Erleben ältere Menschen weniger Stress im Alltag?

Nimmt Stress im Alter ab oder begleitet er uns das ganze Leben lang mit derselben Intensität?
Erleben ältere Menschen weniger Stress im Alltag?
José Padilla

Geschrieben und geprüft von dem Psychologen José Padilla.

Letzte Aktualisierung: 21. Januar 2023

Stress zählt zu den großen Übeln der Zeit – die meisten von uns erleben im Alltag Hektik, Zeitdruck und oft auch Nervosität. Ändert sich das mit zunehmendem Alter? Erleben ältere Menschen weniger Stress? Können sie ihre Freizeit genießen und ihrem Lebensabend entspannt entgegenblicken? Wir analysieren heute eine Studie, die Antworten auf diese Fragen gibt.

Täglicher Stress und Gesundheit

Es ist kein Geheimnis, dass Stress kurzfristig unsere Leistungsfähigkeit erhöht und Energie freisetzt. Wir wissen jedoch auch, dass chronischer Stress krank macht. Die American Psychological Association (APA) weist darauf hin, dass eine langfristige Aktivierung des Stressreaktionssystems das Risiko für körperliche und psychische Gesundheitsprobleme erhöht. Er kann zu Angstzuständen, Depressionen, Verdauungsproblemen, Muskelverspannungen und -schmerzen, Bluthochdruck, Schlafproblemen, Gewichtszunahme sowie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen führen.

Eine Studie (2022) unter der Leitung von David Almeida, der an der Universität Penn State forscht, liefert interessante Ergebnisse über täglichen Stress und seine Folgen. Erfahre anschließend mehr darüber.

Gestresste Frau glaubt, dass ältere Menschen weniger Stress erleben
Chronischer Stress kann ernste gesundheitliche Folgen haben.

Ältere Menschen erleben weniger Alltagsstress

Almeidas Team nutzte Daten aus der National Study of Daily Experiences (NSDE), einer nationalen Studie, die über 20 Jahre hinweg Daten über das tägliche Leben von mehr als 3.000 Erwachsenen erfasste. Ziel der Studie war es, altersabhängige Muster der Belastung und der affektiven Reaktivität auf Stressoren zu untersuchen.

Die Studienteilnehmer waren zwischen 25 und 74 Jahre alt und wurden im Rahmen des Projektes “Midlife in the United States (MIDUS)” des Institute on Aging an der Universität Wisconsin-Madison zur Teilnahme eingeladen. Sie füllten an acht aufeinanderfolgenden Tagen Telefoninterviews aus, in denen sie ihr tägliches Stressniveau beurteilten. Diese Beurteilungen wurden in Abständen von etwa neun Jahren wiederholt, sodass Längsschnittdaten über 20 Jahre vorliegen.

Wenn wir älter werden, nehmen die Auswirkungen des täglichen Stresses ab

Die Ergebnisse von Almeidas Studie deuten darauf hin, dass ältere Menschen weniger Alltagsstress erleben. Außerdem waren die Auswirkungen von Stress sowohl auf die Anzahl der täglichen Stressoren als auch auf ihre emotionale Reaktivität geringer.

Statistische Daten zeigen, dass 25-Jährige an fast 50 Prozent der Tage über Stressoren berichteten, während Erwachsene über 70 an nur 30 Prozent der Tage Stress erlebten.

Stressauslöser nehmen mit dem Alter ab. Neben der Abnahme der Anzahl der täglichen Stressoren wurde auch festgestellt, dass wir mit zunehmendem Alter weniger emotional auf tägliche Stressoren reagieren.

“Ein 25-Jähriger ist an Tagen, an denen er einen Stressor erlebt, viel mürrischer, aber wenn wir älter werden, finden wir heraus, wie wir diese Belastungen verringern können”, berichtet Almeida in einer Pressemitteilung der Penn State Universität.

Der tägliche Stress nimmt bis Mitte 50 ab. Interessanterweise weist Almeida jedoch auch darauf hin, dass das Alter (Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre) mehr Herausforderungen und einen leichten Anstieg des täglichen Stresses mit sich bringen kann. Die Reaktion auf herausfordernde Situationen ist allerdings individuell sehr verschieden.

“Diese neuen Forschungsergebnisse sind ermutigend, denn sie zeigen, dass wir mit zunehmendem Alter besser mit Stressoren umgehen können. Im Durchschnitt wird sich das Erleben des täglichen Stresses nicht verschlechtern, sondern sogar verbessern”, so Almeida.

ältere Menschen erleben weniger Stress
Einigen Studien zufolge nimmt die emotionale Intelligenz älterer Menschen zu, was auf ein besseres Gefühlsmanagement schließen lässt.

Verändern sich diese Ergebnisse durch die Pandemie?

Das Team von Almeida erwartet gespannt die nächste Datenerhebung des Programms MIDUS, die erste seit Beginn der COVID-19-Pandemie. Die neuen Daten können Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf die tägliche Stressreaktivität geben. Wir werden sehen, wie sich das Leben verändert hat.

“Das zunehmende Alter von ist zwischen 35 und 65 völlig anders als zwischen 65 und 95”, sagt Almeida, “Wir fangen bereits an, das in den Daten zu sehen, aber die nächste Runde der Datenerfassung und -analyse wird uns ein noch besseres Verständnis dafür geben, wie es aussieht.”

Die erwähnte Studie zeigt uns, dass ältere Menschen weniger täglichen Stress erleben. Die Zeit arbeitet also zu unseren Gunsten, doch wir müssen auch unseren eigenen Beitrag leisten und lernen, mit Stress richtig umzugehen.

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