Die Wunde der Trennung: Zuneigung als Grundrecht

· 13. November 2018

Die Wunde, die die Trennung eines Kindes von seinen Eltern verursacht, kann niemals heilen. Sie ist immens schmerzhaft und hinterlässt Spuren, die auf fast irreparable Weise für immer bestehen bleiben. Genau das ist es, was viele der Kinder erleben mussten, die auf abrupte (und gewaltsame) Weise an der Grenze zwischen den USA und Mexiko von ihren Eltern getrennt wurden.

Wir haben Bilder gesehen, die die negativste und unwürdigste Essenz des Menschen zeigen. Mitte Juni veröffentlichten Zeitungen aus aller Welt Fotografien und Videos aus dem Valle del Río Grande im Süden von Texas, in eben jenem Land, dass sich als das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ bezeichnet. Dort und entlang der Grenze wurde eine Vielzahl an Installationen errichtet, in denen Dutzende von Kindern weinten und nach ihren Familien fragten, während sie in Metallkäfigen festgehalten wurden. Das sind in der Tat Szenen, die wir nie für möglich gehalten hätten.

Angesichts der Auswirkungen der Wunde, die eine längere Trennung der Kinder von ihren Eltern verursacht, müssen Maßnahmen ergriffen werden, um sicherzustellen, dass die Familien dort und anderswo in der Welt unter keinen Umständen getrennt werden. 

Es waren Kinder mittelamerikanischer Immigranten, die soeben auf illegale Weise in das Land eingereist waren. Viele von ihnen waren noch sehr klein, als sie diesen traumatischen Moment erlebten: gewaltsam von ihren Eltern getrennt zu werden. Es ist bekannt, dass die US-amerikanische Regierung seit Mai diesen Jahres mehr als zweitausend Kinder von ihren Vätern und Müttern getrennt hat, seit die Null-Toleranz-Politik von Donald Trump angewandt wird.

Es stimmt zwar, dass der Präsident selbst die Entscheidung zur Familientrennung widerrufen hat – aufgrund enormen soziales Drucks -, doch es ist auch bekannt, dass noch nicht alle Wiedervereinigungen von Familien stattgefunden haben. Darüber hinaus ist der Schaden, wie uns Experten der Kinderpsychologie sagen, bereits angerichtet, und die Wunde, die diese Trennung hinterlassen hat, mag in vielen Fällen nie wieder heilen. 

Kinder, die eingesperrt sind

Die Wunde der Trennung, eine unauslöschliche Spur

Das Titelbild dieses Artikels ist jenes, das aufgrund seiner Ausdruckskraft um die Welt gegangen ist, da es die Angst und Verwirrung der Kinder unverhüllt darstellt. Das Mädchen auf dem Bild kommt aus Honduras, ist erst zwei Jahre alt und wurde gemeinsam mit seiner Mutter an der Grenze verhaftet. Man weiß, dass in diesem Fall Mutter und Tochter nicht getrennt wurden. Dennoch empfand dieses Mädchen in diesem Augenblick große Angst, ist sich einer Bedrohung durch die Autorität bewusst, auch wenn es sie nicht einordnen konnte.

Psychologen untersuchen seit mehr vielen Jahren die Auswirkungen von Traumata auf den kindlichen Geist. Wir wissen heute, dass nichts die körperliche, neurologische und emotionale Entwicklung so sehr beeinträchtigen kann, wie das durch eine Trennung verursachte Trauma, wie dieser vorübergehende oder gar dauerhafte Entzug der elterlichen Fürsorge. Viele dieser zweitausend Kinder wurden in solchen Haftanstalten auf die schlimmste Art und Weise von ihren Müttern, Vätern oder Onkeln getrennt, nämlich mit Gewalt

Diese Tatsache verstärkt die Auswirkungen des Traumas noch weiter. Man weiß, dass Kinder nach solchen Trennungen drei Phasen durchlaufen: Protest, Verzweiflung und schließlich das Loslassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gut ernährt werden oder ob ihre körperlichen Bedürfnisse erfüllt sind. Die Leere, die sie aufgrund der Abwesenheit ihrer Eltern und des Fehlens vertrauter Bezugspersonen, die Zuneigung, Sicherheit und Aufmerksamkeit bieten, spüren, führt sie in einen Zustand der absoluten Hilflosigkeit.

Kind, das mangelnde Zuneigung erfährt

Die Angst, der Ursprung der Wunde

Die Wunde der Trennung stammt aus einer unbestreitbaren Quelle, und zwar aus der Angst. Der Mensch ist darauf programmiert, auf diese Weise zu reagieren. Das bedeutet, wenn wir von unserer Familie getrennt werden, welche im Wesentlichen unser sozialer Kern ist, so erleben wir eine Kombination aus Stress, Angst und Unsicherheit. All diese Emotionen definieren emotionale Ängste und es spielt keine Rolle, ob es sich um gute oder schlechte Eltern handelt; von ihnen getrennt zu sein, versetzt uns in einen Zustand absoluter Verzweiflung.

Nach und nach verändert diese Situation der Angst die Physiologie des Kindes. Stress und Hormone wie Kortisol beginnen, an einem Organismus, der noch nicht reif ist, und einem Gehirn, das noch wächst, zu zehren und in ihm Trauma allmählich zu verfestigen.

Zuneigung ist ein Grundrecht jedes Menschen

Kein Kind sollte die traumatische Trennung seiner Eltern erleben müssen. Derzeit und angesichts der andauernden Migrationsphänomene, die jeden Tag in der Welt auftreten, sollte eine wesentliche Priorität festgelegt werden: die familiäre Gruppierung. Wir können nicht all die frühen Erfahrungen vergessen, die diese Kinder wie ihre Eltern mit sich tragen müssen. Das unfreiwillige Verlassen ihres Zuhauses und die Härte einer Reise, auf der sie sich nicht selten in Lebensgefahr und menschenunwürdige Bedingungen begeben, wiegen schwer.

Wenn wir der Trennung noch die Isolation hinzufügen, dann können die Auswirkungen verheerend sein. Diese Kinder werden mit schweren psychischen Störungen und ernsthaften Problemen in der Integration aufwachsen. Es ist notwendig, das Recht auf Zuneigung als ein Grundrecht des Menschen zu verteidigen, als jenen Faden, der zwischen einem Kind und seinen Eltern niemals reißen sollte.

Trauriges Mädchen, das auf dem Schoß seiner Mutter liegt

Schlussendlich, wie John Bowlby sagte, wisse ein kleines Kind noch nicht, was der Tod sei, doch es wisse , was die Abwesenheit einer Mutter oder eines Vaters sei. Wenn die einzigen Menschen, die seine Bedürfnisse erfüllen können, nicht mehr da seien, werde es Ängste verspüren, wie sie sich sonst nur aus den schlimmsten Bedrohungen ergeben würden. Die Wunden der Trennung beginnt, sich zu öffnen, und ist danach kaum wieder zu schließen.