Ein Geiger in der U-Bahn: Beweis, dass wir schauen, ohne wirklich zu sehen

20 Juni, 2020
Die Washington Post führte ein Experiment durch, um herauszufinden, ob Menschen in der Lage sind, Schönheit aus dem Zusammenhang heraus zu erkennen. Leider hat ihr Experiment gezeigt, dass die meisten Menschen Schönheit, die nicht in ihre Routine passt, nicht wahrnehmen.

Der Geiger in der U-Bahn war ein soziales Experiment, das bewies, dass Menschen oft schauen, ohne wirklich zu sehen, was vor ihnen liegt. Das Experiment fand zum ersten Mal im Jahr 2007 statt und wiederholte sich sieben Jahre später. Der Protagonist? Der weltberühmte Geiger Joshua Bell. Das Experiment scheint zu beweisen, dass Menschen die Schönheit wohl doch sehr gut ignorieren können.

Die Washington Post organisierte das Experiment, um eine einfache Frage zu beantworten: Kann Schönheit die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen, wenn sie zu einem unangemessenen Zeitpunkt in einem alltäglichen Kontext präsentiert wird? Mit anderen Worten, können Menschen Schönheit in unerwarteten Zusammenhängen erkennen?

Die Ergebnisse des Experiments zeigten, dass Menschen schauen, ohne wirklich zu sehen, und hören, ohne wirklich zuzuhören. Vielleicht legen wir zu viel Wert auf den Schein, oder wir sind so in unsere eigenen Gedanken vertieft, dass wir die Diamanten, die zwischen den toten Blättern leuchten, nicht erkennen können.

“Schönheit ist in allem, aber nicht jeder sieht sie.”
Konfuzius

Joshua Bell, ein Virtuose

Joshua Bell ist einer der besten Geiger der Welt. Er wurde 1967 in Indiana geboren. Als er ein sehr kleines Kind war, sahen seine Eltern, wie er Gummibänder benutzte, um die Geräusche zu imitieren, die seine Mutter machte, als sie Klavier spielte. Bell war gerade vier Jahre alt. Sein Vater kaufte ihm eine Geige und Bell gab sein erstes Konzert im Alter von sieben Jahren.

Joshua Bell ist bekannt für seine Liebe zur klassischen Musik und sein Engagement für die Idee, dass jeder Zugang dazu haben sollte. Er ist kein Traditionalist, der glaubt, dass diese Art der Musik nur in bestimmten Umgebungen und nur für eine bestimmte Art von Publikum Genuss bedeutet.

Bell war in der Sesamstraße und hat bei der Produktion von Soundtracks für mehrere Filme mitgewirkt. So spielte er zum Beispiel den Titelsong für The Red Violin und hatte mehrere Cameos im Film. Deshalb war die Washington Post der Ansicht, dass Bell die richtige Person für ihr Experiment war.

Ein Geiger in der U-Bahn

Das Experiment beinhaltete, dass Joshua Bell zur Hauptverkehrszeit in einer viel befahrenen U-Bahnstation in Washington, DC, Geige spielte. Bell entschied sich für seine Stradivarius-Geige, ein Instrument mit einem geschätzten Wert von über drei Millionen Dollar.

Die Entwickler des Experiments schätzten, dass zwischen 75 und 100 Menschen anhalten würden, um Bell zuzuhören. Sie stellten auch die Hypothese auf, dass er in der Stunde, in der er spielte, ungefähr 100 Dollar verdienen würde. Schließlich spielte Bell drei Tage vor dem Experiment ein Konzert, bei dem die schlechten Plätze etwa 100 Dollar kosteten.

Das Experiment wurde am 12. Januar 2007 um 7:51 Uhr morgens durchgeführt. Bell erschien in einem schwarzen Langarmhemd, Jeans und einem Baseballhut an der U-Bahnstation. Er begann ein Stück von Johann Sebastian Bach zu spielen, gefolgt von Schuberts Ave Maria. Er spielte weiter, ein meisterhaft interpretiertes Lied nach dem anderen. Es wurde ziemlich schnell klar, dass Menschen oft schauen, ohne wirklich zu sehen und zu hören, ohne wirklich zuzuhören.

Die Hand eines Geigers spielt.

Der Geiger in der U-Bahn: Wir schauen, ohne zu sehen und hören, ohne zuzuhören

Insgesamt spielte das weltberühmte Geigenwunder etwa 47 Minuten lang. In dieser Zeit gingen 1.097 Menschen an ihm vorbei. Zu jedermanns Überraschung hörten tatsächlich nur sechs Personen zu. Insgesamt verdiente Bell 32,17 US-Dollar für seine Leistung. Er sagte später, dass der frustrierendste Teil des Experiments war, wenn am Ende eines Stückes keiner klatschte. 

Nur eine der 1.097 Personen erkannte ihn. Ein 30-jähriger Mann hörte ihm am längsten zu. John David Mortensen, ein Angestellter einer Regierungsbehörde, hörte Bell sechs Minuten lang zu. Später sagte er, dass die einzige klassische Musik, die er hört, klassischer Rock ist, aber Bell spielte so schön, dass er stehen blieb, um zuzuhören. “Ich fühlte mich sehr friedlich”, sagte er Reportern.

Während dem Experiment des Geigers in der U-Bahn waren die meisten Pendler Bell gegenüber völlig gleichgültig. Sie bemerkten oder kümmerten sich nicht darum, dass ein weltberühmter Musiker ein kostenloses Konzert direkt vor ihnen spielte.

Für Bell war es beunruhigend zu sehen, dass so viele Menschen ihn ignorierten. Deshalb beschloss er, das Experiment sieben Jahre später genau an derselben Stelle erneut durchzuführen. Diesmal gab es jedoch vor der Veranstaltung viel Aufmerksamkeit für ihn.

Als Bell in die U-Bahn zurückkehrte, versammelten sich Hunderte von Menschen, um zuzusehen. Das Ziel war es, junge Leute mit klassischer Musik zu verbinden, also gab Bell eine Art Lehrkonzert. Er war verärgert darüber, dass so viele Menschen beim ersten Experiment nicht in der Lage waren, Schönheit zu erkennen, und wollte etwas tun, um dies zu ändern.

  • García-Valdecasas Medina, J. I. (2011). La simulación basada en agentes: una nueva forma de explorar los fenómenos sociales. Revista Española de Investigaciones Sociológicas (REIS), 136(1), 91-109.