Gefühlsmenschen - wenn der Instinkt die Vernunft überlagert

Wir sprechen heute über gefühlsbetonte, intuitive und leidenschaftliche Menschen, dürfen jedoch nicht vergessen, dass diese positiven Eigenschaften in übertriebenem Maße auch Nachteile haben.
Gefühlsmenschen - wenn der Instinkt die Vernunft überlagert
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 01. August 2022

Gefühlsmenschen sind attraktiv, da ihre Worte und Handlungen authentisch sind. Sie sind aufrichtig, entscheidungsfreudig, sie täuschen ihre Gefühle nicht vor und neigen zu Entschlossenheit, weil sie weniger Hemmungen haben. Außerdem lassen sie sich leidenschaftlich von ihren Gefühlen mitreißen. Das mag manchmal faszinierend erscheinen, hat aber auch seine Kehrseite.

Das übermäßig gefühlsbetonte Handeln definiert ein Profil, in dem Instinkt und Verlangen regieren. Auf mentaler Ebene ist der zeitliche Abstand zwischen Input und Output gering. Zudem gilt: Je intensiver der Wunsch, der Impuls oder die innere Motivation, desto weniger erhält die Reflexion ein Mitspracherecht und desto häufiger ist das Bedauern.

Andererseits ist es interessant zu wissen, dass sich die Psychologie schon seit Jahrzehnten für dieses Verhaltensmuster interessiert. Gefühlsbetonte Reaktionen begünstigten einst das Überleben unserer Vorfahren und sind deshalb noch heute vorprogrammiert. Wenn wir uns allerdings davon mitreißen lassen, können Probleme entstehen.

Gefühlsbetonte Menschen neigen oft zu Überreaktionen. Das kann ihre sozialen Beziehungen belasten.

Mann denkt über Gefühlsmenschen nach
Gefühlsmenschen haben Vor- und Nachteile. Es ist für sie besonders wichtig, reflexive Herangehensweisen zu entwickeln.

Wie sind Gefühlsmenschen?

Gefühlsmenschen sind empfindungsorientiert und reagieren instinktiv. Dr. George Loewenstein, Psychologe an der Carnegie Mellon University, hat die Eigenschaften dieser impulsiven und spontanen Menschen erforscht. In einer Studie weist er darauf hin, dass die meisten Menschen bei vielen Gelegenheiten gefühlsbetontes Verhalten zeigen. 

Das Bauchgefühl drängt uns dazu, etwas zu tun, ohne auf die Vernunft zu hören. Es handelt sich um einen automatischen Mechanismus, der uns auffordert, unseren Hunger zu stillen, bei Schmerzen zu schreien oder bei Angst vorsichtig zu sein. Wenn wir jedoch die Kontrolle über diese emotionsgesteuerten Verhaltensweisen verlieren, entstehen Probleme. Dies ist unter anderem bei einer Sucht, bei Glücksspielen, ungesundem Essen oder schädlichen Beziehungen der Fall.

Gefühlsmenschen haben oft ein ausgezeichnetes Gespür, doch nicht alle Eigenschaften sind unproblematisch. Erfahre anschließend mehr darüber.

Gefühlsmenschen fällt es schwer, ihre Reaktionen vorherzusehen.

Intuitionen und Ahnungen: die instinktive Stimme

Die Universität von Kalifornien hat die Beziehung zwischen dem Phänomen der Intuition und dem instinktiven Verhalten untersucht. Der Journalist und Schriftsteller Malcolm Gladwell hat diesen Bereich bereits in seinem Bestseller “Blink. Die Macht des Moments” (2005) erforscht.

Wenn wir gezwungen sind, eine Entscheidung zu treffen, nehmen wir oft den schnellsten Weg, anstatt alle Variablen zu analysieren. Intuitionen und Ahnungen sind gedankliche Abkürzungen, die es uns ermöglichen, schnell auf alltägliche Anforderungen zu reagieren. Das tun wir nicht nur, indem wir auf vergangene Erfahrungen zurückgreifen.

Unsere intuitiven Emotionen wie Angst, Leidenschaft oder Neugier treiben uns zum Handeln und zu unüberlegten Entscheidungen. Ein charakteristisches Merkmal gefühlsbetonter Menschen ist also gerade, dass sie ständig von ihren Intuitionen angetrieben werden.

Gefühlsmenschen und Verhaltenskontrolle

Schwierigkeiten bei der Emotions- und Impulskontrolle führen auch zu Problemen bei der Kontrolle des Verhaltens, dies macht Gefühlsmenschen unberechenbar. So können entsprechende Personen ihr Verhalten nicht vorhersehen. Manchmal reicht ein kleines Missverständnis für eine Überreaktion aus, die Konsequenzen haben kann. Nicht nur das Umfeld leidet dann, sondern auch die betroffene Person selbst, denn die fehlende Kontrolle erzeugt Unbehagen und Unwohlsein.

Leidenschaft und Begeisterung

Viele Künstler sind Gefühlsmenschen, da sie begabt darin sind, ihre Innenwelt in verschiedensten Ausdrucksformen darzustellen. Sie zeichnen sich durch ihre Begeisterung und Leidenschaft aus, die sehr motivierend sind. Allerdings umgehen diese gefühlsbetonten Menschen oft den Filter der Vernunft und die Mechanismen der Reflexionsie reagieren deshalb oft übertrieben oder treffen schlechte Entscheidungen. Ihre Erwartungen werden immer wieder enttäuscht, was in manchen Fällen zu depressiven oder manischen Zuständen führen kann.

Gefühlsmenschen reagieren intuitiv
Wenn wir impulsiv und nur von starken Emotionen getrieben handeln, sind wir anfälliger für Fehler.

Die Gefahr, sich selbst zum Feind zu werden

Wie bereits anfangs erwähnt, ziehen Gefühlsmenschen die Aufmerksamkeit auf sich, da sie authentisch und leidenschaftlich sind. Sie zeigen ihre Begeisterung und ihr unbändiges Interesse. Sie haben jedoch auch das Gefühl, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben. Gefühlsmenschen verstehen oft nicht, warum sie so oder anders handeln, denn oft tun sie sich selbst nichts Gutes.

Streben Sie den Ausgleich zwischen Emotionen und Vernunft an, um bessere Entscheidungen treffen zu können, Ihre Ziele zu erreichen und sich selbst positiver wahrzunehmen. Natürlich können wir alle in bestimmten Situationen emotional und intuitiv reagieren, bei Gefühlsmenschen ist dies jedoch ein Lebensstil.

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