Die Amygdala und Angst: Welcher Zusammenhang besteht?

30 Mai, 2020
Neurowissenschaftler bezeichnen die neurologischen Strukturen, die Angststörungen herbeiführen, als "Netz der Angst". Unter all diesen Strukturen ist die Amygdala die relevanteste: ein Hirnareal, das so klein wie eine Murmel ist. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Amygdala und Angst? Mit dieser Frage werden wir uns heute beschäftigen.

Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Amygdala und Angst bzw. Angststörungen. Diese Tatsache ist schon seit langer Zeit bekannt. Allerdings gibt es noch eine weitere Tatsache, die sowohl sehr erstaunlich als auch sehr bemerkenswert ist. Neurowissenschaftler haben nämlich herausgefunden, dass einige Menschen eine größere Amygdala haben und dass diese Größe das Risiko für das Auftreten von Stimmungsstörungen erhöht.

Ist dies vielleicht nur ein Zufall? Kann jemand wirklich mit einer solchen neurologischen Störung geboren werden? Die Forschung zeigt uns, dass diese Besonderheit letztendlich auf einen ganz bestimmten Faktor zurückzuführen ist. Dieser Faktor ist das Leiden, das durch eine schwere Kindheit verursacht wurde. Dabei trat fortwährender Stress auf, der entweder durch Misshandlung oder durch körperliche oder emotionale Vernachlässigung verursacht wurde.

Das bedeutet, dass deine früheren Erfahrungen und wie sie sich auf dich ausgewirkt haben, die Architektur deines Gehirns formen. Darüber hinaus geschieht all dies auf sehr einzigartige Weise. Wenn du in deiner Kindheit sehr häufig unter Stress gelitten hast, dann verändert dies die Neurobiologie in Bezug auf das, was die Wissenschaftler als das “Netz der Angst” bezeichnen.

Die Hirnareale wie die Amygdala, der Hippocampus oder der vordere dorsale cinguläre Kortex weisen kleine Veränderungen auf, die das Risiko erhöhen, dass du als Erwachsener an Angststörungen leiden wirst.

Amygdala und Angst - ängstliche Frau

Die Amygdala und Angst: Was ist die Verbindung?

Wir alle erleben während unseres Lebens zahlreiche Ängste mit jeweils unterschiedlicher Intensität. Wenn du dich in einer stressigen Situation befindest, wie beispielsweise einem Vorstellungsgespräch, Prüfungen oder einer Konferenz, bei der du eine Rede halten musst, wirst du verschiedene Ängste erfahren. Außerdem erzeugen diese Ängste Unsicherheit und manchmal auch ein Gefühl der Panik davor, was passieren wird, wenn du in diesen Situationen versagst.

Diese Erfahrungen sind völlig normal, ganz egal, wie komplex sie dir auch erscheinen mögen. Allerdings ist es nicht normal, wenn du an permanenten Angstzuständen leidest.

Manchmal gibt es gar keinen bestimmten Auslöser. Du hast permanent ein Gefühl der Angst und kannst dir nicht erklären, woher es kommt. Allerdings kann sich durch diesen Zustand deine gesamte Realität sowohl physisch als auch psychisch verändern. Diese Angst ist pathologisch und wirkt wie ein Gift auf deine Gesundheit und dein gesamtes Potenzial.

Psychische Störungen wie Phobien, posttraumatische Belastungsstörungen und generalisierte Angststörungen können dich nachhaltig beeinträchtigen und haben alle mit Angst zu tun. Daher haben sich Neurowissenschaftler seit Jahrzehnten gefragt, was genau im menschlichen Gehirn passiert und welche Gehirnstrukturen diese Ängste verursachen.

Das “Netz der Angst” und die Amygdala

Angst entsteht keineswegs nur durch die Aktivität einer einzigen Gehirnstruktur. Sie ist vielmehr das Resultat einer komplexen Interaktion verschiedener Hirnareale. Und genau dieser Vorgang wird von Wissenschaftlern als “Netz der Angst” bezeichnet. Obwohl schon alleine der Name beängstigend ist, wollen wir dir nun genauer erklären, was sich dahinter verbirgt.

