Generalisierte Angststörung und ihre Modelle

11 Juli, 2020
In diesem Artikel identifizieren wir Faktoren, die die Entwicklung einer generalisierten Angststörung begünstigen und ihren Verlauf beeinflussen.

Auf die eine oder andere Weise sind wir alle mit dem Konzept der Angst vertraut. Wir wissen, dass jede Person auf ihre eigene Weise Angst empfindet und dass es verschiedene damit verbundene Erkrankungen gibt. Eine davon ist die generalisierte Angststörung. Das Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen, kurz DSM-5, definiert Angst auf verschiedene Arten. Dieser diagnostische Leitfaden definiert auch die generalisierte Angststörung (GAS).

Diese Erkrankung ist durch das Vorhandensein von Angstzuständen und übermäßigen, anhaltenden Bedenken gekennzeichnet, die möglicherweise schwer zu kontrollieren sind, da sie sich nicht auf bestimmte Bedingungen in der Umgebung beschränken.

Die Ängste der Betroffenen können sich auf verschiedene Ereignisse oder Aktivitäten beziehen und manifestieren sich meistens in drei oder mehr physiologischen Symptomen. Darüber hinaus leiden Betroffene mindestens sechs Monate lang an Angstzuständen oder verspüren Sorgen an den meisten Tagen in diesem Zeitraum.

Die generalisierte Angststörung (GAS)

Die dritte Auflage des Diagnostisches und statistisches Handbuches psychischer Störungen (DSM-III) führte GAS ursprünglich als Einzeldiagnose ein. Aber Fachleute verwendeten die Diagnose häufig für Personen, die die diagnostischen Kriterien für andere Angststörungen nicht erfüllten.

In dieser veralteten Veröffentlichung des diagnostischen Leitfadens wird GAS als chronisch und besorgniserregend beschrieben.

In der nächsten Veröffentlichung des Leitfadens, dem DSM-IV, wurde die generalisierte Angststörung als übermäßig und unkontrolliert in Bezug auf verschiedene Probleme eingestuft, die an den meisten Tagen in einem Zeitabschnitt von mindestens sechs Monaten auftreten.

Ebenso würde diese Erkrankung übermäßiges Unbehagen verursachen und sich negativ auf den Alltag des Betroffenen auswirken. Zusätzlich tauchen mindesten drei weitere der folgenden Symptome auf:

  • Unruhe oder Gefühle von Rastlosigkeit oder Nervosität
  • Einschlafstörungen
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Reizbarkeit
  • Muskelverspannung
  • Schluckbeschwerden
Frauen sind in der Regel eher von der generalisierten Angststörung betroffen.

Psychopharmaka und kognitive Verhaltenstherapie (CBT) werden zur Behandlung der GAS eingesetzt. Darüber hinaus kann die Behandlung mit Medikamenten bei der Verringerung von Angstsymptomen wirksam sein. Arzneimittel scheinen jedoch keinen nennenswerten Einfluss auf die Sorgen von Betroffenen zu haben, was das bestimmende Merkmal von GAS ist.

Generalisierte Angststörung: Aktuelle theoretische Modelle

Vermeidungsmodell

Das Vermeidungsmodell der Sorge basiert auf Mowrers Zwei-Faktoren-Theorie (1974). Darüber hinaus baut dieses Modell auf Theorien der emotionalen Verarbeitung auf.

Das Vermeidungsmodell der Sorge besagt, dass verbale sprachliche, gedankenbasierte Aktivitäten entstehen, um intensive mentale Bilder und die damit verbundenen somatischen und emotionalen Reaktionen zu hemmen. Daher schließt diese hemmende Aktivität die emotionale Verarbeitung von Angst aus, die theoretisch für eine erfolgreiche Gewöhnung an die gefürchteten Reize notwendig ist.

Unverträglichkeit von Ambivalenz

Nach diesem Modell empfinden Personen mit GAS Situationen als „stressig und irritierend“, wenn sie ambivalent gedeutet werden können. Infolgedessen erleben sie als Reaktion auf diese Situationen chronische Sorgen.

Betroffene glauben, dass sie durch Sorgen besser mit den von ihnen befürchteten Ereignissen umgehen können. Sie könnten auch glauben, dass dadurch solche Ereignisse verhindert werden können. Aus diesem Grund führt die Sorge in Verbindung mit den damit einhergehenden Angstgefühlen zu einer negativen Herangehensweise an das Problem. Ebenso führen diese Gefühle zu Vermeidungsstrategien bei Betroffenen, was ihre Besorgnis verstärkt.

