Der Wolf bei Rotkäppchen ist gar nicht böse!

15. September 2019
Grundsätzlich neigen wir dazu, Kinder aufgrund ihres Verhaltens als gut oder böse zu bezeichnen. Aber spiegeln die Handlungen eines Menschen tatsächlich sein gesamtes Wesen wider? Wir wollen dieser Frage am Beispiel des "bösen" Wolfs bei Rotkäppchen nachgehen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Leben und unsere Welt zunehmend beschleunigt. Daher fällt es uns oft schwer, inne zu halten und darüber nachzudenken, wie wir unsere Kinder behandeln und was wir zu ihnen sagen. Wie oft hast du selber schon gesagt oder jemanden sagen hören: „Paul, du darfst deine Schwester nicht schlagen, das ist böse!„?

Bestimmt kommt dir diese Aussage auch bekannt vor. Vielleicht hast du diese Worte selber schon gebraucht oder gehört, wie andere sie sagten. Aber welche Bedeutung haben diese Worte wirklich?

Selbstverständlich ist es nicht in Ordnung, wenn Paul seine Schwester schlägt. Allerdings könnte es dennoch zu weit gehen, wenn wir ihm daraufhin sagen, dass er „böse“ sei. Daher ist es so wichtig, dass uns die Unterschiede bewusst machen, die zwischen der Handlung, dem Verhalten eines Kindes und seiner ganzen Persönlichkeit bestehen.

Wir müssen dazu in der Lage sein, klar zwischen der Handlung und der Person zu unterscheiden. Außerdem sollten wir andere nicht vorschnell bewerten und abstempeln.

böse - Vater - Sohn

Die Gefahr von Bewertungen: Gut oder böse?

Sicherlich sagt Pauls Vater nur deshalb zu ihm, dass er böse sei, weil Paul etwas getan hat, was nicht in Ordnung war. Außerdem möchte sein Vater ihn dazu auffordern, dies nicht mehr zu tun.

Aber genau das ist der entscheidende Aspekt. Unangemessen war lediglich seine Handlung und sein Verhalten, nicht aber Paul als Mensch. Wenn wir also fortlaufend das Verhalten unserer Kinder mit ihrer Persönlichkeit vermischen, dann kann das im Laufe der Zeit dazu führen, dass ihr Selbstwertgefühl geschwächt wird.

Dieser Prozess geht schleichend vonstatten, so dass wir ihn oft gar nicht bemerken. Es besteht ein enormer Unterschied zwischen den Aussagen „du bist gedankenlos“ (Persönlichkeit) und „das war gedankenlos“ (Verhalten).

Warum der Wolf bei Rotkäppchen gar nicht böse ist

Daher ist es durchaus sehr interessant, dass Kinder stets sagen, der Wolf im Rotkäppchen sei böse. Wir schreiben dem Wolf nur aus dem Grund dieses Persönlichkeitsmerkmal („böse“) zu, weil er das Rotkäppchen fressen will.

Die Schlussfolgerung daraus ist einfach: Wenn er sie fressen will, dann nur, weil er böse ist. Nur böse Menschen würden so etwas tun.

Nachdem wir als Kinder so viele Geschichten über Wölfe, wie beispielsweise Rotkäppchen, Die drei kleinen Schweinchen, Der Wolf und die sieben Geißlein und Peter und der Wolf, gehört und gelesen haben, sind wir der Überzeugung, dass sie böse sind, weil sie den Hauptfiguren der Märchen Schaden zufügen wollen. Daher bewerten wir sie als „böse“, selbst, wenn das gar nicht wirklich der Fall ist.

Wir können feststellen, dass der Wolf an sich nicht wirklich böse ist. Der Wolf will das Rotkäppchen fressen, weil er hungrig, nicht, weil er böse ist. Wenn du deinen Kindern diesen wichtigen Unterschied erklärst, dann wirst du ihnen dabei helfen, realistischere, gesündere und positivere Erwartungen an die Welt zu entwickeln.

Die armen Wölfe, sieh nur, was für einen schlechten Ruf sie haben! Versuche dies zu ändern, indem du deinen Kindern diese Charaktere anders erklärst und beschreibst.

