Erich Fromm und die humanistische Psychoanalyse

· 9. März 2018

Für Erich Fromm geht es im Leben vor allem darum, stärker, freier und edler zu werden – im Grunde genommen also darum, zu der Person zu werden, die man sein kann. Diese Einstellung spiegelt sich in seiner humanistische Perspektive, die in seiner Zeit als revolutionär gelten musste, wider.

Wenn von der psychoanalytischen Theorie gesprochen wird, wird oft der Fehler gemacht, sie als strenge Einheit zu betrachten, die auf klar definierten Konzepten und Ansätzen beruhe, die vom Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, begründet worden seien. Dabei wird übersehen, dass es innerhalb der Psychoanalyse verschiedene Schulen gibt, die von Freuds Ideen abweichen und so die Psychologie als Ganzes bereichert haben. Erich Fromm war einer dieser „anderen Psychoanalytiker“. In den 1940ern entschied sich der Sozialpsychologe, sich von der psychoanalytischen Doktrin des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zu distanzieren. Er definierte eine neue Theorie und Praxis der Psychoanalyse, wobei er sich auf einen kulturellen, humanistischen Ansatz berief. Beispielsweise ersetzte er Freuds Idee der Libido als Lebenskraft durch eine praktischere, die ein neues Verständnis von Integration und Sozialisation beinhaltete.

„Nur eine Person, die sich selbst vertraut, kann anderen gegenüber treu sein.“

Erich Fromm

Fromm war vor allem ein faszinierender Philosoph und einer der bekanntesten Vertreter des Humanismus des 20. Jahrhunderts. In seinen drei bedeutendsten Büchern Die Furcht vor der Freiheit, Die Kunst des Liebens  und Die Seele des Menschen: Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen  hinterließ er uns ein großes Vermächtnis an Gedanken, Reflexionen und Theorien, die die Psychologie mit der Anthropologie und Geschichte verbindet und das Erbe von Sigmund Freud und Karen Horney weiterführt.

Erich Fromm

Erich Fromm und die systemische Krise der westlichen Gesellschaft

Um Erich Fromms Theorie der humanistischen Psychoanalyse zu verstehen, ist es nötig, ihn als Person kennenzulernen, um seine Wurzeln zu wissen, den Kontext, in dem er aufwuchs und die im Umbruch begriffene Welt zu erfassen, die seine unmittelbare Umwelt ausmachte. Nur so lässt sich Licht auf die Umstände werfen, die seinen Theorien als Führung und Inspiration dienten.

„Nationalismus ist unsere Form der Inzest, ist unsere Götzenanbetung. Patriotismus ist unser Kult.“

Erich Fromm

Wenn du seine Autobiografie liest, die den Titel Jenseits der Illusionen  trägt, und dich auf seine Kindheit und Jugend konzentrierst, fällt dir wahrscheinlich auf, dass sie nicht gerade glückliche Zeiten für ihn waren. Sein Vater war ein aggressiver Geschäftsmann, seine Mutter litt an chronischer Depression und er wurde unter den sehr strikten Normen des orthodoxen Judentums aufgezogen. Während dieser Zeit erlebte er zwei entscheidende Momente:

  • Der erste war der Suizid einer 25-jährigen Frau, in die er als Kind verliebt war. Sie war eine Malerin, die ihrem Vater sehr nahestand. Dieser starb plötzlich und einige Tage später nahm sich die junge Künstlerin das Leben. Ihr Selbstmord brachte Fromm dazu, sich zu fragen, was Menschen zu solch extremen Entscheidungen motiviert.
  • Der zweite entscheidende Moment war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. An diesem Punkt überkamen Fromm die Schatten des Nationalismus, der Radikalisierung der Massen und der Hassmeldungen. Die Welt begann zu zerbrechen und die Risse schufen nicht nur unüberwindliche Distanzen zwischen den verschiedenen Mächten, sondern führten auch zu einer Phase der systemischen Krise in der westlichen Gesellschaft. Alle psychologischen, philosophischen und sozialen Theorien mussten in der Suche nach Antworten und Erklärungen inmitten dieses Chaos neu formuliert werden.
Miteinander ringende Kriegsparteien

Verständnis und Hoffnung für menschliche Wesen

Es ist fast essenziell, Fromms Arbeit zu lesen, um die Krise der Werte, Prinzipien und Sozialpolitik zu verstehen, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte, in der zwei Weltkriege den Glauben der Menschen an die Menschheit zermürbten. Fromm zu lesen ist deshalb ein Weg, um sich selbst mit seiner eigenen Menschlichkeit zu versöhnen. Er spricht über Hoffnung und vor allem stellt er unglaubliche Ressourcen aus den Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse zur Verfügung, die dabei helfen können, einen positiven und kreativen Wandel zu initiieren.

