Wenn man von Antonio Damasio spricht, kommt man nicht umhin, auch von seiner Frau Hanna Damasio zu sprechen, die ebenfalls Neurologin ist und an der Seite ihres Mannes in der Forschung arbeitet, um seine Entdeckungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dank ihrer Arbeit mit Patienten konnte das Damasio-Ehepaar eine Vielzahl an Daten sammeln, die ihre Hypothesen unterstützen.

Eine davon ist, dass Emotionen eine Reihe biochemischer und neuronaler Reaktionen seien, die ein unverwechselbares Muster bilden. Antonio Damasio definierte dieses als „somatischer Marker“.  Damit will er sagen, dass wir alle einen emotionalen Fingerabruck haben, der uns reagieren lässt, der uns beeinflusst, wenn es darum geht, bestimmte Verhaltensweisen zu demonstrieren oder eine bestimmte Entscheidung zu treffen.  Laut diesem Neurowissenschaftler gehen Emotionen Gefühlen voraus.

Nehmen wir ein Beispiel: Wir gehen die Straße entlang und hören plötzlich einen Schrei. Was wir sofort erleben, ist eine körperliche Reaktion: wir sind kurzzeitig gelähmt, dann beschleunigt sich unser Herzschlag, unsere Pupillen weiten sich und wir verspüren ein alarmierendes Gefühl, ein beängstigendes … Emotionen gehören für Damasio zum Körper dazu und lösen eine Reihe von Veränderungen aus – biochemische und organische. Von den Emotionen gelangen wir zu den Gefühlen, die bereits einen starke Verbindung zu unseren Gedanken haben.

„Emotionen und Gefühle sind keine Lüste, sie bieten uns die Möglichkeit, unsere mentalen Zustände anderen Menschen mitzuteilen. Doch sie sind auch ein Leitfaden, um Entscheidungen treffen zu können.“

Antonio Damasio

Zwei Menschen mit erleuchteten Gehirnen

Antonio Damasio glaubt, dass es sehr wichtig sei, zu lernen, dass Emotionen und Gefühle zwei verschiedene Dinge seien und dass erstere den letzteren immer vorausgingen. Dies wird klarer, wenn wir an Stress denken; an diese negativen Emotionen, die uns quälen und sogar physische Beschwerden auslösen können, die uns krank machen und uns in beschwerliche mentale Zustände versetzen können. Wir beginnen unter Stress, pessimisitsche und weniger flexible Gedanken zu entwickeln, scheitern daran, Lösungen für alltägliche Probleme zu finden.

Daher sollte eines unserer vorrangigen Ziele sein, positive Emotionen zu kultivieren und uns an das Sprichwort „Fühl dich gut, um positiver zu denken“ zu erinnern. Doch dies setzt zweifellos voraus, dass sich unser Körper wohlfühlt, sicher vor psychischen und physischen Risiken, ruhig und harmonisch. Dies ist ein Zustand, den wir beispielsweise durch Meditation oder Entspannung erreichen können. Ein ruhiger Körper beherbergt einen entspannten Geist, einen ruhigen und fokussierten Geist, der besser denkt und sich besser entscheidet.