Liebe mich nicht viel, liebe mich richtig

03 November, 2017
 

Auch wenn es schwer zu glauben ist: Viel lieben ist nicht dasselbe wie richtig lieben. Das liegt daran, dass eine große Menge an Liebe oft nicht mit dem nötigen Realitätssinn und einer hohen Beziehungsqualität einhergeht. Nicht alles, was im Namen der Leidenschaft passiert, ist in Ordnung und verzeihbar, vor allem nicht, wenn es zerstörerisch ist. Niemand kann genug Liebe geben, wenn es ihm an Respekt fehlt.

Aaron T. Black, einer der angesehensten Psychiater im Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie, erklärt dies in seinem Buch Liebe ist nie genug.  Auf jeder seiner Seiten können wir viele unserer eigenen Gedanken und Verhaltensweisen wiederfinden. Im Wesentlichen geht es darum, dass die meisten von uns an dem Gedanken festhalten, dass Liebe alles erobere, dass sie diese unverbrauchbare Energie sei, die alles heile und alles in Ordnung bringe.

„In der Liebe kommt es zu dem Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben.“

Erich Fromm

 

Es ist zweifelsohne etwas entmutigend, anzuerkennen, dass „viel geliebt zu werden“ nicht genug ist, um uns wirklich glücklich zu machen. Aber das Gleiche gilt für auch für andere Lebensbereiche und da haben wir weniger Probleme, es anzuerkennen: Talent ist nicht genug, um erfolgreich zu sein, Geld ist nicht der Schlüssel zu ewigem Wohlstand, und der direkte Weg ist nicht immer der, der uns am schnellsten ans Ziel bringt.

Das Leben ist voller Nuancen, die uns manchmal zur Verzweiflung bringen. Manchmal erstaunen sie uns, und manchmal versetzen sie uns in eine absolute Wehrlosigkeit. Viel lieben ist nicht immer ein Ausdruck echter Liebe. Dies müssen wir endlich verstehen, um entsprechend reagieren zu können. Wir müssen die Idealisierungen hinter uns lassen, um starke, erfüllende und reife Beziehungen führen zu können.

Frau trägt einen Mann im Herzen, über den ein Pflaster geklebt ist
 

Wir lieben viel, aber wir lieben falsch

Viele von uns wählen ihren Partner, weil sie überzeugt sind: „Er ist der Richtige, der, der am besten zu mir passt, der mich glücklich machen kann.“  Die Realität sieht jedoch anders aus.

Wie die meisten von uns wissen, sucht sich niemand aus, in wen er sich verliebt. Liebe und Leidenschaft sucht man sich nicht aus. Sie kommt unverhofft und reißt uns mit. Stück für Stück werden wir in den Strudel der Gefühle und Idealisierungen gezogen, die unsere Beziehung fast himmlisch erscheinen lassen, und wir sagen uns und allen anderen, dass unsere Liebe magisch sei, überschwänglich und ohne Makel.

Ohne es zu merken, kommen wir an einen Punkt der Hingabe, an dem alle Grenzen verschwimmen und wir nur noch für den anderen leben, an diesen Punkt der glücklichen gegenseitigen Abhängigkeit, an dem wir uns so sehr lieben, dass es kein „meines“ und „deines“ mehr gibt, alles „unseres“ ist, bis unsere Identitäten sich auflösen.

Es ist ungemein wichtig, zu verstehen, dass diese bedingungslose Liebe, die ein Geschenk des Himmels zu sein scheint, gefährlich ist. Denn wahre Liebe ist irdisch, und sie braucht Grenzen. Grenzen sind wichtig, um sich zu schützen. Die Privatsphäre beider muss respektiert werden, um eine harmonische und ausbalancierte Beziehung führen zu können.

 

Wenn Liebe im Übermaß gegeben und auch eingefordert wird, kann sie in Tyrannei ausarten, und die folgenden Dynamiken können auftreten.

Hände zusammengetackert

Die 4 Fallen abhängiger Liebe und schädlicher Liebe

In einer abhängigen Liebesbeziehung kommt es früher oder später zu Verhaltensweisen, die uns schaden und die wir daher frühzeitig erkennen müssen. Auch, um uns davor zu bewahren, sie selbst anzuwenden.

  • Die Alles-oder-nichts-Falle. Zu viel Liebe und falsche Liebe kann uns zu Nebenakteuren in unserem eigenen Leben machen, ohne dass wir es merken, denn die gegenseitige Hingabe muss für viel liebende Menschen vollständig und absolut sein.
  • Die Wie-es-sein-sollte-Falle. Es kommt der Punkt, an dem beide Partner zwanghaft darüber nachdenken, was der Partner tun oder lassen sollte: „Wenn er dieses oder jenes nicht tut, dann liebt er mich nicht wirklich. Wenn ich dieses oder jenes tue, sollte er es auch für mich tun.“
 
  • Die Schuld-Falle. Diese Strategie ist zweifelsohne eine der weitverbreitetsten in Beziehungen. Schuldgefühle auf den Partner zu projizieren, um ihn dazu zu bringen, sich schlecht zu fühlen, weil er uns vernachlässigt oder verletzt hat ohne es zu merken, passiert sehr oft.
  • Die Falle, sich das Schlimmste auszumalen. Zwanghafte, kodependente, toxische Liebe führt dazu, dass wir uns Dinge ausmalen, die jeglicher Grundlage entbehren. Der Verdacht, betrogen zu werden, kann sich bespielsweise in ein dauerhaftes Gefühl verwandeln, das uns enorm belastet.
Mann umarmt Hirn, Frau umarmt Herz

Liebe mich auf schöne, freie Weise, solange wir zusammen sind

Es gibt Väter und Mütter, die ihre Kinder lieben und verehren, mit selbstloser und grenzenloser Hingabe. Sie lieben sie sehr, aber sie lieben sie nicht richtig. Es ist eine erstickende Liebe, die den Kindern die Flügel stutzt und sie frustriert. Sie zerstört Träume und manchmal sogar die Fähigkeit des Kindes, zu reifen und ihr Glück zu finden.

 

„Gewonnen hat immer der, der lieben, dulden und verzeihen kann.“

Hermann Hesse

In Paarbeziehungen passiert das Gleiche. Es ist nicht notwendig, für die Liebe zu sterben oder zu leiden. Wir sollten uns selbst und unseren Selbstwert niemals für den anderen aufgeben. Wir sollten fordernd sein und sagen: „Ich will nicht, das du mich viel liebst, ich will, dass du mich richtig liebst!“

Auf der anderen Seite wissen wir nur zu gut, wie wichtig und aufregend es ist, sich ohne Grenzen und in übertriebenem Maße geliebt zu fühlen. Es ist eine Art der Selbstbestätigung. Eine Energie, die uns ausfüllt, erregt, aber auch gefangen hält. Deswegen müssen wir vorsichtig sein und einen kühlen Kopf bewahren. Liebe hat Grenzen, und diese werden gesetzt durch deine Integrität, deine Würde, und dein Glück.

Wenn einer dieser Pfeiler bedroht ist, ist es Zeit, den goldenen Käfig zu verlassen.