Das ängstliche Gehirn und der Kreislauf der Sorgen

16. Februar 2019

Das ängstliche Gehirn erlebt mehr Beklemmung als Angst. Es fühlt sich erschöpft, weil es mit seinen Ressourcen an seine Grenzen geraten ist, und all das aufgrund des sich wiederholenden Zyklus der Sorgen und des permanenten Gefühls, dass es von Drohungen und extremem Druck umgeben wäre. Neurowissenschaftler haben gezeigt, dass dieser Zustand durch eine Überaktivität der Amygdala, dieser Wächterin unserer Emotionen, verursacht wird.

Es war Napoleon Bonaparte der sagte, dass Sorgen wie Kleidung sein sollten. Da wären jene Stücke, die wir nachts ausziehen, um besser schlafen zu können, und solche Kleider, die wir manchmal waschen müssen, um unserer Hygiene nachzukommen. Doch man muss hierzu anmerken, dass die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse meist ganz normale Geisteszustände sind.

Der klinische Psychologe Ad Kerkhof von der Vrije Universität in Amsterdam, Niederlande, weist diesbezüglich auf eine Nuance hin: Die Sorge um bestimmte Dinge sei, wie wir sagen, durchaus verständlich und nachvollziehbar. Es werde erst dann problematisch, wenn wir uns Tag für Tag um die gleichen Dinge Sorgen machen. Das sei ein Anzeichen dafür, dass unsere kognitive Leistungsfähigkeit abnehme und wir dieses Geschenk unserer Vorstellungskraft auf die am wenigsten angebrachte Art und Weise nutzen.

Dennoch bestehen nach wie vor Zweifel daran, was genau in unserem Gehirn passiert, dass wir in eine solche Art des psychologischen Abgrunds geraten? Warum versteifen wir uns so sehr auf jene Gedanken, dass wir nicht damit aufhören können, uns zu sorgen?

Die Angst ist wie der Meißel eines erfahrenen Künstlers, der eine Vielzahl von Denkansätzen und mentalen Prozessen verändert. Zu wissen, wie wir ihn zu unseren Gunsten einsetzen können, kann uns ohne Zweifel von großer Hilfe sein.

„Sich ständig zu sorgen ist reine Zeitverschwendung und Unsinn. Es ist, als würde man die ganze Zeit mit geöffnetem Regenschirm herum laufen und darauf warten, dass es zu regnen beginnt.“

Wiz Khalifa

Ein Kopf, der aus Zweigen gebildet wurde

Das ängstliche Gehirn und die „Entführung“ der Amygdala

Ein ängstliches Gehirn ist das Gegenteil eines effizienten Gehirns. Das heißt, während bei der zweiten Option die Ressourcen optimiert werden, die die ausführenden Prozesse begünstigen und so ein angemessenes emotionales Gleichgewicht und eine geringe Belastung ermöglichen, ist bei der ersten Option das Gegenteil der Fall. Hierin liegt die Hyperaktivität, die Erschöpfung und sogar das Unglück.

Wir wissen, wonach die Angst schmeckt und wie sie inmitten dieses Zyklus von Gedanken gelebt wird, die sich wie ein Rad immer fortbewegen, sich immer in dieselbe Richtung drehen und im selben Ton schwingen. Doch was passiert in unserem Inneren? In einer im Jahr 2007 im American Journal of Psychiatry  veröffentlichten Studie wird uns auf diese Frage eine sehr interessante Antwort gegeben.

Emotionen und Schmerz

  • Die Ärzte Stein, Simmons und Feinstein von der University of California (Kalifornien, USA) weisen darauf hin, dass der Ursprung des ängstlichen Gehirns in der Amygdala und in der Inselrinde liege.
  • In diesen Strukturen steige dabei die Reaktionsfähigkeit. Was dann passiere, sei, dass unsere emotionale Sensibilität erhöht werde.
  • Außerdem sollen diese Bereiche Bedrohungen vorhersehen und dann einen entsprechenden Zustand auslösen, um auf diese Reize reagieren zu können.
  • Wenn uns die Angst jedoch über Wochen oder Monate begleite, trete ein anderer Effekt ein: Unser präfrontaler Kortex, der dafür verantwortlich sei, die Selbstkontrolle zu fördern und unseren Fokus zu rationalisieren, arbeite dann weniger effektiv.

Mit anderen Worten ausgedrückt, wer die Kontrolle übernimmt, ist unsere Amygdala. Sie ist dafür zuständig, die Intensität obsessiver Gedanken zu beschleunigen. Bemerkenswert ist auch ein weiterer Aspekt, den Neurologen mithilfe der bildgebenden Diagnostik erkannt haben: Angstzustände lösen Schmerzen im Gehirn aus. Die Aktivierung des anterioren zingulären Kortex scheint ein Beweis dafür zu sein.

