Du bist nicht depressiv, du bist abgelenkt

13. Oktober 2016 en Bücher 280 Geteilt

Der Autor Facundo Cabral hat etwas geschrieben, was du vielleicht „eine Geschichte übers Leben“ nennen magst: über alles das, was vor uns flieht, über all die Unschuld, die wir verloren haben, als wir zum ersten Mal von schwierigen Erfahrungen getroffen wurden. Diese Geschichte heißt No Estás Deprimido, Estás Distraído,  zu Deutsch etwa: Du bist nicht depressiv, du bist abgelenkt.

Er erzählt uns von Hoffnung, von Schwierigkeiten, davon, wie man Schmerz neu konzipiert und wie man verantwortungsvoll, aber nicht zu ernsthaft, lebt, denn das ist der Punkt, an dem alles beginnt, sich zu deformieren. Er redet darüber, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben und unserem Leben durch Liebe und Besinnlichkeit eine neue Bedeutung zu geben. Und er spricht darüber, dass nichts wirklich wichtig ist, solange du dein Leben lebst.

Manchmal denken wir, dass wir traurig oder unglücklich über eine konkrete Sache sind, weil wir etwas verloren haben, von dem wir geglaubt haben, dass das unsere treibende Lebenskraft ist. Wir denken, wir haben nichts mehr, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wir fühlen uns deprimiert, aber wir schätzen nichts wert, was wir um uns herum haben.

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Wir fühlen uns deprimiert, wenn wir nicht wahrnehmen, was wir haben

„Vom Leben, das dich umgibt, abgelenkt, du hast ein Herz, ein Gehirn, eine Seele, einen Geist. Wie kannst du dich also arm und unglücklich fühlen? Abgelenkt vom Leben, das dich umgibt: Delphine, Wälder, Ozeane, Berge, Flüsse.

Werde nicht Opfer der gleichen Sache wie dein Bruder, derjenige, der für einen Menschen in einer Welt leidet, in der es Milliarden anderer gibt. Es ist auch nicht schlecht, allein zu leben; ich mach das gut, mir das auszusuchen, was ich in jedem einzelnen Moment tun will, und Dank meines Alleinseins kenne ich mich selbst, was für mich fundamental ist.

Werde nicht  Opfer der gleichen Sache wie dein Vater, der sich alt fühlt, weil er 70 ist, vergessend, dass Moses 80 war, als er den Exodus angeführt hat, und dass Rubinstein wie niemand sonst mit 90 Chopin gespielt hat – nur um ein paar bekannte Beispiele zu nennen. Du bist nicht depressiv, du bist abgelenkt.

Und deshalb fühlst du dich so, als hättest du etwas verloren, und das ist nicht einmal möglich, denn alles, was du hast, wurde dir gegeben. Du hast nicht ein einziges Haar auf deinem Kopf erschaffen, also kannst du auch nicht ihr Eigentümer sein. Außerdem nimmt dir das Leben nichts weg, es befreit dich von Dingen, es macht dich leichter, sodass du höher fliegen und vollkommener sein kannst.

Alles, von der Wiege bis zum Grab, ist eine Schule, und was du Probleme nennst, sind tatsächlich Lektionen. Das Leben ist dynamisch, es ist immer in Bewegung, also solltest du nur der Gegenwart Beachtung schenken. Und deshalb hat meine Mutter gesagt: ,Ich kümmere mich um die Gegenwart, die Zukunft ist Gottes Aufgabe.‘ Und deshalb hat Jesus gesagt: ,Mach dir deshalb keine Sorgen über das Morgen, denn es macht sich über sich selbst Sorgen. Es gibt jeden Tag genug Probleme.‘

Du hast niemanden verloren. Diejenigen, die gestorben sind, sind nur weiter vorausgegangen, denn wir werden alle dorthin gehen, wo sie sind. Und der beste Teil von ihnen, ihre Liebe, lebt in deinem Herzen.“

Facundo Cabral

Durch diese Geschichte erzählt er uns, dass das, von dem wir denken, es sei eine Depression, oft einfach nur eine Ablenkung von der Welt ist. Er äußert das aus einer künstlerischen und poetischen Perspektive, denn das ist diejenige, die er sieht, aber auch aus psychologischer Sicht ist seine Argumentation durchaus logisch und einleuchtend.