Die Kunst, Verhalten zu beschreiben

Luis Cencillo war ein Philosoph und Psychologe, der ein sehr zweckmäßiges Konzept nutzte: die „Resemantisierung„. Das Wort leitet sich von „Semantik“ ab, der sprachlichen Studie von Bedeutungen. Durch Resemantisierung wird die Beschreibung von etwas verändert, um es dadurch flexibler zu machen.

Wir wollen dies an einem Beispiel verdeutlichen. Du könntest über ein Kind sagen, dass es seltsam und ausweichend ist. Wenn du diese Aussage resemantisierst (umdeutest), dann könntest du es stattdessen als schüchtern beschreiben.

Bedenke dabei auch, wie schwer es ist, sich von einer Bewertung zu befreien, wenn du erst einmal abgestempelt wurdest! Der Psychologe Alberto Soler beschreibt das folgendermaßen: „Es ist sehr einfach, etwas oder jemanden zu bewerten, aber weitaus schwerer, diese Bewertung dann wieder rückgängig zu machen“.

Zur besseren Verdeutlichung nutzt Soler die Metapher der Etiketten auf Einmachgläsern. Wenn du ein Kind erst einmal bewertest und in eine Schublade gesteckt hast (nervös, böse, klug, hilfsbereit, unruhig usw.), dann wird es sehr schwer sein, diese Bewertung zu ändern, selbst, wenn du Erkenntnisse darüber hast, dass die Bewertung falsch ist.

Daher sollten wir stets sehr vorsichtig und zurückhaltend dabei sein, andere Menschen schnell zu bewerten. Dies gilt in besonderem Maße für Kinder.

Wir neigen oft dazu, in Übereinstimmung mit den Bewertungen zu handeln, die wir nach Außen projizieren. Außerdem neigen wir dazu, Bewertungen und Etikettierungen zu akzeptieren. Es gibt hierzu einen sehr passenden Ausspruch von Henry Ford: „Wenn du denkst, du kannst es oder wenn du denkst, du kannst es nicht – du hast recht.

böse - Mutter - Sohn

Eine weitere Geschichte zur Erläuterung

„Galtons Spaziergang“ ist eine weitere Geschichte, mit der sich sehr gut erklären lässt, welche negativen Folgen die Akzeptanz einer Bewertung oder einer Rolle haben kann. Francis Galton war der Cousin von Charles Darwin.

Eines Morgens ging er in den Park und dachte, er sei der schlechteste Mensch der ganzen Welt. Er sprach mit niemandem. Er behielt alle Gedanken in seinem Kopf und dachte darüber nach, wie schrecklich er war.

Was glaubst du, hat Galton wohl den Menschen gegenüber empfunden, denen er während seines Spaziergangs begegnet ist? Die meisten würden sich von ihm abwenden und ihn angsterfüllt ansehen. Überraschend, nicht wahr? Das ist die Macht der Bewertung.

Abschließende Gedanken

Abschließend möchten wir noch einmal darauf eingehen, warum der Wolf bei Rotkäppchen gar nicht böse ist. Wir sind davon überzeugt, dass es keine bösen Kinder gibt. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die häufig sagen werden: „X ist böse“. Allerdings gibt es Gründe für jedes problematische und schwierige Verhalten.

Damit ist überhaupt nicht gemeint, dass wir jedes Verhalten rechtfertigen und entschuldigen sollten. Vielmehr ist es sehr wichtig, dass wir verstehen, warum sich ein Kind auf eine bestimmte Weise verhält. Daher ist es das Beste, wenn du deinen Kindern und Schülern Verhaltensweisen erklärst und beschreibst, anstatt sie zu bewerten und in Schubladen zu stecken.

Nimm dir einen Moment Zeit und denke über die Erklärungen nach, die du deinen Kindern gibst und auch über die Bewertungen, die du vornimmst. Außerdem solltest du dir bewusst machen, welche Konsequenzen dein Verhalten für deine Kinder haben könnte. Die Art und Weise, wie du verschiedene Situationen einschätzt und beurteilst, wird deinen Kindern dabei helfen, selber flexibler, gesünder und offener zu denken.