Muss man seinem Peiniger verzeihen, um den Schmerz zu überwinden?

· 16. September 2016

Verzeihen ist eine Handlung, die uns manchmal ausgesprochen schwerfällt. Verzeihen besteht darin, demjenigen, der uns Schmerz und Leid erzeugt hat, die Botschaft zu senden, dass unser Leben weitergeht, trotz allem, was passiert ist, und dass wir nicht weiter unsere wertvolle Zeit damit verlieren werden, an jemanden zu denken, der weder unsere Gedanken noch unsere Tränen verdient hat, und dem wir nicht noch eine Sekunde mehr widmen werden.

Verzeihen hat ganz klar die Fähigkeit, uns zu befreien, sofern es aufrichtig ist und wir daran glauben. Wir lassen unsere Bitterkeit, unseren Rachedurst und Hass los, Gefühle, die anstatt zu helfen, nur uns selbst schaden, je mehr wir sie befeuern.

Jedoch ist es wichtig, Verzeihen nicht mit dem Vergessen zu verwechseln. Wenn uns jemand viel körperlichen und psychologischen Schaden verursacht hat, wie es bei sexuellem Missbrauch etwa der Fall ist, dann werden wir es nicht vergessen, da unser Gehirn stets auf Erfahrungen zurückgreift, um seine Lehren zu ziehen.

Diese Spur wird für immer auf unserer Seele zurückbleiben, aber es ist wichtig, dass wir mit ihr zu leben lernen, und es schaffen, ein möglichst normales Leben zu führen, trotz allem, was passiert ist.

Was heißt verzeihen und was nicht?

Wie wir erklärt haben, bedeutet verzeihen, dass wir aufhören, unsere Zeit zu vergeuden, unser Sein und unser Leben in Leiden zu verbringen, wegen etwas, was schon nicht mehr rückgängig zu machen ist. Was passiert ist, ist passiert, und leider haben wir nicht die Fähigkeit, diese schmerzliche Tatsache der Vergangenheit auszuradieren, aber wir haben sehr wohl die Macht, unsere Gegenwart und unsere Zukunft aufzubauen.

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Verzeihen heißt zu verstehen, dass noch viel Zeit vor uns liegt, um neue leidenschaftliche Projekte zu realisieren, um wunderbare Personen kennenzulernen, die uns viel Weisheit und Wohlbefinden bringen werden, um uns zu verlieben, zu reisen, unsere Interessen zu genießen.

Und niemand, absolut niemand, kann uns die Flügel abschneiden, um all das durchzuführen, außer wir selbst erlauben es ihm und geben ihm diese Macht.

Verzeihen heißt, dass in unseren Gedanken mehr die Gegenwart und die Zukunft existiert als die Vergangenheit. Es heißt, von unseren Klagen darüber abzusehen, was schon nicht mehr in unseren Händen liegt und es stattdessen mit neuer Hoffnung für die Zukunft zu ersetzen. Es bedeutet, unseren Verstand nicht der Gnade unserer verängstigenden und dunklen Erinnerungen auszuliefern, sondern ihn dazu zu zwingen, in das Hier und Jetzt zu kommen.

Aber Achtung: Verzeihen heißt nicht, einfach über alles Geschehene hinwegzugehen, als wäre es nichts Wichtiges, denn das ist es selbstverständlich. Deshalb bedeutet verzeihen, etwas zu akzeptieren, aber nicht sich mit ihm zufrieden zu geben. Man muss handeln, sich bewegen, versuchen, dass der Peiniger für das büßt, was er gemacht hat, dass sein Handeln Konsequenzen hat.

Verzeihen heißt nicht, alles von einer Nacht auf die andere zu vergessen, das ist unmöglich. Du hast Gefühle und die Wunde muss trocknen, um zu heilen.

Du hast das Recht und es ist auch gut für dich, eine Therapie zu besuchen, jemanden zu haben, der dir zuhört, der versteht, wie du dich fühlst und bei dem du alles herauslassen kannst. Mit der Zeit vernarben die Wunden.

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Die Trauer wird uns zum Verzeihen führen

Verzeihen ist ganz klar ein sehr schwieriger Akt. Wir müssen uns nur bewusst darüber sein, dass zum Beispiel im Falle von sexuellem Missbrauch unser Selbstwertgefühl völlig erdrückt wurde, uns ständig die Angst überkommt und nun die Hoffnungslosigkeit völlig unser Sein durchdringt. Dies ist ganz normal und deshalb ist es auch wichtig, zu wissen, dass wir nur dann verzeihen können, wenn wir bereits an der Trauer gearbeitet haben.

Wenn Emotionen da sind, dann hat dies einen gerechtfertigten Grund. Die Natur hat keine Dinge nur einfach so gemacht. Negative aber gesunde Emotionen, wie etwa die Traurigkeit, helfen uns dabei, alles Erlebte zu verarbeiten und unserem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Ist dieser Prozess einmal abgeschlossen, können wir den Akt des Verzeihens durchführen und unser Leben kann wieder in seinem gewohnten Gang weitergehen, oder sogar einige Veränderungen erfahren, die es noch besser machen.

Um gute Trauerarbeit durchzuführen, musst du zuallererst wissen, dass sich traurig zu fühlen, sich über die Welt zu ärgern und negative Gedanken zu haben, ganz normal ist, denk deshalb nichts Schlechtes über dich. Es ist eine Wunde, die genau jetzt blutet.
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Du wirst verschiedene Phasen durchlaufen: Negation, Zorn, Depression, Akzeptanz. Mach dir keine Sorgen, durchlebe sie als einen Teil der emotionalen Heilung, die du durchlaufen musst. Wenn wir nach all diesen Etappen zur Akzeptanz des Geschehenen gelangt sind, dann können wir, und dies ist auch empfehlenswert, zum Handeln übergehen und dem verzeihen, der uns geschadet hat.

Dazu musst du dir denken, dass die Menschen, die schlechte Handlungen begehen, keine schlechten Menschen sind, sondern kranke oder verwirrte. Im tiefsten Sinn trifft dies glücklicherweise bei der großen Mehrzahl zu und ich sage glücklicherweise, weil man gegen die beiden erwähnten Ursachen etwas machen kann.

Du hast noch viel Leben vor dir, in dem noch Millionen schöne Sachen passieren können, und es hat keinen Wert, uns noch länger als nötig an der Vergangenheit festzuklammern.

Du hast die Fähigkeit zur Resilienz, dass heißt, aus allem wieder herauszukommen, egal welchen Widerständen du begegnet bist. Hole diese Kraft aus dir und führe dein Leben Schritt für Schritt so normal wie möglich weiter, und gib niemals deine Projekte und deine Träume auf.

Am Ende wirst du merken, dass nur das Verzeihen dich befreien kann.

 

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