Feigheit als Nährboden der Traurigkeit

· 17. Juni 2017

Traurigkeit scheint eines der deutlichsten Zeichen unserer Zeit zu sein. Es ist, als ob sich Depressionen in unserer modernen Welt zu einem Massenleiden entwickelt hätten. Eine Reihe von Berichten, die von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlicht wurden, belegen tatsächlich eine zunehmende Anzahl von Diagnosen, sodass sogar von einer Pandemie die Rede ist.

Mit dem Begriff Depression können wir so gut wie jede Art von Traurigkeit oder emotionalem Unwohlsein bezeichnen. Zudem handelt es sich um eine Erkrankung, die in unserem täglichen Leben völlig akzeptabel geworden ist und sogar verherrlicht wird. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich jemand selbst als „deprimiert“  bezeichnet oder sagt: „Ich gehe heute nicht weg, ich bin ein bisschen deprimiert.“  Der Begriff, der noch vor zehn Jahren eine psychiatrische Erkrankung bezeichnete, ist heute Teil unseres alltäglichen Vokabulars und vermischt sich mit dem der Traurigkeit.

              Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt, die Tapfern kosten einmal nur den Tod.

                              William Shakespeare

 Chronische Traurigkeit und psychische Verfassung

Es wird viel darüber diskutiert, welche Faktoren für diese Epidemie der Depression verantwortlich sind. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass Gefühle von Traurigkeit rein organische und genetische Ursachen haben, so dass der Einzelne für sein Leiden keinerlei Verantwortung trägt. Die Sache ist also damit erledigt, Medizin „xy“ einzunehmen. Es sind die Pharmakonzerne, die von dieser „Epidemie“ profitieren.

Historisch wurde die Gemütserkrankung, die Menschen in die Passivität drängt, mit Traurigkeit erfüllt und zu Gefangenen ihres fehlenden Lebenswillens macht, einem Ungleichgewicht der Körperflüssigkeiten zugeschrieben. Im Mittelalter trug diese chronische Traurigkeit den Namen „Acedia“ und war eine Todsünde, bevor der Begriff in den der „Trägheit des Geistes“ integriert wurde. Der berühmte Poet Dante stellte sich vor, dass wer von permanenter Traurigkeit betroffen sei und nichts dagegen unternähme, im Fegefeuer all die verlorene Zeit bereuen müsse. Im 19. Jahrhundert definierte der Psychiater Joseph Guislain diesen permanenten Zustand der Traurigkeit als „Existenzschmerz“. Später gab Sèglas an, es handle sich um „moralische Hypochondrie“.

Erst im 20. Jahrhundert entstand der Begriff „Depression“ mit seiner Definition als eine Erkrankung, die sich durch fehlende Motivation, wiederkehrende Schuldgefühle, Ängste, eine apathische Haltung gegenüber der Welt, das zunehmende Schwinden jeglicher Liebe gegenüber der eigenen Person sowie einen Zustand ständiger Selbstanklage oder Selbstvorwürfe auszeichnet.

Traurigkeit und Feigheit

Menschen, die unter chronischer Traurigkeit leiden, verspüren ein starkes Gefühl der Unwirklichkeit. Es scheint ihnen, als spiele sich das Leben auf einer Bühne ab, die nicht zu ihnen gehört. Sie verspüren außerdem ein Gefühl der Ausgeschlossenheit von jeglichen Geschehnissen in der Welt. Als ob die Welt sich weiterdrehe, während sie nur stillstünden, schweigend. Die Gegenwart wird als fremd wahrgenommen, die Zukunft als ein Omen weiteren Leidens und die Vergangenheit besteht in einer Ansammlung von Verlusten, mit denen sich der Betroffene wieder und wieder auseinandersetzt.

Menschen mit Depressionen fragen sich: „Welchen Sinn hat das Leben?“  Und häufig beantworten sie diese Frage wie folgt: „Es wäre besser, wenn ich gar nicht erst geboren wäre.“  Sowohl die Frage als auch die Antwort sind eine Falle an sich.

Sowohl die Frage als auch die Antwort geben dem Betroffenen die Möglichkeit, sich jeglicher Verantwortung zu entziehen. „Wenn das Leben nicht bereits einen Sinn hat, dann interessiert es mich nicht“,  scheint ihre Aussage zu sein. Oder: „Ich habe nie darum gebeten, geboren zu werden, also kann keiner von mir verlangen, jetzt etwas Sinnvolles aus meinem Leben zu machen.“  Auf diese Art und Weise verwandeln sie sich in „Objekte“ der Traurigkeit und sind nicht länger Subjekt. Es gibt aber kein Buch, keine Gebrauchsanweisung oder Gesetz, das uns sagen könnte, was der Sinn des Lebens ist. Wir müssen ihm den Sinn selbst geben.

Natürlich werden wir nicht alle mit den gleichen Chancen geboren. Wir sind ungeplante Kinder, wir sind arm, werden schlecht behandelt oder missbraucht, wenn wir uns nicht wehren können, oder erleben andere Situationen, die seelischen Schmerz verursachen. Und dieser Schmerz kann wiederum zu mehr Leere und Enttäuschung führen.

Aber letztendlich muss jeder Einzelne von uns entscheiden, wie er mit diesen Situationen umgeht. Das ist unsere eigene Verantwortung, und wir können nicht die Karten dafür verantwortlich machen, die uns zum Spielen ausgeteilt wurden. Indem wir unser eigenes Leben verneinen, zeichnen wir das Bild eines melancholischen Verlierers der Freude.