Dich selbst an die erste Stelle setzen - ein gesunder und selbstloser Akt

Sich selbst an die erste Stelle zu setzen, ist eine gesunde, nützliche und notwendige Praxis. Es ist keine Selbstsucht, denn Selbstsorge ist eine unerschütterliche Liebe zu dem Menschen, den du im Spiegel siehst, ohne Entschuldigungen oder Urteile.
Dich selbst an die erste Stelle setzen - ein gesunder und selbstloser Akt

Letzte Aktualisierung: 15. Mai 2021

Wenn du dich selbst an die erste Stelle setzt, ist dies eine Investition in dein persönliches Wohlbefinden und deine Lebensqualität. Außerdem kannst du dich nur dann um andere kümmern, wenn du so für dich selber sorgst und auf dich achtest, wie du das verdienst.

Interessanterweise konzentrierte Sokrates selbst einen Teil seiner Lehren auf das Konzept der Selbstsorge oder das, was damals als Epimeleia heautou, also die Sorge um sich selbst bezeichnet wurde.

Später analysierte Michel Foucault die Idee etwas genauer und kam zu folgendem Schluss. Nur wenn ein Mensch es schafft, sich selbst wirklich zu kennen, auf sich selbst aufzupassen und sich selbst zu schätzen, kann er wahre Freiheit erreichen.

“Wenn du keine Selbstliebe hast, welche Liebe kannst du anstreben?”

-Walter Riso-

Die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, wann oder warum den meisten von uns beigebracht wurde, dass dies eine egoistische Einstellung sein soll. Die Terminologien wurden durcheinander gebracht und haben uns glauben lassen, dass Altruismus und Respekt für andere Menschen überhaupt nicht mit Selbstliebe vereinbar ist oder damit, dass wir uns selbst an die erste Stelle setzen, wie wir es sollten. Aber diese Annahme ist schlichtweg falsch.

Und so haben wir, fast ohne es zu merken, Beziehungen aufgebaut, die auf Opfern basieren. Basierend auf der Idee, dass andere uns umso mehr lieben und schätzen werden, je mehr wir ihnen geben.

Aber am Ende bleibt dabei die eigene Selbstliebe auf der Strecke. Wir schauen nicht zurück und denken, dass wir alles richtig machen, was von uns erwartet wird.

Daher müssen wir versuchen, diese ungesunde Praxis zu beenden. Und warum? Sie ist im Wesentlichen der Auslöser für viele unserer Probleme: Frustration, Angst, schlaflose Nächte und sogar körperliche Schmerzen…

an die erste Stelle - Vogel auf dem Kopf

Wenn du damit aufhörst, dich an die erste Stelle zu setzen, wirst du dich irgendwann ausbrennen

Wenn du damit aufhörst, dich selbst an die erste Stelle zu setzen und deinen Kopf stattdessen mit Gedanken wie “Ich muss dies tun”, “Ich muss ihm helfen” oder “Sie erwarten von mir, dass ich dorthin gehe” füllst, wirst du dich letztendlich lediglich selber erschöpfen.

Aber wenn du dich fortlaufend auf diese Weise unter Druck setzt, kostet dich das viel Energie, du verlierst allmählich deine eigene Identität, deine eigenen Wünsche und vor allem dein Selbstwertgefühl. Das Schwierigste daran ist, dass du all dies häufig tust, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Du hältst nie inne und fragst dich, ob du einem Menschen tatsächlich diesen besonderen Gefallen tun möchtest.

Psychologen erklären dieses Verhalten folgendermaßen: Du gerätst in eine Art Falle, in der du Dinge einfach ganz automatisch tust und diese Handlungen dann als natürlich und notwendig rationalisierst. Du glaubst, dass du wertvoll bist, wenn du für andere nützlich bist und etwas für sie tust. Wenn du von deinen Lieben gebraucht wirst, werden sie dich lieben.

Diese Dreierregel führt jedoch nicht immer zu den erwarteten Ergebnissen; tatsächlich tut sie das selten.

Was in diesen Fällen passiert, ist ebenso niederschmetternd wie traurig. Wenn du erkennst, dass deine Bemühungen und ständigen Opfer gar nicht wirklich geschätzt werden, entwickelst du im Laufe der Zeit eine sehr kritische Sicht auf dich selbst. Du machst dir Vorwürfe, wie du so naiv, hingebungsvoll und so leichtgläubig gewesen sein konntest. Die Enttäuschung ist riesig.

Somatisierung

Diese innere Stimme kann manchmal sehr grausam sein. Und dann dauert es auch nicht lange, bis eine Somatisierung (Briquet-Syndrom) auftritt. Muskelschmerzen, bleierne Müdigkeit, Verdauungsprobleme, Infektionen, Kopfschmerzen und sogar Haarausfall können die Folge sein.

