Juan Luis Arsuaga - Das Leben ist eine permanente Krise

Laut dem Paläontologen Juan Luis Arsuaga hat die momentane Pandemie lediglich einige Prozesse beschleunigt, die sich bereits abzeichneten. Möchtest du wissen, welche das sind? Dann lies einfach weiter und erfahre mehr darüber!
Juan Luis Arsuaga - Das Leben ist eine permanente Krise

Letzte Aktualisierung: 15. Dezember 2020

Juan Luis Arsuaga, Experte auf dem Gebiet der menschlichen Evolution, Gewinner des Prinz-von-Asturien-Preises und Professor an der Universität Complutense Madrid, hat einige interessante Überlegungen zur aktuellen Pandemie angestellt. Er rät zu Zurückhaltung, Realismus und Humanismus. Darüber hinaus empfiehlt er, bei der Bewältigung der Krise den gesunden Menschenverstand zu nutzen und sieht einige innovative Lösungen dafür, die aus seinem Forschungsbereich stammen.

Eine der bekanntesten Redewendungen von Juan Luis Arsuaga lautet “Das Leben ist eine permanente Krise“. Damit meint er, dass der Tod normal und das Leben außergewöhnlich ist. Er weist darauf hin, dass jede Spezies permanent vom Aussterben bedroht ist. Keine davon ist stabil und von Dauer. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Instabilität ein wesentlicher Teil des Lebens ist.

“Prähistorische Menschen, die den Tod entdeckten, reagierten darauf, indem sie das Leben feierten. Durch Selbstverzierung und Verschönerung bekräftigten sie ihre Existenz und trotzten so der bevorstehenden endgültigen Tragödie.”

-Juan Luis Arsuaga-

Was Juan Luis Arsuaga viel mehr Sorgen bereitet, ist die zunehmende Verbreitung “verschwörerischer” oder “magischer” Schriften und Theorien, die in Bezug auf die Pandemie entstanden sind. Viele Menschen glauben, das Virus sei eine Form göttlicher Bestrafung, eine Ankündigung des bevorstehenden Endes der Welt oder die Folge irgendeines Fluches. Er ist davon überzeugt, dass die Situation den Weg für viele Scharlatane geebnet hat, die ihre übernatürlichen Interpretationen des aktuellen Geschehens zum Besten geben.

Juan Luis Arsuaga - spricht mit ET

Juan Luis Arsuaga und rationales Denken

Dieser Paläontologe betont eine offensichtliche Tatsache: Epidemien und Pandemien sind normal und erwartbar. Denn genau aus diesem Grund gibt es die sogenannte “Epidemiologie”. Viren sind potenziell schädlich. Daher gibt es auch die sogenannte Virologie. Das einzige, was bei dieser aktuellen Pandemie anders ist, ist die Tatsache, dass sie unser aktuelles Gesellschaftsmodell infrage stellt.

Reisende verbreiten das Virus in der ganzen Welt; das ist eine Tatsache. Dies konnte auch deshalb geschehen, weil es heute ziemlich erschwinglich ist, um den Planeten zu reisen. Zu diesem Zweck besteigt der Reisende ein Flugzeug, in dem sich meistens viele Menschen befinden. Ein begrenzter Raum, in dem der Sprühnebel eines einzigen Husters mindestens fünf Menschen erreicht.

Nach Arsuagas Überzeugung geht es im Leben darum, Probleme zu lösen. Um Probleme zu lösen, muss eine Balance erreicht werden, die sich permanent nahe eines Wendepunktes befindet. Es ist ungefähr so, als würde man ein Teil entfernen oder ein neues einsetzen können, ohne dabei die Struktur oder das Fundament des Ganzen zu beeinträchtigen. Nur Mineralien und tote Wesen hätten keine Probleme, sagt er.

Eine große historische Chance

Arsuaga sagt, dass bei verketteten Krisen (also bei Krisen auf einer Seite, die ihrerseits wiederum zu neuen Krisen auf der anderen Seite führen) stets die Möglichkeit besteht, dass eine ganze Zivilisation untergehen oder aussterben wird. Dies widerfuhr beispielsweise dem Römischen Reich. Es ging unter, weil es eine Folge von Krisen durchlebte, von denen es sich nicht schnell genug wieder erholen konnte. Daher ist der wichtigste Faktor also nicht die Krise als solche, sondern das wiederholte Auftreten von Krisen.

Die Gesundheitskrise werden wir sicherlich überwinden können, weil das Potenzial dafür vorhanden ist. Wenn du dazu allerdings die wirtschaftliche Krise, eine soziale Krise und vielleicht eine militärische oder Klimakrise hinzufügst, könnte sich die Situation anders verhalten. Wenn all diese Krisen zur gleichen Zeit auftreten, könnte dies das Ende der Zivilisation bedeuten, wie wir sie heute kennen. Daher ist es wichtig und erforderlich, jedes Problem sinnvoll zu lösen.

Das Wichtige ist, was die Welt aus all dem lernen kann, sagt Juan Luis Arsuaga. Wenn es endlich eine Lösung für diese Krankheit gibt, sollten wir nicht vergessen, wie wichtig es ist, Forschung und Wissenschaft zu finanzieren und zu fördern. Dennoch sollten nach Ansicht dieses Denkers nicht die Wissenschaftler die führende Rolle in dieser Krise übernehmen, sondern die Politiker. Denn so viel von dem, was geschieht, hängt von den Entscheidungen der Machthaber ab und zusätzlich auch davon, welche individuellen Entscheidungen jeder einzelne Mensch trifft.

Juan Luis Arsuaga - in jungen Jahren

Es gibt durchaus Gründe für Optimismus

Wie andere Denker glaubt auch Arsuaga nicht, dass die Pandemie alleine zu Veränderungen führen wird. Bisher beschleunigt sie lediglich Prozesse, die bereits in der Entstehung waren. Darunter auch die Spannungen zwischen dem neoliberalen Modell einerseits und der objektiven Notwendigkeit eines Wohlfahrtsstaates für die Mehrheit auf der anderen Seite.

Darüber hinaus weist er darauf hin, dass jedes Zeitalter seine Krise erlebt und dass die Pandemie das ist, was in der aktuellen passiert. Außerdem warnt er davor, dass derartige Situationen Ängste schüren und dass die Menschen eher dazu neigen, ihre Freiheit und ihre Rechte aufzugeben, wenn sie Angst haben.

Trotz der vielen Höhen und Tiefen, die wir in dieser Pandemie erleben, glaubt Arsuaga, dass sie in der Tat den Kooperationsgeist bei vielen Menschen aktiviert hat. Dieser ist konzentrisch und orientiert sich zunächst auf die eigene Familie. Anschließend auf die erweiterte Familie, dann auf Freunde und Bekannte. Und schließlich weitet sich diese Kooperationsbereitschaft auf die Region, das Land und die ganze Welt aus. Nach seiner Meinung werden die Probleme nach dieser Krise nicht gelöst sein. Aber wir Menschen werden uns bewusster darüber sein, dass wir einander brauchen.

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  • Huertas, D. (2008). El futuro de los sapiens en nuestras manos. Ars Medica, 1, 37-53.