Die Skala des Bösen – Vom Kriminellen bis zum Psychopathen

19. Mai 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Die Skala des Bösen - Charles Manson

Michael Stone, forensischer Psychiater und Professor an der Columbia University (New York, USA), ist Experte in der „Anatomie des Bösen“. Er war es, der die Skala des Bösen entwickelte. Ein Werkzeug, das ebenso interessant wie erschreckend ist. Diese Skala soll helfen, die verschiedenen Grade der Aggressivität oder psychopathischen Instinkte, die sich in den dunkelsten Teilen des menschlichen Herzens entwickeln können, zu beurteilen.

Manche Menschen definieren die „Skala des Bösen“ als Abstieg in Dantes Hölle. Jedes Level definiert eine Reihe von Delikten unterschiedlicher Schwere. Sie reichen von Handlungen, die wir vielleicht sogar nachvollziehen können, bis hin zu Straftaten, die so erbärmlich und unverständlich sind, dass sie ein Glaubensbegehren sind.

„Die Welt wird nicht von schlechten Menschen bedroht, sondern von denen, die das Böse zulassen.“

Albert Einstein

Wir sollten zuerst sagen, dass dieses Werkzeug, obwohl es von einem bekannten forensischen Psychiater entwickelt wurde, keinen klinischen Wert hat, wenn es darum geht, einen Kriminellen zu beurteilen. Dr. Stone selbst und viele andere Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft argumentieren jedoch, dass diese Perspektive, basierend auf detaillierten Analysen von mehr als 600 Kriminellen, streng genug sei. Sie glauben, dass sie der Schlüssel zum Verständnis von Gewalt und Bösem sei.

Skala des Bösen

Zwischen 2006 und 2008 zeigte der amerikanische Discovery Channel ein Programm namens Most Evil. Darin analysierte Dr. Stone die Profile mehrerer Mörder, Serienmörder und Psychopathen. Dr. Stone untersuchte Hunderte von Straftaten und ging dabei auf die angewandten Methoden und Motivation der Täter ein. Ebenso konnte er durch Interviews mit zahllosen Gefängnisinsassen der Öffentlichkeit zeigen, wie seine berühmte Skala erschaffen wurde. Das Ausmaß des Bösen hat das Publikum sofort fasziniert. Es umfasst 22 Ebenen und Variablen wie Genetik, neurologische Probleme, Bildung und Umweltfaktoren, die bestimmen können, wie diese Gewaltakte entstehen,

Skala des Bösen

Woher kommt dann aber die Skepsis der Justizbehörden und der forensischen Gemeinschaft hinsichtlich der Dimensionierung des Bösen? Was viele Experten in dieser Skala sahen, war jedoch kaum mehr als pure Sensationslust. Die Arbeiten von Dr. Stone beruhen jedoch auf einem gut begründeten Ansatz der forensischen Psychologie. Er wendet zudem außergewöhnliche Sorgfalt an, wenn er versucht zu erklären, was in diesem perversen Labyrinth des kriminellen Geistes vor sich geht.

Was ist böse?

Lass uns eine einfache Frage stellen. Was meinen wir mit dem Bösen? Ist es böse, wenn ein Mann einen anderen Mann in Notwehr tötet? Oder wenn eine Frau den Mord ihres Peinigers penibel plant, den Mord einer Person, die sie missbraucht hat? Betrachten wir diese Handlungen als Reflexionen des Bösen? Gibt es vielleicht eine Grenze?

Wir alle haben sicherlich schon Handlungen als gerechtfertigt, als verständlich, aber nicht als gerechtfertigt, oder als nicht nachvollziehbar beurteilt. Wir alle haben das Potenzial, gewalttätig und aggressiv zu werden, aber es gibt Nuancen, Ebenen und Dynamiken, die Dr. Stone definieren wollte.

Die Verbrechen von Charles Manson, Ted Bundy, Jeffrey Dahmer, John Wayne Gacy, Dennis Rader und anderen hochkarätigen Attentätern sind so entsetzlich schrecklich, dass die meisten Menschen nicht zögern würden, sie als „böse“ zu bezeichnen, aber gehören sie alle zur selben Kategorie des „Bösen“?

Also, was unterscheidet ein Verbrechen von einem anderen? Wo verläuft die Grenze zwischen dem, was nachvollziehbar ist und was nicht? Welchen Einfluss haben unsere Gene, unsere Persönlichkeit, die Umstände, unter denen wir aufgewachsen sind und unser soziales Umfeld? Diese und andere Faktoren haben Dr. Stone geholfen, das Böse in den folgenden 22 Levels zu definieren.

Erste Gruppe: Begründeter Mord

  • Level 1 bezieht sich auf einfache Selbstverteidigung. In diesem Fall gibt es keine Spuren von Psychopathie und Dr. Stone selbst kommt zu dem Schluss, dass diesen Menschen jede Spur des Bösen fehlt.