Im Folgenden werden wir nun die grundlegenden Prinzipien seiner Theorie betrachten.

Von der biologisch-mechanistischen zur biologisch-sozialen Betrachtung des Menschen

Erich Fromm erkannte die meisten von Freuds Konzepten an, auch die des Unterbewusstseins und der Verdrängung, die Vorstellung von Träumen als Ausdruck des Unterbewussten, Ideen zu Verteidigungsmechanismen und zur Übertragung, und die Hypothese, dass die Ursache vieler psychologischen Störungen in der Kindheit liegt. Eine Sache, mit der er sich allerdings nicht abfinden konnte, war die Betrachtung des Menschen als eine biologisch-mechanistische Einheit, als ein Organismus, der nur reagiert, um Überleben und Reproduktion zu sichern.

Erich Fromm bezieht sich auf den Menschen als biologisch-soziales Wesen, um die „Psychologie des Selbst“ zu rühmen, in der wir eben nicht nur darauf beschränkt sind, auf Reize zu reagieren und Instinkten zu folgen. Es ist wichtig, diese Perspektive zu erweitern und soziale Aspekte anzuerkennen – z. B. dass die wichtigsten Bezugspersonen eines Kindes in ihm negative und traumatische Prozesse auslösen können. Zwischenmenschliche Beziehungen bilden das Rückgrat von Fromms Theorie, die Freuds Theorie von der Libido als motivierender und mechanistischer Kraft im menschlichen Wesen ersetzte.

Blume aus Feuer, in der Menschen tanzen

Menschliche Wesen und Freiheit

Fromm sah sich nicht nur von Freud und Karen Horney beeinflusst. Von Erich Fromm zu sprechen, bedeutet, von Karl Marx zu reden. Erinnere dich an den sozialen Kontext dieser Zeit: die Krise der Werte, der Mangel an Erklärung für menschliches Verhalten, Krieg, Nationalismus, Hass, Klassenunterschiede … Freuds biologisch-mechanistische Perspektive war sinn- und nutzlos geworden und die Prinzipien, die Marx verfechtete, stimmten viel eher mit Fromms Prämissen überein. Für Marx wurden Menschen nicht nur von der Gesellschaft beeinflusst, sondern vor allem auch von ihrem Wirtschaftssystem. Tatsächlich können wir diese Idee in vielen von Fromms Texten erkennen:

„Unsere Konsum- und Marktwirtschaft basiert auf der Idee, dass du Glück kaufen kannst. Aber sei vorsichtig, denn wenn du in dieser Welt kein Geld hast, um etwas zu bezahlen, dann hast du deine Chance auf Glück verloren. Vergiss nicht, dass das, was von deiner eigenen Anstrengung, von innen herrührt, nicht nur die preiswerteste, sondern auch die beste Art von Glück ist.“

Erich Fromm

Ein wirklich interessanter Aspekt an Fromms Theorie ist, dass Menschen zwar von ihren Kulturen und Wirtschaftssystemen beeinflusst werden, sie dennoch stets für ein und dasselbe Ziel kämpfen: für ihre Freiheit. Tatsächlich ermutigte Fromm die Menschen dazu, den strengen Determinismus von Freud und Marx zu überwinden, um „Freiheit“ für sich zu definieren, zu erkennen, was es für sie als Individuen bedeutet, frei zu sein.

Fromm glaubte, dass Menschen von gewissen biologischen Prinzipien geleitet werden, so wie alle anderen Tiere auch. Wir werden in einen Körper hineingeboren, wir werden erwachsen, wir altern und wir kämpfen ums Überleben. Jedoch sind wir zu viel mehr fähig, als diese Schranken vermitteln. Wenn wir beispielsweise von der traditionellen Gesellschaft des Mittelalters zur modernen Gesellschaft aufsteigen konnten, dann haben wir viele Kämpfe für Freiheit, Recht und Wohlbefinden erfolgreich hinter uns gebracht. Das heißt aber nicht, dass keine weiteren vor uns lägen.

