Jeder liebt die aufrichtige Frage: "Wie geht es dir?"

28 Februar, 2021
Wir alle hören die Frage "Wie geht es dir?" täglich - das ist wahr. Meistens sprechen die Leute diesen Satz aus und warten nicht einmal auf eine Antwort. Wir laden dich heute ein, über dieses Thema nachzudenken.

Fragt uns jemand “Wie geht es dir?” und unterstreicht das mit einem aufrichtigen Lächeln und einem einladenden Blick, kann das eine therapeutische Wirkung haben. Manchmal ist dieser Satz auch alles, was wir im Moment brauchen.

Damit wir uns sicher fühlen und die Verbindung mit der anderen Person spüren, reichen diese vier Worte manchmal aus. Dann fühlen wir uns willkommen und wissen, das alles in Ordnung sein wird.

Die Evolutionspsychologie hat viel zu diesem Thema zu sagen, auch wenn uns das seltsam vorkommen mag. Die Idee dabei ist, dass die menschliche Rasse soziale Intelligenz entwickelt hat, indem sie sich um die Mitglieder ihrer Gruppe kümmerte und ihnen Schutz bot. Darum wurde jedes Mitglied, das “abtrünnig” wurde, nicht zusammenarbeiten oder die Gruppe unterstützen wollte, aus der Gemeinschaft ausgestoßen.

“Das tiefste Prinzip des menschlichen Charakters ist der Wunsch nach Anerkennung, Bestätigung und Wertschätzung.”

William James

Es gibt archäologische und ethnographische Beweise, die uns zeigen, dass friedliche Zusammenarbeit und ein altruistisches Verhalten in den frühen Tagen der Ackerbauer und Viehzüchter zur Normalität gehörten. Dies half unserer Spezies wahrscheinlich bei ihrer weiteren Entwicklung.

Tatsächlich gibt es Beweise dafür, dass sich die Neandertaler nachhaltig um ihre Ältesten kümmerten. Sie zeigten sich ihnen gegenüber ehrerbietig, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten und führten Bestattungszeremonien durch, die eine deutliche emotionale und religiöse Symbolik aufweisen.

All dies zeigt deutlich auf, dass Sorge und Fürsorge für andere unsere Spezies ausmacht. Jedes Verhalten, das mit der Absicht angeboten wird, anderen Dinge zu erleichtern oder Unterstützung und Aufmerksamkeit zu schenken, wirkt sich positiv auf unser physisches und psychisches Wohlbefinden aus.

Es hilft uns dabei, zu überleben und uns auf sinnvolle Weise mit anderen zu verbinden.

Daher kann ein aufrichtiges “Wie geht es dir?” – egal, ob man bei der Frage körperlich anwesend ist oder nicht – viel mehr bewirken als gedacht.

Jeder Mensch liebt es, wenn man ihn fragt: "Wie geht es dir?"

Ich bin da, um dir zu helfen und verlange dafür keine Gegenleistung

David Graeber war ein bekannter Anthropologe, der für seinen sozialen Aktivismus bekannt wurde. In einer seiner Theorien legte er den Fokus auf die Art und Weise, wie Geld und Wirtschaft unseren ursprünglichen Altruismus vollständig zerstören.

Er sagte weiter, dass der Kapitalismus unser “Gen” für die Förderung des Zusammenhalts zerstört hat. Wird diese wichtige Verbindung zwischen menschlichen Gruppen genährt, können wir in Harmonie leben.

Zur Untermauerung seiner Idee erzählt Graeber von den Inuit in Grönland oder den Irokesen in Nordamerika und erklärt, dass man in diesen Gemeinschaften stets aufrichtig füreinander Sorge trug.

Tatsächlich gab es die Vorstellung, dass man einen Gefallen vergelten müsse, in diesen Volksgruppen nicht. Die Inuit sagen zum Beispiel: “In unserem Land sind wir Menschen und wir kümmern uns umeinander.” Wenn jemand ein Paar Schuhe braucht, muss er nur fragen. Wenn ein Jäger an einem Tag keinen Jagderfolg hat, teilen seine Nachbarn ihr Essen mit ihm.

Bei den Inuit kann man gerne nach Schuhen fragen.

Es gibt in vergangenen sowie auch in gegenwärtigen Zeiten (noch an manchen Orten) Gruppen von Menschen, die ihren Handlungen Altruismus und die Sorge um andere zugrunde legen.

Dort ist der ehrliche Wunsch vorhanden, aus der kleinen Ego-Identität auszubrechen und den anderen als Teil von sich selbst anzuerkennen. Das klingt sicherlich nach einer Theorie, die wir in den sogenannten “fortschrittlichen” Gesellschaften in die Praxis umsetzen sollten.

Nicht nur bloße Höflichkeit

Wir alle hören die Frage “Wie geht es dir?” täglich – das ist wahr. Meistens sprechen die Leute diesen Satz aus und warten nicht einmal auf eine Antwort.

Mit dieser Frage haben wir die Möglichkeit, ein Gespräch zu beginnen oder jemanden zu begrüßen. Wir erwarten darauf keine ehrliche Antwort. “Wie geht es dir?” ist schlichtweg eine Formel, die wir in unserer Kultur benutzen.

“Nur derjenige, der sich um das kümmern kann, was anderen gehört, kann etwas Eigenes haben.”

Georges I. Gurdjieff

Der Schriftsteller Eduardo Galeano sagte einmal: “Wir leben in einer Welt, wo die Beerdigung wichtiger ist als der Tote, die Hochzeit wichtiger ist als die Liebe und das Äußerliche wichtiger als der Intellekt. Wir leben in einer Kultur der Behälter, die den Inhalt verachtet.”  Demnach hat man in unserer Welt das Prinzip der Menschlichkeit vergessen, an das sich die Inuit und Irokesen noch erinnern. Der Mensch braucht Unterstützung, Verständnis und Aufmerksamkeit dringender als ein paar Schuhe, ein Abendessen oder warme Kleidung.

Wir brauchen aufrichtige Worte und Menschen, die sich ehrlich um uns sorgen. Wir wünschen uns, dass nach der Frage “Wie geht es dir?” eine Pause entsteht, damit wir Zeit zum Antworten haben und die Ohren auf der anderen Seite für unsere Antwort offen sind.

Eine stürmische Umarmung gibt den Protagonisten Farbe. "Wie geht es dir?"

Bevor wir zum Schluss dieses Artikels kommen, möchten wir noch eine Sache klarstellen. Wir müssen keine schwierige Zeit durchmachen, um die therapeutische Wirkung der Frage “Wie geht es dir?” zu spüren.

Dieser einfache Satz hat die Kraft, uns glücklich zu machen. Dann fühlen wir uns verbunden. Geben wir diesem Satz ab jetzt eine größere Bedeutung und mehr Wahrhaftigkeit.

Vernachlässigen wir einander nicht. Seien wir ab jetzt nicht nur höflich – lernen wir stattdessen die Kunst des Verstehens, der Anerkennung und das Prinzip der Gegenseitigkeit. Fragen wir ab jetzt jeden Tag ganz ehrlich: “Wie geht es dir?”