Wenn du dich ausschließlich darauf konzentrierst, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfüllen und zu befriedigen, kann es passieren, dass du dich dabei selber als Mensch verlierst. Du bist erschöpft und ausgelaugt, bis du schließlich keinen eigenen klaren Gedanken mehr fassen kannst. Du verlierst die Hoffnung und weißt irgendwann nicht einmal mehr, wer du selber eigentlich bist. Deine eigene Identität geht allmählich verloren. Wenn dies geschieht, verspürst du eine tiefe körperliche Müdigkeit und dein Geist ist regelrecht vernebelt.

Lerne, dir selber “dienlich zu sein”

Es gibt viele Menschen, deren Leben fast vollständig vom Zeitplan anderer bestimmt wird. Wie Züge, die von Gleisen an fremden Orten in andere Welten fahren. Diese Menschen tragen fremde Lasten als wären es ihre eigenen. Infolgedessen haben sie irgendwann auch keinen einzigen freien Tag mehr für sich selbst. Keinen Ruhetag, um sie selbst zu sein, auf sich selbst aufzupassen, für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen und einfach einmal das zu tun, was sie selber möchten.

Wenn du lange Zeit in einer derartigen Situation verweilst, gefährdest du damit dein psychisches Gleichgewicht und deine Gesundheit. Daher empfehlen wir dir, dich von dieser “Trägheit” zu befreien und dir einen neuen Fokus in deinem Leben zu suchen.

an die erste Stelle - Frau

Dich selbst an die erste Stelle setzen: 4 Schritte, wie es dir gelingen kann

1. Zeit. Menschen, die aufgehört haben, sich selbst an die erste Stelle zu setzen, sagen die ganze Zeit automatisch “Ja”. Bei jeder Bitte oder Anfrage eines anderen Menschen kannst du gar nicht anders. Du musst immer wieder dieses scheinbar magische Formel sagen: “Ja, ich mache das”. Daher musst du zunächst einmal daran arbeiten, diesen Impuls einzuschränken und zu kontrollieren.

  • Wenn dich jemand um etwas bittet oder etwas von dir verlangt, ist es am besten, zuerst einmal zu schweigen. Vermeide es, sofort darauf zu antworten. Stattdessen solltest du dir einige Minuten Zeit zum Nachdenken nehmen, um aufrichtig und ehrlich beurteilen zu können, ob du das, worum du gebeten wurdest, tatsächlich tun möchtest. Du musst lernen, auch einmal “NEIN” zu sagen.

2. Perspektive. Um zu lernen, wie du für dich selbst sorgst, musst du die Distanz zu deinem Umfeld kontrollieren. Möglicherweise musst du sie vergrößern oder aber verkleinern. Denn irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ein Mensch so daran gewöhnt ist, absolut alles zu tun, was von ihm verlangt wird, dass er die Perspektive verliert.

  • Daher ist es nicht das Ende der Welt, wenn du hin und wieder sagst: “Ich will nicht, ich kann nicht, heute setze ich mich an die erste Stelle”.

Schritte 3 und 4

3. Hilfreiche Sätze. Es kann sehr nützlich sein, wenn du dir einige kleine Sätze überlegst, die dir dabei helfen können, deine eigenen Bedürfnisse, deine Identität oder deine eigene Freizeit zu schützen.

  • “Es tut mir leid, aber im Moment funktioniert das, worum du mich bittest, nicht für mich”, “Ich weiß es zu schätzen, dass du an mich denkst, aber ich brauche etwas Zeit für mich”, “Im Moment fühle ich mich nicht danach, das zu tun, worum du mich bittest, ich muss etwas Zeit alleine verbringen.”

4. Beende bestimmte Konversationen. Beende bestimmte Konversationen. Wir alle wissen, wie diese Gespräche beginnen, die immer mit der Bitte um einen “kleinen Gefallen” enden. Das Gespräch verläuft zunächst sehr gut, bis plötzlich dieses angenehme Gefühl endet, weil der andere dich wieder einmal um einen Gefallen bittet. Und in der Regel wird auch erwartet, dass du dem zustimmst.

  • Da du jetzt aber einige Strategien in deiner Toolbox hast, weißt du, wie du diese Menschen umgehend stoppen kannst. Denn ab jetzt wirst du es vermeiden, dich selbst zu erschöpfen! Und du wirst lernen, durchsetzungsfähig zu sein.

Dich selbst an die erste Stelle zu setzen ist wichtig

Abschließend möchten wir dich darauf hinweisen, dass du diese 4 Schritte natürlich nicht über Nacht lernen wirst. Aber wenn du sie mit der erforderlichen Willenskraft angehst und den festen Entschluss fasst, besser auf dich selbst aufzupassen, und außerdem verstehst, dass es wirklich ein selbstloser und notwendiger Akt ist, dich selbst an die erste Stelle zu setzen, wird es dir jeden Tag ein wenig besser gelingen. Das Ziel besteht letztendlich darin, dich um andere Menschen zu kümmern, dich aber selber nie dabei zu vergessen. Du musst immer zuerst für dich selber sorgen!

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