Ignacio Martín-Baró und die Psychologie der Befreiung

7. Juli 2019
Kennst du Ignacio Martín-Baró? Finde heraus, wer dieser Jesuit war, der die Psychologie der Befreiung entwickelte.

Ignacio Martín-Baró ist der Vater der Psychologie der Befreiung. Dieser Jesuit gründete eine neue Bewegung, die das Verständnis der Sozialpsychologie veränderte. Ausgehend von anderen Befreiungsbewegungen konzentrierte sich Martín-Baró auf die Erforschung der Zusammenhänge und Probleme der Menschen.

Außerhalb von Amerika mag er vielleicht nicht allzu bekannt sein, aber auf dem amerikanischen Kontinent ist er eine zentrale Referenz. Seine Ideen führten zu Schulen wie der Gemeindepsychologie, die sich darauf konzentriert, Gemeinden zu stärken, Armut zu bekämpfen sowie Demokratie und geistige Gesundheit zu verteidigen.

Ignacio Martín-Baró: sein Leben

Martín-Baró kam in Spanien (Valladolid) zur Welt und trat der Gesellschaft Jesu bei. Als Jesuit wurde er nach Mittelamerika versetzt. Er studierte Philosophie, Theologie und Psychologie und ließ sich schließlich in San Salvador, in der Republik El Salvador, nieder.

Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit gesellschaftlichen Einstellungen und Konflikten in El Salvador. Insbesondere schrieb Martín-Baró über die Bevölkerungsdichte der unteren sozialen Schichten in diesem Gebiet.

Ignacio war Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in verschiedenen Ländern, aber er war die längste Zeit an der Universidad Centroamericana José Simeón Cañas in San Salvador tätig.

Schließlich wurde Ignacio am 16. November 1989 von einem Trupp des Atlacatl-Bataillons der Streitkräfte von El Salvador auf Befehl von Oberst René Emilio Ponce zusammen mit anderen Priestern getötet. Man spricht seither von den Märtyrern der UCA, der Universidad Centroamericana José Simeón Cañas de San Salvador.

Martín-Baró

Theologie und Philosophie der Befreiung

Die Psychologie der Befreiung geht von drei Bewegungen aus, die vor ihr entstanden sind. Dabei handelt es sich um: die Theologie der Befreiung, die Philosophie der Befreiung und die Pädagogik der Befreiung.

Die Theologie der Befreiung schlägt vor, sich auf die Bedürftigsten zu konzentrieren. Das Christentum erkennt die Unterdrückung und Ungerechtigkeit in diesem Bereich der Gesellschaft und verteidigt den Einsatz von Human- und Sozialwissenschaften.

„Liebe Philosophen, liebe progressive Soziologen, liebe Sozialpsychologen: Verarscht nicht so sehr die Entfremdung, hier wo die fremde Nation der größte Dreck ist.“

Roque Dalton

Die Philosophie der Befreiung ihrerseits konzentriert sich auf die Schaffung von Wissen. Sie argumentiert, dass der größte Teil des Wissens, das studiert wird, von westlichen Männern der Mittelschicht stamme, d.h. Wissen aus anderen Bevölkerungsgruppen wird nicht als gültig angesehen.

Deshalb schlägt die Philosophie der Befreiung vor, durch Dialog das Wissen jener zu verbreiten, die unberücksichtigt bleiben.

Pädagogik der Befreiung

Auch die Lehre von Paulo Freire bildet eine wichtige Grundlage für die Befreiungspsychologie. Er entwickelte eine Bildungsbewegung, die als Pädagogik der Befreiung bekannt ist.

Die Bildung soll darin zur Erneuerung des sozialen Zustands beim Individuum beitragen, indem sie die Person als ein denkendes und kritisches Wesen betrachtet, das über die Realität, in der sie lebt, reflektiert.

„Psychologisches Wissen muss in den Dienst einer Gesellschaft gestellt werden, in der das Wohlergehen der Unterschicht nicht auf dem Unbehagen der Oberschicht beruht, in der die Erkenntnis der Einen nicht die Verweigerung der Anderen erfordert, in der das Interesse der Minderheiten keine Entmenschlichung erfordert.“

Ignacio Martín-Baró

So war die Pädagogik der Befreiung darauf bedacht, sowohl im kritischen als auch im nützlichen Denken zu bilden, d.h. in egalitären Werten zu erziehen, ohne den Gebrauch von Indoktrination.

Bildung nicht nach den Interessen der Wirtschaft, sondern nach den persönlichen Interessen.  Menschen wird beigebracht, die Welt aus ihrer Erfahrung und kritischen Reflexion zu verstehen. Diese Grundlagen wurden in der Psychologie der Befreiung übernommen.

Denkende Frau

Martín-Baró: Psychologie der Befreiung

Auf dieser Grundlage begründete Ignacio Martín-Baró die sogenannte Psychologie der Befreiung. Ihr Ziel ist es, von dem jeweiligen Kontext auszugehen und sich auf die entsprechenden Probleme in diesem Umfeld zu konzentrieren. 

Die Befreiungspsychologie geht davon aus, dass Psychologie nicht unparteiisch ist und spricht sich für eine kritische und positionierte Psychologie aus.

Mit diesen Ideen gründete Martín-Baró das Instituto Universitario de Opinión pública (IUDOP, dt. ‚Universitätsinstitut für öffentliche Meinung‘). Diese Organisation führte Umfragen bei der Bevölkerung durch und gab die erfassten Daten weiter.

Auf diese Weise entmystifizierte Martin-Baró viele Überzeugungen, was als Entideologisierung bezeichnet wird. Auf der anderen Seite stießen Politiker auf Ansichten, die ihren eigenen zuwiderliefen, was in Martín-Barós Ermordung resultierte.

  • Martín-Baró, I. (1998). Psicología de la liberación. Madrid: Trotta.