Die Angst vor der Angst: der Schlüssel zu Angststörungen

Angststörungen führen häufig zu Vermeidungsverhalten, was Betroffenen jedoch nicht hilft. Erfahre heute, wie dieser Mechanismus funktioniert.
Die Angst vor der Angst: der Schlüssel zu Angststörungen

Letzte Aktualisierung: 26. September 2021

Sehr viele Menschen leiden an chronischen Angststörungen, die ihre Lebensqualität sehr stark beeinträchtigen. Meist werden die Symptome allmählich schlimmer, deshalb ist es besonders wichtig, frühzeitig eine Intervention einzuleiten. Die Angst vor der Angst macht die Behandlung komplex. Erfahre heute mehr über dieses Thema.

Menschen mit Angststörungen leiden an Symptomen, die zu einem Teil ihrer Identität werden. Ängste regieren und bestimmen alle Handlungen im täglichen Leben. Sie müssen die Mechanismen kennen, die sich dahinter verbergen, und lernen, mit ihren Ängsten umzugehen, um ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können.

Frau hat Angst vor der Angst

Irrationale Ängste

Wir sprechen über einen Überlebensmechanismus, der notwendig ist. Die Angst hat die Aufgabe, uns vor drohender Gefahr zu warnen und uns auf die Flucht oder Verteidigung vorzubereiten. Ohne sie wäre unsere körperliche oder psychische Unversehrtheit in Gefahr. Ängste sind also nicht unsere Feinde, wir brauchen sie.

Wenn jedoch irrationale Ängste in völlig harmlosen Situationen entstehen, folgen daraus negative Konsequenzen und Einschränkungen, die den Alltag stark erschweren können. Irrationale Ängste sind also die Wurzel des Übels. Sie entstehen durch Falschinterpretationen oder die fehlerhafte Wahrnehmung der Umgebung.

Was ist die Angst vor der Angst?

Wie bereits erwähnt, ist Angst ein notwendiger Überlebensmechanismus. Trotzdem weckt sie in uns unangenehme Gefühle, Sorgen und fehlende Kontrolle. Manchmal handelt es sich um traumatische Erfahrungen. Menschen mit Angststörungen fürchten sich deshalb oft vor ihrer Angst.

Sie müssen sich nicht nur der auslösenden Situation stellen, sondern leiden ständig, da sie sich fürchten,  Ereignisse zu erleben, die ihre Angstgefühle aktivieren. Diese Erwartungsangst entsteht, da sie sich daran erinnern, wie schlimm die Angstempfindung war. Sie möchten diese auf keinen Fall noch einmal erleben. Die Furcht vor der Angst wird also zum Teil des Problems.

Dazu kommt es häufig bei Panikstörungen und Agoraphobie. Nach einer ersten extremen Angstepisode (Panikattacke) fürchtet sich die betroffene Person davor, dass sich diese Situation wiederholen könnte.

Deshalb beginnt sie, ihre körperlichen Empfindungen ständig zu überwachen. Paradoxerweise wird ihre Hemmschwelle immer niedriger und jede kleine Sensation wird als Beginn einer neuen Episode interpretiert und mit Schrecken erlebt. Es ist also die Angst vor der Angst selbst, die die Symptome auslöst.

Andererseits passiert das nicht nur in den beschriebenen Fällen. Bei einer generalisierten Angststörung, einer sozialen Phobie oder einer anderen Angststörung passiert Ähnliches. Zur Kernangst kommt noch die Befürchtung hinzu, die traumatische Angstsituation noch einmal zu erleben.

Warum ist dieses Konzept bei Angststörungen so wichtig?

Die Furcht vor der Angst ist ein Schlüsselkonzept bei Angststörungen, nicht nur, weil sie das Unbehagen verstärkt oder ein neues Element hinzufügt, sondern weil dadurch die Störung länger dauert und intensiver wird. Es handelt sich immer um irrationale oder zumindest übertriebene Ängste. Die betroffenen Personen können sich davon überzeugen, indem sie sich der Situation stellen und ihre Harmlosigkeit erleben.

Betroffene vermeiden mögliche Auslöser oder entwickeln Sicherheitsmechanismen (z. B. immer am Ausgang sitzen, ein Amulett tragen…), um bestimmte Situationen zu vermeiden.

Das Vermeidungsverhalten verstärkt jedoch die bereits vorhandenen Ängste. Die betroffene Person hat nämlich keine Möglichkeit zu erkennen, dass es sich tatsächlich um eine harmlose Situation handelt.

Frau hat Angst vor der Angst

Befreie dich von der Furcht vor der Angst!

Du weißt jetzt, wie wichtig es ist, sich der Angst vor der Angst zu stellen. Hierfür ist die Expositionstherapie die derzeit wirksamste Methode. Sie besteht darin, die Person den angstauslösenden Reizen oder Situationen in geordneter Weise und über einen ausreichenden Zeitraum auszusetzen, um ihre Ängste abzuschwächen.

Auf diese Weise vergewissert sich die Person, dass die körperlichen Empfindungen kein Anzeichen für eine bevorstehende Panikattacke sind. Sie gewöhnt sich an das Unbehagen, das die soziale Interaktion hervorruft, und beweist, dass sie in der Lage ist, damit umzugehen, ohne dass etwas Schlimmes passiert.

Aufgrund der negativen und unangenehmen Angsterfahrungen kann diese Technik anfangs Ablehnung hervorrufen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass der Mut, sich den Ängsten zu stellen, der beste Weg ist, um sie zu überwinden. 

Kurz gesagt, ist die Befürchtung, Angst zu erfahren, ein weitverbreitetes Phänomen und bei Angststörungen von zentraler Bedeutung. Wenn diese Situation bei dir beobachtest, solltest du unbedingt schnellstmöglich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

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