Manchmal werden wir so sehr verletzt, dass wir uns unsicher fühlen. Wir fühlen eine existenzielle Leere und Probleme und wir beginnen damit, wirklich schöne Situationen zu vermeiden. Wir lehnen es ab, mit Freunden spazieren zu gehen, Leute zu treffen und um einen neuen Job zu kämpfen, und Stück für Stück verfallen wir in eine Depression.

Wir werden von negativen Dingen abgelenkt

Unsere Gedanken oder kognitiven Schemata bringen uns dazu, die Welt auf negative Art und Weise zu betrachten. Außerdem tun wir nichts, um die positiven Dinge zu verstärken. Wir gewöhnen uns an die Dunkelheit, an die monotone, aber komfortable Misere, und wir glauben, dass es keinen anderen Weg gibt, in dieser Welt zu leben. Du schaust Fernsehen und denkst, dass du der Welt egal bist, denn das ist die echte Welt, dabei ist es schon so lange her, dass du draußen warst, um die wirkliche Welt zu sehen.

Aber das ist auch, warum du nicht wirklich depressiv bist, du bist einfach abgelenkt von den negativen Dingen, die dich nicht die Schönheit der Welt sehen lassen. Abgelenkt von Menschen, die keine Leidenschaft für nichts haben, von wertenden Beurteilungen, von Sollen, Erinnerungen und Herzschmerz.

Hör damit auf, von Dingen abgelenkt zu werden, die dich blind machen

„Du kannst das Glück nicht finden, und es ist doch so leicht. Du solltest einfach auf den Herz hören, bevor sich dein Kopf einschaltet, der von Erinnerungen beeinflusst wird, die wiederum alles mit alten Dingen aus der Vergangenheit verkomplizieren, mit Vorurteilen, die dich krank machen, die dich einsperren. Ein Kopf, der teilt, der verarmt, ist einer, der das Leben nicht so akzeptiert, wie es sein sollte.

Tu nur das, was du liebst, und du wirst glücklich sein. Menschen, die das tun, was sie lieben, sind glücklicherweise zum Erfolg verurteilt, der kommen wird, wenn er kommen soll, denn was geschehen soll, wird geschehen, auf ganz natürliche Weise.

Versöhne dich mit dir selbst, stell dich vor den Spiegel und denke daran, wie die Kreatur, die du siehst, von Gott geschaffen wurde, und entscheide dich genau jetzt dazu, glücklich zu sein, denn Glücklichsein ist eine Errungenschaft und nichts, was dir von außen gegeben wird. Noch ist Glücklichsein ein Recht, es ist ein Muss, denn wenn du nicht glücklich bist, dann verbitterst du deine Umwelt nur.

Ein Mann, der keine Talente oder Werte hatte, hat den Mord an Millionen Juden angeordnet. Es gibt so viele Dinge zu genießen und unsere Zeit auf der Erde ist so kurz, dass Leiden eine reine Zeitverschwendung ist.“

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Leiden ist Zeitverschwendung. Denn selbst, wenn du es nicht vermeiden kannst, dein Leben hindurch Schmerz zu spüren, wie zum Beispiel den stechenden Schmerz in deiner Seele, wenn du einen geliebten Menschen verlierst, ist anhaltendes Leid etwas, für oder gegen das du dich entscheiden kannst.

Du kannst damit aufhören, dich von Negativität ablenken zu lassen, denn sie besetzt dein Leben und hält dich davon ab, wirklich zu leben, dich um dich zu kümmern, und bringt dich dazu, in eine Opferrolle zu schlüpfen, wenn dir schlechte Dinge widerfahren.

Du bist nicht depressiv, du kannst dich nur nicht dazu aufraffen, dir all die Liebe um dich herum anzuschauen; du bist zu sehr auf die tieferen Beweggründe und Unglücke der Welt fixiert. Du bist damit beschäftigt, über Schuld nachzudenken, über eine Last, von der dir andere Leute gesagt haben, dass du sie zu tragen hast. Aber all das lenkt dich davon ab, die Welt zu genießen, die sich immer weiterdreht, ganz egal, ob du ihr Gewicht spürst oder nicht. Du solltest dir aussuchen, wie du in ihr leben willst.

Du bist nicht depressiv, du bist abgelenkt. Aber erinnere dich daran, dass Unschuld stimulierend ist, denn alles ist ein Spiegelbild, alles ist eine Party, und deshalb kannst du nicht ständig eine Tasche voller unnötiger Ideen und Menschen mit dir herumschleppen.

Jetzt weißt du, warum du abgelenkt und nicht depressiv bist.

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