Zunächst einmal ist das menschliche Gehirn sowohl emotional als auch rational. Es gibt einige sehr alte Bereiche, die die Prozesse artikulieren und dominieren, die mit deinen Empfindungen, Emotionen und Gefühlen zusammenhängen. Insbesondere kontrollieren und steuern die frontalen Bereiche der Großhirnrinde die kognitiven und reflexiveren Prozesse.

Wenn Menschen an Angststörungen leiden, wird ihr Gehirn vollkommen von der Angst gesteuert. Man könnte sagen, dass das Gehirn von einer Reihe von Strukturen “übernommen” wird, die das logische und reflektive Denken einschränken.

Der Teil deines Gehirns, der diese Kontrolle koordiniert, ist die Amygdala. Dies wurde in den 1990er Jahren in einer Studie herausgefunden, die an der Yale Universität von Dr. Michael Davis geleitet wurde. Wie die Amygdala und Angst genau zusammenhängen, wollen wir dir nun kurz erklären:

  • Wir wissen, dass die Amygdala dazu in der Lage ist, extrem schnell Informationen über das zu extrahieren, was uns umgibt. Dabei identifiziert sie sowohl reale als auch imaginäre Risiken und Bedrohungen.
  • Nur wenig später aktiviert sie in dir ein Angstgefühl, um dich auf die Flucht oder Selbstverteidigung vorzubereiten.
  • Anschließend gelangt dieses Gefühl der Angst und erhöhten Wachsamkeit auch in den dorsalen anterioren cingulären Kortex, der sich im Frontallappen befindet. Dieses Hirnareal verstärkt das Gefühl der Angst. Darüber hinaus blockiert es die meisten rationalen Gedanken. Jetzt kontrollieren Emotionen dein Gehirn oder genauer gesagt die Angst. Dein Gehirn möchte, dass du auf diese Situation reagierst.
Amygdala und Angst - Hirnströme

Veränderungen in der Amygdala aufgrund einer schwierigen Kindheit

Im Jahr 2013 machte die Stanford Universität eine großartige Entdeckung. Professor für Psychiatrie Dr. Vinod Menon fand mit MRT-Scans heraus, dass einige Menschen eine überdurchschnittlich große Amygdala haben. Darüber hinaus hatten diese Personen noch weitere korrelierende Faktoren.

Zunächst einmal litten viele von ihnen an einer Form von Angststörungen. Außerdem haben sie alle eine traumatische oder zumindest sehr schwere Kindheit verlebt, in der sie unter anderem physische oder emotionale Vernachlässigung erfahren haben.

Daher scheint eine größere Amygdala Veränderungen in den Verbindungen zwischen anderen Regionen des Gehirns zu verursachen, die für die Wahrnehmung und Regulation von Emotionen verantwortlich sind.

Dadurch wird eine Hyperaktivität verursacht und die zerebrale Amygdala wird empfindlicher. Außerdem wird es schwieriger, Gefühle von Angst, Bedrohung etc. zu regulieren. Allerdings weist Dr. Menon ausdrücklich auf folgende Tatsache hin: Wenn jemand eine schwierige Kindheit hatte, bedeutet dies nicht automatisch, dass diese Person im Erwachsenenalter unter Stimmungsstörungen leiden wird. Dennoch besteht das Risiko und eine größere Wahrscheinlichkeit dafür.

Aufgrund der Kenntnis dieser Tatsachen konzentriert sich die Wissenschaft auf die Regulation der Aktivität der Amygdala. Wenn dies gelingt, könnte uns dies neue und wertvolle Instrumente liefern, mit denen wir Angststörungen behandeln können. Wie du weißt, sind Angststörungen heutzutage ein sehr weit verbreitetes Leiden.

  • Davis, M. (1992). The Role Of The Amygdala In Fear And Anxiety. Annual Review of Neuroscience15(1), 353–375. https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.15.1.353
  • Tye, K. M., Prakash, R., Kim, S. Y., Fenno, L. E., Grosenick, L., Zarabi, H., … Deisseroth, K. (2011). Amygdala circuitry mediating reversible and bidirectional control of anxiety. Nature471(7338), 358–362. https://doi.org/10.1038/nature09820