Warum bewerten wir andere?

· 25. Mai 2016

Beurteile niemanden, bis du nicht an seiner Stelle gestanden hast.  Dieser oft gehörte Satz erinnert uns gut daran: Irgendwann wurde schon einmal über jeden von uns geurteilt. Jeder von uns war schon einmal Thema einer Diskussion, wurde richtig oder eben nicht richtig beurteilt, und war darüber verärgert oder fühlte sich verletzt.

Wie können wir auf ein Urteil reagieren?

Zuallererst, hole tief Luft und gewinne etwas Abstand. Verstehe, dass der Impuls, Menschen und Dinge zu beurteilen, universell ist. Es ist etwas, das immer schon getan wurde und immer getan werden wird.

Der zweite Schritt ist leicht. Akzeptiere, dass das, was gesagt wurde, nichts mit dir zu tun hat. Depersonalisiere es. Die Meinung oder die Worte anderer definieren dich nicht. Zu einem späteren Zeitpunkt kannst du deinen Blickwinkel dem anderen offenbaren, so dass er eine authentischere Wahrheit zu sehen bekommt.

Normalerweise haben die Leute, die andere am meisten beurteilen, das geringste Selbstbewusstsein. Wenn sich jemand nicht bedingungslos selbst akzeptiert, kann er auch andere nicht akzeptieren. Das sind strikte Perfektionisten, die jede Chance nutzen, um andere zu verurteilen.

Was steckt hinter Bewertungen?

Keiner mag es, beurteilt zu werden. Wenn wir beurteilt werden, wird uns ein Stempel aufgedrückt, und wir fühlen uns eingeschränkt und klein. Laut Psychologen haben wir alle eine kleine Tendenz dazu, die Menschen in unserer Umgebung zu ‚typisieren‘ und sie ‚in Schubladen zu stecken‘. Einige sind unreif. Andere sind faul. Nochmals andere sind launisch und verantwortungslos, oder schlichtweg so negativ wie unsicher.

Und obwohl wir es alle tun, gibt es eine Sache, bei der wir ganz deutlich sein sollten: Wenn du nicht bewertet werden willst, dann vermeide es, andere zu bewerten.

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Und selbst wenn manche unserer Bewertungen ein Körnchen Wahrheit enthalten, ist es es allemal wert, einen Moment innezuhalten und sich einen Tag lang in die andere Person hineinzuversetzen. Versuche zu verstehen, wie sie fühlen, reagieren, leiden, und mit der Welt und uns interagieren.

Die Menschen, die dazu tendieren, andere exzessiv zu bewerten, haben oft die folgenden Charaktereigenschaften:

1. Geringes Selbstbewusstsein

Menschen mit niedrigem Selbstbewusstsein nutzen Bewertungen oft, um sich selbst in eine kontrollierende Position zu bringen. Aus dieser kontrollierenden Position heraus können sie sich selbst leichter verteidigen und vor anderen schützen. Sie bezeichnen dich als ‚unsicher‘ oder einen ‚Versager‘, und das nur, weil sie sich in Wirklichkeit genau so fühlen. Indem sie dich abstempeln, versuchen sie Kontrolle über dich zu gewinnen und sich selbst als das komplette Gegenteil darzustellen.

In anderen Worten: Menschen mit niedrigem Selbstbewusstsein projizieren ihre eigenen Unsicherheiten und Macken auf andere. Es ist wesentlich leichter für diese Menschen, andere abzustempeln und für Dinge zu beurteilen, anstatt sie in sich selbst zu sehen. Es ist erlösend für sie und gibt ihnen Macht.

2. Fehlende Empathie

Jenen Menschen, denen es leicht fällt, andere Menschen zu bewerten und die dies allein deshalb tun, um sie zu verletzen, fehlt es an EmpathieAußerdem fällt es diesen Menschen, die unfähig sind, die Komplexität von anderen zu sehen und zu verstehen, dass Menschen mehr als nur simple Typen sind, wahrscheinlich auch schwer, ihre eigenen Bedürfnisse, Fehler und Stärken zu sehen.

Es ist immer leichter, andere zu verurteilen, statt in sich selbst zu gehen und sich mit Bescheidenheit zu betrachten und gleichzeitig anderen Menschen Respekt zu zollen.

3. Emotionale Wunden

Du kannst auf zwei verschiedene Arten reagieren, wenn du verletzt wurdest. Die erste ist, auf emotionaler Ebene vom Geschehenen zu lernen, auf eine ’starke, resiliente‘ Art zu handeln, und weiter nach vorn zu gehen. Im Gegenzug dafür wirst du weiser im Umgang mit bestimmten Situationen. Auf diese Art werden wir zu empathischeren Menschen, die, statt andere zu bewerten, besser wissen, wie man mit Situationen umgeht und die andere verstehen können, ohne sie in Schubladen zu stecken.

Auf der anderen Seite gibt es Personen, die nicht besonders gut mit schmerzhaften Situationen umgehen können. Sie sind voller Groll und Missgunst. Es ist so ernst und schädlich, dass sie sich dazu genötigt fühlen, andere zu verurteilen, um ihre eigene Verbitterung, Sorgen und innere Dämonen zu schützen.

Anstatt problematische Situationen aus einer offenen, kreativen und respektvollen Perspektive heraus zu sehen, verhalten sie sich wie Miesmacher. Und das ist eine sehr schädliche und gefährliche Verhaltensweise.

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Bevor du andere beurteilst, solltest du dich selbst bedingungslos akzeptieren. Das beinhaltet sowohl deine Fehler als auch deine Talente. Wenn du an deiner Selbstakzeptanz arbeitest, stärkst du auch dein Selbstbewusstsein. Und das passiert genau dann, wenn du die Art und Weise änderst, mit der du mit dir selbst und anderen umgehst.