Ich brauche Hilfe: Ich fühle mich erschöpft vom Rudern in der Einsamkeit

· 10. November 2018

Ich brauche Hilfe. Ich bin erschöpft, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich bin es leid, in der Einsamkeit zu rudern, vorzutäuschen, ich würde mit allem fertig werden und mit meiner eigenen Person umgehen können. Ich brauche einen Lebensretter, eine helfende Hand, die mich führen kann und will … Da es solche Momente gibt, in denen keine andere Möglichkeit besteht, als um Unterstützung zu bitten, sind wir gut beraten, Hilfe zu akzeptieren, um unsere Probleme aus einer anderen Perspektive betrachten zu können.

Man sagt, dass alle unglücklichen Menschen etwas gemeinsam haben, nämlich ihre Bitterkeit. Dennoch ist nicht jede Bitterkeit gleich und es steckt nicht immer derselbe Grund dahinter. Es gibt Menschen, die dieses Unwohlsein befürworten, es sogar für normal halten und ihr Unglück hinunterschlucken, bis es in einer psychologischen Reaktion zu Steinen des Bedauerns, des Grolls, der schlechten Laune und der verzerrten Gedanken, die diesen emotionalen Zustand noch verstärken, wird.

Dabei gibt es Betroffene, die die Verantwortung für ihre unglückliche Kondition auf andere projizieren und erwarten, dass diese erraten, was mit ihnen los sei, und dann dementsprechend handeln. Zum Glück gibt es jedoch auch noch diejenigen, die diesen Schritt wagen und sich überwinden, um Unterstützung zu bitten. Denn dieses Schweigen und Aushalten hat seine Grenze: Obwohl es uns vielleicht leichter fällt, Hilfe anzubieten als sie zu empfangen, gibt es Zeiten, in denen es keine Alternative gibt, wenn wir nicht an unserem Leid ersticken wollen.

„Jemandem zu helfen, der Hilfe benötigt, ist nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein Glück.“

José Martí

Ich brauche Hilfe, ich habe das Limit erreicht

Albert Ellis, ein renommierter kognitiver Psychotherapeut, entwickelte in den 1950er Jahren das, was wir heute als Rational-Emotive Verhaltenstherapie kennen. In diesem Ansatz gibt es einen Aspekt, der es wert ist, erwähnt zu werden: Wir geraten oft in Zustände völliger Hilflosigkeit und Verzweiflung, wenn wir den Gedanken fassen, dass uns das Leben nicht noch schlechter behandeln könnte. Dass wir wie ein Papierschiff wäre, das immer weiter hinaus treibe und dabei aufweiche. Ellis hat es so formuliert: „Es sind nicht Umstände, die uns verändern, sondern unsere Interpretation derselben.“

Schiff aus Papier, das auf dem Wasser schwimmt

Jemanden zu haben, der uns letzteres erkennen lässt, ist ohne Zweifel das Beste, das uns passieren kann. Nun wissen wir jedoch, dass es nicht einfach ist, laut zu sagen, dass wir Hilfe brauchen. Wie macht man das? So paradox dies auch scheinen mag, passiert in der Regel Folgendes: Wer am meisten Unterstützung braucht, ist derjenige, der am zurückhaltendsten ist, wenn es der Moment kommt, um Hilfe zu bitten. 

Jene Person, die die Hilfe am nötigsten braucht, ist oft auch diejenige, die mehr daran gewohnt ist, diese zu geben, als sie zu empfangen. Wenn wir diese Grenze endlich überschreiten und schließlich das Recht gehört, gepflegt und befürsorgt zu werden in Anspruch nehmen wollen, ist es oft so weit, dass wir es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen, es einzufordern.

„Die Menschen sagen oft, sie hätten sich selbst noch nicht gefunden. Doch das Selbst ist nichts, das du findest, sondern etwas, das du erschaffst.“

Thomas Szasz

Welche Indikatoren sagen mir, dass es an der Zeit ist, um Hilfe zu bitten?

