Engramme: Spuren von Erfahrung in unserem Gehirn

· 6. November 2018

Wenn wir über Engramme sprechen, beziehen wir uns auf die Spuren, die die Erfahrung in unserem Gehirn hinterlässt. Engramme könnten beispielsweise Ängste hervorrufen, provozieren, dass wir auf bestimmte Reize ausweichend reagieren. 

Im Hinduismus wurde dieser Prozess vor langer Zeit definiert, durch den neuronale Strukturen nach einem bestimmten Gefühl, einem schockierenden Ereignis oder einer unvergesslichen Emotion gebildet werden. Die Hinduisten sprachen von „Samskaras“, von Abdrücken einer Erinnerung, aus der man lernen kann.

Auch wenn niemand an der Existenz von Engrammen zweifelt, ist der Mechanismus, durch den sich diese Abdrücke bilden, immer noch ein Rätsel. Wir wissen jedoch, dass wir, wenn wir eine hochemotionale Erfahrung machen, sofort stabile Strukturen erzeugen, die unsere gesamte mentale Funktion auf lange Zeit beeinflussen mag: Gedanken, Emotionen und Verhalten. Faszinierend, nicht wahr?

Nun, die Art und Weise, wie diese „neuronale Spur“ unser Verhalten bestimmt, ist unvorhersehbar. Angesichts dieses subtilen Wirkungsmechanismus verstehen einige Experten Engramme als Mikrochips, auf denen Informationen gespeichert werden. Sie verstehen sie als Aufzeichnungen, auf die unsere Festplatte zugreifen kann und die uns dazu bringen, auf eine bestimmte Weise zu handeln.

Neuronen

Engramme oder Spuren unserer Erfahrungen

Wir haben zuvor den Begriff „Samskara“ erwähnt. Im philosophischen Kontext prägten die Hinduisten jenes Wort, um dieses Phänomen zu beschreiben. Denken wir darüber nach, wie wir manchmal nicht wissen, warum wir uns bei bestimmten Ereignissen auf eine bestimmte Weise verhalten. Diese spirituellen Effekte interpretiert „Samskaras“ als die Codes des „Karma„, als Abdrücke einer Erinnerung, die sowohl in unseren Geist als auch in unseren Körper integriert ist.

Es mutet seltsam an, wie diese Idee in den verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen eine fast parallele Entwicklung genommen hat. Schauen wir uns dazu ein Beispiel an.

Anna ist 5 Jahre alt und lernt das Fahrradfahren. Plötzlich springt ein großer Hund sie an und beißt sie. Jetzt, 20 Jahre später, zögert Anna immer noch, ihr Fahrrad zu nutzen. Sie hat keine Angst vor Hunden, aber ihr Gehirn hat ein Engramm geschaffen, in dem der Akt des Tretens und des Schmerzes zusammenhängen.

Wissenschaftler erklären, dass Engramme ein eindeutiger Beweis dafür seien, wie sich die klassische Konditionierung in unserem Gehirn darstelle. Wegen Engrammen reagieren wir manchmal auf scheinbar „neutrale“ Reize auf eine bestimmte Art und Weise.

Mädchen, das an einer Muschel lauscht

Nun ist eine Aktivierung des limbischen Systems notwendig, damit sich in unserem Gehirn ein Engramm bildet. Wir müssen eine aufschlussreiche und intensive Emotion, entweder positiv oder negativ, erleben.

Engramme und unser mentales Universum

Engramme bilden einen großen Teil unseres mentalen und psychologischen Universums. Wenn wir zum Beispiel eine Rose sehen, ist sie für uns reizvoll, denn in gewisser Weise erwarten wir, einen angenehmen Geruch zu vernehmen. Wenn wir eine Tasse heißen Kakao trinken, erinnern wir uns vielleicht an unsere Kindheit. Wann immer wir bestimmte Lieder hören, verspüren wir Zufriedenheit, Freude und Vergnügen.

Engramme bilden unser Gewissen als neuronales System, das sich erweitert, wenn wir Neues erleben. Sie sind wie Anker, die festhalten, was wir sind, und so im Zusammenhang mit all dem wirken, was eine Reaktion aus uns herauskitzelt. Engramme sind organische Materie und elektrische Energie, die nach unserer Konditionierung organisiert ist.

Allerdings war es für Neurologen eine Herausforderung, herauszufinden, wie dieses physikalisch-chemisch-neuronale Gewirr entsteht. Sie untersuchten die synaptischen Verbindungen, über die sie wirken, und die Art der Neuronen, die ein Engramm bilden. Noch ist nicht klar, ob es für diese Funktion eine bestimmte Art von Nervenzellen gibt. Sozusagen organische Strukturen, deren Funktion es ist, Teil unseres Bewusstseins zu sein, unsere Psyche zu formen und sich in Mikrochips des Gedächtnisses zu organisieren, die Spuren dessen enthalten, wer wir sind.

Neuronale Aktivitäten und Engramme im Gehirn

Neurologen wie Michele Pignatelli, Tomás J. Ryan und Susumu Tonegawa führten kürzlich Studien durch, die wichtige Informationen offenbart haben. Sie entdeckten, dass unser Gehirn bereits wenige Sekunden nach der Geburt dazu in der Lage ist, Engramme zu bilden und zu aktivieren. Es ist, als hätten wir alle einen völlig neuen Computer in uns, der, sobald er eingeschaltet wird, seine eigene Software installiert.

Nun, es besteht die Anforderung, dass diese Programmierung optimal und widerstandsfähig, aber auch agil und effektiv sein soll. Es ist notwendig, dass unsere ersten Erfahrungen, jene, die wir in der frühen Kindheit machen, anregend und positiv sind. Auf diese Weise werden unsere ersten Engramme voller Energie, motivierender Erinnerungen und Erkenntnisse sein, die zu einer gesunden Entwicklung führen.