Der feine Unterschied zwischen Anstand und Scham

22 Mai, 2020
Obwohl Anstand mit Befangenheit und Scham verwandt ist, handelt es sich dabei nicht um das Gleiche. Eine zurückhaltende Person versucht, ihr Privatleben von ihrem öffentlichen Leben zu trennen. Sich zu verstecken und Dinge nicht mitteilen zu wollen, sind allerdings zwei Paar Schuhe.

Anstand ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Einige Menschen halten Anstand für etwas Positives. Ihrer Meinung nach sei Anstand notwendig, um Grenzen zu ziehen und sich in der Öffentlichkeit zu schützen. Andere wiederum sind der Meinung, dass Anstand mit Schüchternheit oder Gehemmtheit in Verbindung zu bringen sei. Diese Gruppe ist der Ansicht, dass die Nachteile des Anstands gegenüber seinen Vorteilen überwiegen. Aber die übergeordnete Frage, die wir uns hier stellen müssen, ist: Gibt es einen Unterschied zwischen Anstand und Scham?

Viele Leute klagen, dass der Anstand verloren gegangen sei. Sie wünschen ihn sich wieder herbei. Andere setzen eine Befreiung vom Anstand auch mit einer Befreiung von einer Last gleich. Diese hatte sie nämlich bisher davon abgehalten, das Leben mit seinen vielfältigen Erfahrungen in vollen Zügen zu genießen.

Manche Fachleute denken, dass die Religion den Anstand in die Gesellschaft eingeführt hat. Zum ersten Mal taucht der Begriff Schamhaftigkeit und Sittsamkeit in der Bibel im Buch Genesis auf. Adam und Eva schämten sich ihrer Nacktheit, nachdem sie Gott gegenüber zum ersten Mal eine Sünde begangen hatten. In späteren Kapiteln der Bibel finden sich viele Bezüge auf den Anstand – meist in Zusammenhang mit Nacktheit und Sex.

Paradiesdarstellung auf einem Deckenfresko Michelangelos.

Der Anstand und die Religion

Gerne wird der Begriff Anstand oder Sittsamkeit mit der Religion assoziiert. Man verbindet ihn geradewegs mit sexueller Intimität und wie sich ein Mensch in sexueller Hinsicht darstellt. Alle christlichen Theologen würden die Schamlosigkeit verurteilen und die meisten gläubigen Christen die Sittsamkeit als eine Tugend einstufen. Im Islam ist der Anstand in der Tat in den Vordergrund gerückt – Frauen tragen die Sittsamkeit gewissermaßen als Prädikat.

In der Bibel wird es scharf verurteilt, den Vater oder die Mutter, auch Brüder, Onkel, Schwägerinnen, Schwäger und Schwiegereltern nackt zu sehen. Dies zielt offensichtlich darauf ab, Inzest unter Familienmitgliedern zu vermeiden.

Ungefähr im 15. Jahrhundert wurden die menschlichen Genitalien erstmals als “Dinge, deren man sich schämt” bezeichnet. Im weiteren Sinne hielt und hält die christliche Kirche Mäßigung, Weisheit, Sittsamkeit und alle Werte, die damit einhergehen, für etwas Positives.

Der Anstand und die Humanistische Psychologie

Die Humanistische Psychologie – genau wie einige ihrer existentialistischen Philosophen – fassen den Begriff Anstand weiter. Man spricht dann nicht nur über Nacktheit, sondern über Intimität im Allgemeinen. Deshalb heißt es dort auch, dass man beim Anstand jeden Teil seiner Privatsphäre beschützt. Die Vorstellung dabei ist, dass man nicht jeden Menschen ungebeten in die privaten Bereiche seines Lebens einlädt.

Anstand wird bei dieser Richtung auch gleichermaßen mit gesellschaftlichen und kulturellen Barrieren assoziiert. Diese Barrieren sind das Ergebnis der Erziehung und haben vielfach mit Respekt zu tun – Respekt für sich selbst und Respekt für andere. Diese Grenzen können leicht überschritten werden durch die Dinge, die wir sagen oder anderen gegenüber offen bekunden. Schlussendlich entwerten wir sie dabei.

Dies wäre eine Erweiterung des Konzeptes Privatleben und öffentliches, gesellschaftliches Leben. Einige Aspekte haben mit dem Privatleben zu tun, andere hingegen betreffen einen größeren Kreis. Es ist durchaus gesund, beide Bereiche klar voneinander zu trennen, da es den Aufbau verschiedener Vertrauensebenen beinhaltet. Wo man sich mehr vertraut, nimmt der Anstand ab und umgekehrt. Einfach gesagt schützt man auf diese Weise die einzelne Person.

Anstand und Scham

Die Psychoanalyse ist ganz in der Nähe der Humanistischen Psychologie angesiedelt. Bei diesem Ansatz wird eine klare Unterscheidung zwischen Anstand und Scham gemacht. Was beide Richtungen gemeinsam haben, ist, dass es ein Gefühl der Gehemmtheit gegenüber einer anderen Person gibt. Bei der Scham fühlt sich einer der beiden Menschen exponiert oder auf eine gewisse Art bloßgestellt, während beim Anstand die Privatsphäre nicht gewahrt wurde.

Wir schämen uns, wenn etwas ans Licht kommt, das wir geheim halten wollten. Wir fühlen Scham, wenn wir zum Beispiel bei einem öffentlichen Anlass vor Publikum sprechen und plötzlich eine wichtige Information vergessen. Eigentlich wollten wir uns als Experten zeigen und nun kann die Zuhörerschaft deutlich sehen, dass wir gar nicht so viel wissen. Wir bleiben bloßgestellt zurück.

Das Gefühl des Anstands hingegen zeigt sich, wenn jemand versucht, in unsere Privatsphäre einzudringen, ohne dass wir die Erlaubnis dazu gegeben haben. Ein Beispiel dafür wäre, dass du dich umziehst und dabei bemerkst, dass dir jemand zusieht. Oder jemand fragt dich nach Details aus deinem Privatleben und du bist nicht bereit, diese Informationen zu teilen.

Dann fühlst du dich eher brüskiert, als dass du dich schämst. Du möchtest nicht, dass eine fremde Person deinen nackten Körper sieht oder etwas über dein Privatleben weiß. Aber dann wird doch alles öffentlich. Daraus entsteht kein schamhaftes Gefühl, sondern eher ein Gefühl der Empörung, weil jemand dir etwas angetan hat, was mit deinen eigenen Wünschen nicht konform geht.

  • Scheler, M., & Ferran, Í. V. (2004). Sobre el pudor y el sentimiento de vergüenza. Sígueme.