Gehirn aus Flammen

Es gibt Menschen, die anfälliger für übermäßige Sorgen sind

Wir wissen, dass übermäßige Sorgen zu mehr oder weniger starken Ängsten führen können. Warum aber bewältigen manche Menschen die täglichen Sorgen besser, während andere in diese zwanghaften Zyklen verfallen?

  • Eine von den Ärzten Freeston und Rhéaume durchgeführte Studie weist darauf hin, dass es Menschen gebe, die Sorgen effizienter nutzen. Sie wissen, wie sie deren negativen Effekt beseitigen, die Kontrolle übernehmen, die Wahrnehmung von Schuldgefühlen reduzieren und einen proaktiven Ansatz verfolgen können, um eine Lösung für das spezielle Anliegen zu finden.
  • Auf der anderen Seite stagnieren manche Menschen und erleben Konflikte noch intensiver, anstatt sie zu lösen.
  • Wie uns diese Arbeit zeigt, habe das ängstliche Gehirn manchmal eine genetische Komponente. Und es ist bereits bekannt, dass hochsensible Menschen diese Art psychischer Zustände häufiger erleben.

Wie geht man also effektiv mit Sorgen um?

Es ist daher niemandem zu wünschen, ein ängstliches Gehirn zu haben. Wir wollen ein effektives, gesundes und widerstandsfähiges Gehirn. Dafür müssen wir lernen, unsere Sorgen unter Kontrolle zu halten, um die Angst auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass nur wenige psychologische Realitäten so anstrengend (und auch schmerzhaft) sind wie eben dieser Zustand.

Sehen wir uns nun einige einfache Tricks an, um die Kontrolle unserer Sorgen zu trainieren.

Zeit, um zu leben – Zeit, um sich zu sorgen

Diese Strategie ist ebenso einfach wie effizient. Sie basiert auf einem kognitiven Verhaltenstool, das uns empfiehlt, eine bestimmte Zeit festzulegen, um uns Sorgen zu machen: vielleicht 15 Minuten am Morgen und 15 Minuten am Nachmittag.

Während dieser Zeit können und sollen wir darüber nachdenken, was uns beunruhigt. Wir sollen auch versuchen, auf diese Bedenken bestmöglich einzugehen und mögliche Lösungen zu finden. Über diesen Zeitraum hinaus dürfen wir uns allerdings nicht erlauben, in die Welt der Sorgen einzutreten. Wir müssen zu uns selbst sagen: „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken.“

Positive Erinnerungen als Anker

Die Sorgen sind wie Krähen, die über unsere mentalen Felder hinwegfliegen. Sie kommen ganz von selbst, ohne dass wir sie uns herbeiwünschen. Ebenso sollten sie auch wieder wegfliegen, wenn sie außerhalb der für sie festgelegten Zeit auftauchen.

Wenn sie auftauchen, müssen wir bereit sein, sie zu verscheuchen, damit sie uns nicht zu stark beeinflussen. Eine Möglichkeit, wie wir dies erreichen können, besteht darin, uns positive und entspannende Anker zu suchen. Wir können eine Erinnerung oder eine Empfindung hervorrufen, oder auch eine entspannende Visualisierung initiieren.

Frau, aus deren Haaren Vögel fliegen

Um mit diesem Thema abzuschließen, ist es notwendig, dass wir einen Aspekt berücksichtigen: Die Umsetzung dieser Strategien erfordert Zeit und Willen, ebenso wie Kontinuität und Engagement. Es ist nicht leicht, den Geist zu zähmen und sein ängstliches Gehirn zu beruhigen. Wenn wir einen großen Teil unseres Lebens dafür aufwenden, von diesem Gefühl der übermäßigen Sorgen besessen zu sein und uns hinreißen zu lassen, ist es sehr schwierig, davon loszukommen.

Doch wir können es schaffen. Wir müssen nur die Angst ausschalten, den Druck auflösen, unsere Augen für neue Perspektiven öffnen und auch die körperliche Betätigung nicht vergessen. Der Rest wird nach und nach ganz von selbst kommen.

  • Shin, L. M., & Liberzon, I. (2010, January). The neurocircuitry of fear, stress, and anxiety disorders. Neuropsychopharmacology. https://doi.org/10.1038/npp.2009.83
  • Sánchez-Navarro, JP, y Román, F. (2004). Amigdala, corteza prefrontal y especializacion hemisferica en la experiencia y expresion emocional. Anales de Psicología , 20 , 223–240. https://doi.org/10.2174/138527205774913088
  • Stein, M. B., Simmons, A. N., Feinstein, J. S., & Paulus, M. P. (2007). Increased amygdala and insula activation during emotion processing in anxiety-prone subjects. American Journal of Psychiatry164(2), 318–327. https://doi.org/10.1176/ajp.2007.164.2.318