„Liebe ist die einzige vernünftige und befriedigende Antwort auf die Frage der menschlichen Existenz.“

Erich Fromm

Es ist schwer, Freiheit zu erreichen, aber um eine Chance zu haben, müssen individuelle Verantwortung und sozialer Respekt kultiviert werden. Sonst riskieren wir:

  • Autoritäre Systeme
  • Zerstörung, die Aggression, Gewalt und Suizid beinhaltet
  • Blinden Konformismus, in dem Menschen zu „sozialen Chamäleons“ werden und die Farbe ihrer Umgebung annehmen, ohne zu protestieren oder zu hinterfragen

Fromm führte diese Ideen in einem unentbehrlichen Buch aus, das es sich lohnt, ab und an zu konsultieren: Die Furcht vor der Freiheit.

Humanistische Psychoanalyse: die Grundlagen

Ein Aspekt, der aus Erich Fromms Biografie hervorsticht, ist, dass er im Gegensatz zu anderen Psychoanalytikern keine Karriere im medizinischen oder psychiatrischen Feld verfolgte. Er basierte seine Arbeit auf der Soziologie und wurde dafür nicht immer geschätzt. Seine Beziehung zu Karen Horney war sogar ziemlich kompliziert, und viele Psychologen betrachteten ihn mehr als Theoretiker denn als orthodoxen Psychologen. Jedoch liegt darin, was als Fromms wahre Größe angesehen wird: die erweiterte und integrative Sicht auf den Menschen. Aus seiner Perspektive ist der Mensch mehr als die Antwort seines Körpers auf Pathogene und biologische Kräfte. Er glaubte, dass Kultur, Familie und Gesellschaft oft unser Selbstbild begrenzen.

„Die Gefahr der Vergangenheit bestand darin, dass Menschen versklavt wurden. Die Gefahr der Zukunft besteht darin, dass Menschen zu Robotern werden könnten. Wahr ist, dass Roboter nicht rebellieren. Aber die menschliche Natur betrachtend, können Roboter nicht leben und bei Verstand bleiben, sie werden zu Golems. Sie werden ihre Welt und sich selbst zerstören, denn sie können die Langeweile eines bedeutungslosen Lebens nicht ertragen.“

Erich Fromm

Fromms humanistische Perspektive steuerte einen neuen Ansatz zum Konzept der Krankheit bei. Ihm zufolge war der Psychoanalytiker seiner Zeit dazu verpflichtet, die Definition des Terminus „Krankheit“ zu reformieren und auch die Mittel, die genutzt werden, ums sie zu behandeln. Sein Ziel sollte es sein, die Selbsterkenntnis des Patienten anzuregen, seine persönliche Entwicklung zu fördern, um Glück zu erzielen. Und das kann nur durch die Stärkung seines Gefühls für Verantwortung und Selbstliebe geschehen.

In der Behandlung eines Patienten macht es keinen Sinn, sich nur auf die pathologischen Merkmale zu konzentrieren, die Symptome der Krankheit oder die negativen Aspekte des geistigen Zustands. Die positiven Merkmale anzuerkennen, verbessert den Behandlungserfolg. Der Psychoanalytiker sollte nicht einfach seine zwei Hundertstel hinzufügen, damit sich der Patient verändert. Er sollte ihm helfen, Strategien zu entwickeln, sodass dieser sich in die Gesellschaft reintegrieren kann, sich stärker fühlt und versteht, dass es auch pathologische Aspekte der Gesellschaft gibt, die die meisten Menschen als gültig und angemessen hinnehmen.

Die Psychoanalyse sollte für Fortschritte der Wissenschaft und Veränderungen in der Gesellschaft empfänglich sein. Sie sollte kulturelle, wirtschaftliche und politische Bedingungen verstehen, die uns umgeben, um dem Patienten besser helfen zu können. Es ist ein Fehler, von einem reduktionistischen Standpunkt aus zu arbeiten. Profis verwenden während ihrer Arbeit ein klares, transparentes und verständliches Vokabular. Darüber hinaus sollten sie nicht versuchen, ein Bild der Macht oder Überlegenheit zu projizieren.

Fromms Erbe ist ein gigantischer Schritt für die Psychologie und die Philosophie. Während viele seiner Zeitgenossen annahmen, seine Theorien seien utopisch, führte er eine realistischere Form der Psychoanalyse ein, die anstrebt, das Beste aus jeder Person herauszuholen. Seine Arbeit sollte in Erinnerung behalten und immer wieder gelesen werden. Sieh diesen Artikel als Einladung dazu.