Zweite Gruppe: Bosheit aus Eifersucht und Hass

In dieser zweiten Gruppe schließt Dr. Stone all jene Täter ein, die Morde aus Eifersucht begehen, die auf Rache aus sind, und diejenigen, die als Komplizen an einer Gewalttat teilnehmen. Wir sollten anmerken, dass diese Personen keine psychopathischen Züge aufweisen, obwohl ein Großteil von ihnen narzisstische Tendenzen und beträchtliche Aggression zeigt. Schauen wir sie uns im Detail an.

  • Level 2: Verbrechen aufgrund von Leidenschaft, die von unreifen oder egozentrischen Menschen begangen werden
  • Level 3: Ein sehr auffallendes Beispiel für dieses Level auf der Skala des Bösen ist Leslie Van Houten. Diese Frau war ein Mitglied der „Familie“ von Charles Manson. Sie war eine Frau, die tötete, nur weil Manson es ihr befohlen hatte.
  • Level 4: Menschen, die in Notwehr töten, im vorausgehenden Streit aber der Aggressor waren
  • Level 5: Traumatisierte Menschen, die in ihrer Wut keine Angst vor Rache haben
  • Level 6: Impulsive Mörder, die von gelegentlichen Anfällen unkontrollierter Wut getrieben werden
  • Level 7: Extrem narzisstische Individuen, die aus Eifersucht töten

Eine Person schreit und löst sich auf

Dritte Gruppe: Die Grenze zur Psychopathie

Es gibt eine unscharfe Grenze, an der Experten große Schwierigkeiten haben, das Persönlichkeitsprofil des Betroffenen zu erstellen. In dieser dritten Gruppe bringt Dr. Stone all jene zusammen, die Gewalttaten begehen haben, die nicht direkt auf eine psychopathische Persönlichkeit zurückzuführen sind.

  • Level 8: Menschen, die ein hohes Maß an Wut unterdrücken, die nur eine kleine Aggression oder eine ihnen nicht genehme Situation brauchen, die das Fass zum Überlaufen bringt und sie eine gewalttätige Handlung begehen lässt
  • Level 9: Auf dieser Stufe der Skala des Bösen stehen eifersüchtige Liebende, die bestimmte psychopathische Züge aufweisen.
  • Level 10: Hier haben wir die klassischen Auftragskiller, Menschen, die für Geld kaltblütig töten oder Dritte loswerden, die sich ihnen in den Weg stellen. Sie sind egozentrisch, aber haben keine psychopathische Persönlichkeit.
  • Level 11: Egozentrische Menschen mit definierten psychopathischen Eigenschaften
  • Level 12: Menschen, die töten, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen
  • Level 13: Psychotische Mörder, die aus reiner Wut töten
  • Level 14: Verschwörerische, machiavellianische und egozentrische Menschen, die töten, um irgendeine Art von Nutzen zu erlangen
  • Level 15: Psychopathen, die in einem Anfall von Wut Dutzende von Menschen töten können. Ein Beispiel dafür war Charles Manson.
  • Level 16: Psychopathen, die töten und zusätzliche böse Taten begehen

Vierte Gruppe

In diesem letzten Abschnitt über die Dimension des Bösen erreichen wir zweifellos den letzten Kreis von Dante. Die primitivste und ursprünglichste Form des Bösen. Hier beziehen wir uns auf Psychopathen, die unfähig sind, Reue zu empfinden. Das Ziel ihrer Morde ist das Vergnügen, dass sie aus der Gewalttat ziehen.

  • Level 17: Serienmörder mit Fetischen und sadistischen sexuellen Neigungen. Ein Beispiel dafür war Ted Bundy.
  • Level 18: Mörder, die zuerst foltern und dann den Mord durchführen
  • Level 19: Psychopathen, die zuerst ihre Opfer einschüchtern und terrorisieren, um dann ihr abscheuliches Verbrechen zu begehen
  • Level 20: Psychotische Killer, deren Motivation die Folter ist
  • Level 21: Psychopathen, die nur versuchen zu foltern, ohne zu töten
  • Level 22: Auf dieser letzten Stufe auf der Skala des Bösen stehen extreme Folterer und psychopathische Mörder.

Ted Bundy
Wie wir gesehen haben, begegnen wir auf dieser Reise in die Tiefen des Bösen so vielen Nuancen, dass es in manchen Fällen nicht einfach ist, einen Psychopathen als solchen zu klassifizieren.

Unsere Leser werden der Skala mehr oder weniger zustimmen. Einige werden erkennen, wie nützlich es ist, Ebenen des Bösen zu definieren. Andere werden sie als Sensationalismus verstehen. Was sie jedoch zeigt, ist, dass wir den kriminellen Geist mehr und mehr verstehen und immer effektivere Werkzeuge haben, um ihn zu analysieren. Was wir jetzt tun müssen, ist, mehr Ressourcen für die Prävention solcher Gewalttaten zur Verfügung zu stellen, zu denen Ungleichheit, Entbehrung oder Entwurzelung nicht selten beitragen.

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