Emotionale Vernachlässigung und Folgen für betroffene Kinder

· 2. Oktober 2018

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Kindesmissbrauch als ein breites Spektrum an Taten, das Menschen unter 18 Jahren betreffe und „körperliche Aggression wie Schlagen oder Treten, aber auch erzwungenen Geschlechtsverkehr und andere Formen sexuellen Zwangs, psychische Misshandlung wie Einschüchterung und Erniedrigung und Verhaltenskontrolle sowie Vernachlässigung durch Eltern und andere Fürsorgepersonen, die zu tatsächlichen oder möglichen Schäden für das Überleben, die Gesundheit, die Entwicklung oder die Würde des Kindes im Rahmen einer Beziehung von Verantwortung, Vertrauen oder Macht “ umfasse.

In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf Vernachlässigung als eine Form von Kindesmissbrauch. Leider gibt es viele Fälle, in denen wir die Nachrichten anschauen und von Kindern hören, die zu Hause eingesperrt völlig vernachlässigt, unterernährt und im Schmutz leben. Das ist genau das, wovon die Rede ist, wenn es um die Vernachlässigung von Kindern geht, auch wenn nicht in jedem Fall solche Extreme erreicht werden. Und genau da stellen sich einige Fragen: Was genau ist Vernachlässigung? Gibt es mehr als eine Art von Vernachlässigung? Was macht diese Art von Missbrauch mit einem Kind?

Wir wollen diesen Fragen auf den Grund gehen.

Eine Definition von Kindesvernachlässigung und verschiedene Arten

Vernachlässigung wird definiert als eine Art von Missbrauch, bei dem die Eltern oder Erziehungsberechtigten des Kindes dahingehend versagen, die körperlichen oder emotionalen Bedürfnisse des Kindes zu stillen. Sie erfüllen nicht die Mindeststandards im Bezug auf Wärme, Ernährung, Kleidung, medizinische Versorgung, Bildung, Sicherheit und/oder Zuneigung.

Schaukelndem Kind droht Missbrauch

Es gibt zwei grundverschiedene Arten von Vernachlässigung:

  • Physische und kognitive Vernachlässigung: Diese hat mit den körperlichen Bedürfnissen des Kindes zu tun und umfasst seine Unterbringung, Ernährung, Kleidung, Hygiene und medizinische Versorgung. Diese Art der Vernachlässigung bedeutet, dass die Erwachsenen, die für das Kind verantwortlich sind, sich entweder nie oder nur selten um die essenziellen Bedürfnisse des Kindes kümmern.
  • Emotionale Vernachlässigung: Diese besteht in einem konsequenten Mangel an Reaktion auf Signale wie Weinen, Lächeln und andere emotionale Ausdrücke und Verhaltensweisen, die Intimität und Interaktion zu erreichen suchen. Sie beinhaltet auch das Fehlen einer stabilen Figur, die bestrebt ist, mit dem Kind zu interagieren und es auf die Welt vorzubereiten.

Besonders die Auswirkungen von emotionaler Vernachlässigung werden häufig unterschätzt, da sie nicht zu physischen Narben führt. Dennoch, es gibt deutliche Signale dafür.

Anzeichen emotionaler Kindesvernachlässigung

Es gibt drei wesentliche Anzeichen für emotionale Vernachlässigung und sie beinhalten diese Verhaltensweisen:

  • Ignoranz: Hier geht es darum, dass Eltern den Wunsch und das Bedürfnis ihres Kindes nach Interaktion ignorieren. Sie zeigen keine Emotionen, wenn sie Zeit mit ihrem Kind verbringen. Zum Beispiel gibt es Eltern, die nur dann mit ihrem Kind interagieren, wenn sie es unbedingt müssen. Sie zeigen keine Fürsorge oder Liebe.
  • Probleme im sozialen Umfeld, fehlende Interaktion, Verhaltensauffälligkeiten. Sie sind das Ergebnis der im ersten Punkt beschriebenen Ignoranz.
  • Verweigerung der psychologischen Aufmerksamkeit: Hier weigern die Eltern sich auch dann noch, eine Wende einzuleiten, wenn ihr Kind bereits ein schweres emotionales oder ein Verhaltensproblem zeigt oder gar einen Suizidversuch unternimmt. Spezialisten mögen den Eltern bereits gesagt haben, dass ihr Kind Hilfe braucht. Aber die Eltern machen sich nicht die nötige Mühe oder schieben diese Aufgabe immer weiter auf.
Kind umarmt ängstlich seinen Teddybär.

Variablen in der Vernachlässigung von Kindern

Diese Verhaltensweisen sind für die meistens von uns sehr schwer nachzuvollziehen. Es ist deshalb üblich, sich zu fragen, welche Art von Familien besonders gefährdet ist. Nun, viele Studien stimmen darin überein, dass es bestimmte Variablen gibt, die hinsichtlich der Vernachlässigung von Kindern zu berücksichtigen sind:

  • Fehlende Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Die Eltern verstehen die Bedürfnisse ihrer Kinder vielleicht gar nicht oder sie nehmen sie als Störfaktoren wahr.
  • Eltern oder Betreuer mit einem sehr niedrigen Bildungsniveau. Die Eltern sind kaum in die Schule gegangen und kümmern sich nicht um den Erfolg ihrer Kinder in dieser Einrichtung.
  • Die Eltern oder Erziehungsberechtigten haben ein instabiles Einkommen. Selbst wenn sie arbeiten, sind die Jobs normalerweise vorübergehend und vermitteln ihnen keine Befriedigung.
  • Romantische Beziehungen mit Höhen und Tiefen. Das bedeutet, dass die Eltern selbst Probleme haben, zu kommunizieren, und dass das Kräfteverhältnis nicht stimmt.
  • Erziehungsberechtigte mit wenigen bis keinen sozialen Beziehungen. Sie pflegen kaum Kontakt zu Freunden, Bekannten, Nachbarn. Sie bitten auch dann nicht um Hilfe, wenn sie welche brauchen.
  • Konflikte mit der Großfamilie. Zum Beispiel werden die Großeltern nicht um Hilfe gebeten, wenn jemand gebraucht wird, der sich um die Kinder kümmert – stattdessen werden diese allein gelassen. Dieser Punkt ergänzt den vorherigen.
  • Wohnen in kleinen Räumen, in denen es an Hygiene und Sicherheit mangelt. Zuweilen übernimmt kein Erwachsener die Verantwortung für die Hausarbeit, also muss eines der Kinder die entsprechenden Aufgaben erledigen.
  • Eine Vergangenheit geprägt von Kindesvernachlässigung. Mindestens einer der Eltern oder Erziehungsberechtigten wurde als Kind selbst Opfer von Vernachlässigung. Es ist sehr üblich, dass der Betroffene nicht über diese Zeit seines Lebens sprechen will.

Zusammenfassend ist emotionale Vernachlässigung ein sehr kompliziertes Problem, in das viele Faktoren hineinspielen. Aber nur weil es kompliziert ist, heißt das nicht, dass es keiner sofortigen Aufmerksamkeit bedürfe. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass die Folgen auf lange Sicht sogar noch schwerwiegender sein können als die von körperlicher Misshandlung.