Man muss nicht erst an diese Grenze stoßen, dieses Limit, an dem wir schon so gebrochen sind, dass die Konsultation eines Psychologen notwendig wird. Doch wie gehen wir mit unserer Realität um? Wenn sie sich unserer Kontrolle entzieht, kann es sein, dass nur noch wenige Indikatoren wirklich klar sind. Zu diesen Indikatoren gehören:

  • Alles, was wir fühlen, erleben wir auf eine intensive, beinahe exzessive Art und Weise. Ein einfacher Fehler verwandelt sich in etwas Fatales, unsere schlechte Laune kann tagelang, ja sogar wochenlang, andauern. Eine Enttäuschung lähmt uns, unvorhergesehene Ereignisse überwältigen uns.
  • Es gibt bestimmte Ideen, Erinnerungen, Empfindungen, die wir nicht mehr aus unserem Geist entfernen können. All diese Bilder und Gedanken stören uns bei der Erfüllung täglicher Aufgaben und Verpflichtungen.
  • Wir erleben wiederkehrende physische Probleme wie Kopfschmerzen, Verspannungen, Verdauungsprobleme, leiden an Schlaflosigkeit oder schlafen zu viel.
  • Das, was wir früher gern getan haben, hat seinen Sinn und wir das Interesse an ihm verloren. Wir haben auch aufgehört, bei der Arbeit produktiv zu sein.
  • Unsere Beziehungen sind nun angespannter als zuvor. Phrasen wie „Du machst aus jeder Mücke einen Elefanten, mit dir kann man nicht reden“  hören wir immer häufiger. Menschen, die uns wirklich lieben, drücken offen aus, dass sie sich Sorgen um uns machen.
Mann, der seine Hände über den Kopf hält

Was kann ich von denjenigen erwarten, die mir Hilfe anbieten?

Wer Hilfe braucht, erhofft sich drei Dinge: verstanden zu werden, nicht dafür verurteilt zu werden, was er denkt oder getan hat, und Ressourcen zu erhalten, die eine positive Veränderung bewirken können. So etwas kann ein Freund oder ein Familienmitglied leisten; wir alle haben solche „Dienste“ bereits in der ein oder anderen Situation in Anspruch genommen. Dennoch gibt es Momente, in denen es notwendig ist, die Hilfe eines Fachmanns in Anspruch zu nehmen.

Was uns dieser ausgebildete und qualifizierte Psychologe aus einer Reihe sehr spezifischer Kompetenzen anbieten kann, ist Folgendes:

  • Zu lernen, unsere Probleme aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Eine Perspektive, aus der es keine Mauern gibt, eine, aus der wir uns nicht länger als Opfer sehen, sondern als potenzielle Agenten unserer eigenen Realität, die die Macht haben, etwas zu verändern.
  • Er wird uns innere Realitäten erkennen lassen, die wir bisher nicht kannten oder zumindest nicht wahrnehmen wollten. Er wird sozusagen zum Agenten unserer Selbstfindung.
  • Wir sollten nicht erwarten, dass uns ein Psychologe Ratschläge oder Handlungsrichtlinien dafür gibt, was wir tun sollten und was nicht. Ein Psychologe erleichtert und befähigt uns, derjenige Mensch zu werden, der die Antwort auf seine Probleme selbst finden kann. Wir sind die einzigen Architekten unseres Lebens, mit all seinen Veränderungen und Entscheidungen.
  • Ebenso wird der Therapeut uns helfen, unser Leiden zu lindern. Aber wir müssen mit ihm an einem Strang ziehen. Wir erwerben angemessene Werkzeuge, um unsere Emotionen managen zu können, schädliche Denkmuster in Zukunft zu vermeiden oder Techniken der Selbstkontrolle anzuwenden.
  • Ein Psychologe kann dabei helfen, eine Einstellung des Wachstums zu erlangen, in der wir uns unserer selbst bewusst werden, um uns zu ermöglichen, uns selbst mit Mut, Offenheit und Verantwortung in der Welt zu positionieren.
Frau, die in einem Feld spaziert

Um abzuschließen, bleibt zu sagen, dass laut „Ich brauche Hilfe“  zu sagen, uns manchmal mehr kostet, als wir zu zahlen bereit sind. Dennoch ist es ein großer Schritt in die richtige Richtung, einfach nur diese Anfrage zu äußern. Der Preis, den es hat, sich nicht zu äußern, ist unermesslich höher.

Diese Suche nach Unterstützung, die es uns ermöglicht, Veränderungen einzuleiten, kann die beste Entscheidung sein, die wir je getroffen haben. Denn, ob wir wollen oder nicht, können wir manchmal nicht allein mit allem fertig werden. Es gibt Momente, in denen eine Therapie die beste Brücke hin zu einer neuen Lebensphase ist.