Wie wir laut Albert Ellis ganz einfach unsere Scham verlieren

· 29. September 2017

Scham ist ein Gefühl, das jedes Mal aufkommt, wenn wir denken, dass wir einer sozialen Norm nicht entsprechen. Sie hat eine wunderbare Funktion, was die soziale Anpassung anbelangt: Dank ihr haben wir uns über Millionen Jahre hinweg die Akzeptanz der Gruppe und folglich unser Überleben gesichert.

Heutzutage ist die Scham noch immer Teil unserer emotionalen Struktur, aber manchmal zeigt sie sich in den falschen Situationen.

Es gibt Momente, in denen wir uns einer Situation stellen müssen, die für uns ein Risiko darstellt, weil wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass wir Scham empfinden werden. Werden wir aber wirklich von der sozialen Gruppe abgelehnt? Wahrscheinlich nicht, doch fälschlicherweise denken wir das und sind deshalb der Meinung, dass diese Situation für uns ein schreckliches Ende nehmen wird.

Da wir schon im Voraus überzeugt sind, dass wir Ablehnung erfahren werden, aktivieren wir unser Schamgefühl, und das löst bei uns verschiedene Verhaltensweisen aus, um uns vor dieser möglichen Ablehnung zu beschützen.

Wir können uns auf zwei Arten von der dysfunktionalen Scham befreien:

  • Einerseits können wir uns selbst mithilfe des inneren Dialogs davon überzeugen, dass wir keinen Beweis dafür haben, dass die Ablehnung durch unser soziales Umfeld stattfinden wird, und dass, auch wenn dem so wäre, wir nicht die Bestätigung von jedem brauchen.
  • Andererseits können wir uns trauen, Scham auf eine freiwillige Art und Weise zuzulassen. Im Bezug darauf entwarf der Psychologe Albert Ellis eine Reihe von Übungen, mit denen es uns gelingen kann, die bedingungslose Selbstakzeptanz zu erreichen.

Wie wir laut Albert Ellis gegen das Gefühl von Scham vorgehen können

Albert Ellis wollte mithilfe dieser Übungen erreichen, dass der Anwender sich bewusst wird, dass der persönliche Wert unerschütterlich ist. Ganz gleich, wie wir sind oder wie wir uns verhalten, unser Wert wird immer derselbe bleiben.

Wenn wir auf diese Weise denken, können wir viel freier und gemäß unserer eigenen Bedürfnisse, Werte oder Vorstellungen leben, ohne abhängig von einem Umfeld zu sein, dass uns akzeptiert oder nicht.

Wenn wir uns selbst und auch andere unabhängig vom Wesen und der Existenz bewerten, ist es sehr schwierig, nicht wir selbst zu sein. Auf diese Weise wäre uns die soziale Anerkennung nicht so wichtig, was uns zu authentischeren Menschen machen würde.

Im Allgemeinen können wir sagen, dass uns beigebracht wurde, immer dann Scham zu verspüren, wenn wir etwas tun, was die Gesellschaft als verwerflich einordnet. Wenn wir dieses Gefühl verspüren, sagen wir uns im Grunde genommen selbst, dass wir verächtlich seien, niemals auf eine andere Art handeln könnten, uns niemand lieben würde. Wir hören in einem inneren Dialog weitere irrationale und bittere Sätze, die nichts weiter tun, als uns runterzuziehen.

Damit das nicht passiert, schlägt Ellis vor, an etwas zu denken, das für unsere Gesellschaft lächerlich erscheinen könnte. Hast du schon einen Gedanken im Kopf? Jetzt musst du, ohne zweimal darüber nachzudenken, handeln und den Gedanken in die Tat umsetzen. Das Ziel ist es, uns dem Gefühl von Scham, den Kritiken und verächtlichen Blicken anderer auszusetzen. Was erreichen wir damit? Uns wird einfach nur bewusst, dass nichts Schlimmes passiert.

Das Schlimmste, das passieren kann, ist, von jemandem abgelehnt zu werden. Aber wenn wir einmal genauer darüber nachdenken: Ist schon einmal jemand daran gestorben, dass er Ablehnung erfahren hat? Was soll es heißen, dass mich ein anderer nicht so nimmt, wie ich bin? Wer hat das Problem, der andere oder ich?

  • Eine der von Albert Ellis angeführten Übungen ist es, mit einer Banane Gassi zu gehen, als wäre sie unser Haustier, sie an die Leine zu nehmen, mit ihr zu sprechen, sie zu streicheln usw.
  • Eine andere Übung besteht darin, jemanden auf der Straße anzuhalten und ihm zu sagen, dass du gerade aus der Irrenanstalt entlassen wurdest und dass du gern von ihm wissen möchtest, in welchem Jahr wir uns befinden.
  • Wir können auch auf offener Straße einfach anfangen mit unserer schönsten Stimme unser Lieblingslied zu singen oder aber extravagant gekleidet vor die Tür gehen.

Egal, für welche Übung du dich entscheidest, es muss etwas sein, das ein wirkliches Schamgefühl hervorruft. Etwas, das für dich nicht beschämend ist, eignet sich nicht als effiziente Übung. Der Gedanke dahinter ist, dass du lernst, zu tolerieren und zu relativieren, was geschehen wird.

Du wirst dich wahrscheinlich selbst überraschen

Sicherlich denkst du jetzt: „Das würde ich niemals im Leben machen, man würde ja denken, ich sei verrückt!“,  und es kann sein, dass du damit recht hast. Doch das Überraschende ist, dass das gar nicht so viele denken werden. Unser Gedankenstrudel ist dafür verantwortlich, dass wir dazu neigen, nicht existierende Katastrophen vorherzusagen. So glauben wir, dass uns jeder mit Ablehnung begegnen würde, wir nie akzeptiert würden, etwas ganz fürchterlich sein würde, und die Ablehnung der anderen zweifellos bedeute, dass wir verachtenswert seien.

Sobald wir die Übung in die Tat umsetzen, fällt uns auf, dass all diese Gedanken – Verallgemeinerungen, Katastrophendenken, ein selektiver Fokus – uns nicht zu realistischen Schlussfolgerungen kommen lassen.

Bestimmt werden uns manche Menschen schräg anschauen und andere werden uns vielleicht sogar beleidigen. Aber wenn wir aufmerksam sind, fällt uns auf, dass es sich bei diesen Menschen um Personen handelt, deren Gesichtsausdruck z. B. auf Unzufriedenheit oder Traurigkeit schließen lässt. Das bedeutet, dass sie dem Leben schon negativ gegenüberstehen und ihre Einstellung absolut nichts mit dir zu tun hat.

Andere wiederum – die Mehrheit – werden mit uns darüber lachen, manche werden sich zu unserem kleinen Schauspiel sogar dazugesellen und uns nicht auf Dauer verurteilen. Dadurch können wir unter Umständen auch neue Freunde finden.

Wir dürfen nicht vergessen, dass alle anderen letztendlich auch nur Menschen sind. Auch sie treten in Fettnäpfchen und machen sich ab und an lächerlich, irren und verbessern sich, haben Gefühle usw. Wenn sie dich verurteilen, dann ist das lediglich ihr Problem und nicht deines. Solange du niemandem wehtust, kannst du machen, wonach dir der Sinn steht. Fällt dir eine gute Übung ein, um dem Gefühl von Scham den Kampf anzusagen? Würdest du dich trauen, diese Übung durchzuführen?

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