Personen, die eine negative Herangehensweise an Probleme haben, zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus:

  • Sie leiden an einem Mangel an Vertrauen in ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen,
  • nehmen Probleme als Bedrohung wahr,
  • sind leicht frustriert, wenn sie einem Problem gegenüberstehen und
  • pessimistisch, wenn es um die Ergebnisse ihrer Bemühungen geht, ein Problem zu lösen.

Diese Gedanken verstärken nur Besorgnis und Angst der Betroffenen.

Das metakognitive Modell der generalisierten Angststörung

Das metakognitive Modell der GAS postuliert, dass Betroffene zwei Arten von Sorgen haben. Wells, der Autor des Modells, definiert diese unterschiedlichen Typen der Sorge wie folgt: Wenn sich eine Person über nicht kognitive Ereignisse wie äußere Situationen oder körperliche Symptome Sorgen macht, sind diese der Kategorie der Sorge I zuzuschreiben (Wells, 2005).

Laut Wells machen sich Personen, die an GAS leiden, für gewöhnlich Sorgen über Dinge, die in die Kategorie I fallen. Sie befürchten, dass ihre Besorgnis unkontrollierbar ist oder von Natur aus gefährlich sein könnte. Diese „Sorge um Sorgen“ (die Meta-Sorge) wird von Wells als Typ-2-Sorge bezeichnet.

Aber die generalisierte Angststörung kann auch Männer treffen.

Wells verbindet diese Sorgen des Typs 2 mit einer Reihe ineffektiver Strategien, die der Betroffene anwendet, um sich keine Sorgen mehr machen zu müssen. Insbesondere bestehen diese Strategien aus dem Versuch, Verhalten, Gedanken und Emotionen zu kontrollieren.

Modell der emotionalen Dysregulation

Das Modell der emotionalen Dysregulation basiert auf der Literatur zur Theorie der Emotionen und zur Regulierung emotionaler Zustände im Allgemeinen. Dieses Modell besteht aus vier zentralen Komponenten:

  • Die erste Komponente besagt, dass Personen, die an einer generalisierten Angststörung leiden, eine emotionale Übererregung verspüren. Mit anderen Worten, ihre Emotionen sind intensiver als die der meisten Menschen. Dies gilt sowohl für positive als auch für negative Emotionen, insbesondere aber für negative.
  • Die zweite Komponente geht davon aus, dass Betroffene ein schlechtes Verständnis für Emotionen haben. Dazu gehören beispielsweise Defizite bei der Beschreibung und Kennzeichnung von Emotionen. Dieser Mangel bezieht sich auch auf den Zugriff und die Anwendung nützlicher Informationen, die Menschen über ihre Emotionen erhalten.
  • Als Nächstes beschreibt die dritte Komponente, dass Personen, die an GAS leiden, manche ihrer Emotionen negativer bewerten als andere.
  • Schließlich besagt die vierte Komponente, dass Betroffene eine geringe oder keine adaptive Emotionsregulation haben. Ebenso haben sie Strategien herausgebildet, die ihnen zum Managen der emotionalen Zustände dienen sollen, die aber zu noch schlimmeren Situationen führen, die sie ursprünglich regulieren wollten.

Generalisierte Angststörung: Akzeptanzbasiertes Modell

Laut den Autoren Roemer und Orsillo besteht das akzeptanzbasierte Modell ebenfalls aus vier Komponenten:

  • Interne Erfahrungen
  • Ein problematisches Verhältnis zu internen Erfahrungen
  • Vermeiden von Erfahrungen
  • Verhaltenseinschränkungen

Die Autoren dieser Theorie gehen davon aus, dass Personen mit GAS negative Reaktionen auf ihre eigenen internen Erfahrungen haben. Daher sind Betroffene motiviert, diese Erfahrungen zu vermeiden, was sie sowohl kognitiv als auch durch ihr Verhalten versuchen (zum Beispiel durch wiederholte Beschäftigung mit dem Sorgenprozess).

Zusammenfassend weisen diese fünf theoretischen Modelle der GAS ein wichtiges Merkmal auf. Denn sie alle konzentrieren sich auf eine Bewältigungsstrategie, die konsequent versucht, bestimmte interne Erfahrungen zu umgehen. In den letzten Jahren hat die Forschung im Hinblick auf die Theoretisierung dieser Erkrankung erhebliche Fortschritte gemacht. Allerdings besteht weiter Bedarf an einer Grundlagenforschung zur generalisierten Angststörung.

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