Emotionale Verantwortung: Ich kann nicht oder ich will nicht?

30. März 2016 en Psychologie 23 Geteilt

„In solchen Momenten ist es mir einfach unmöglich, eine Entscheidung zu treffen. Ich kann einfach nicht.“  Es ist möglich, dass du jemanden, der dir nahesteht, genau diese Worte schon einige Male hast sagen hören. Oder vielleicht warst du selbst die Person, die dieses bekannte Gefühl zum Ausdruck gebracht hat, das dich daran hindert, Entscheidungen zu treffen und voranzukommen.

„Ich weiß einfach nicht, ob ich diese Beziehung beenden soll.“„Vielleicht sollte ich etwas in meinem Leben verändern, aber ich kann einfach nicht.“ „Ich weiß, dass ich eigentlich mit dieser Person reden und ihr sagen sollte, was ich fühle, aber ich kann einfach nicht. Ich traue mich nicht.“  Was hat es mit all diesen typischen Momenten auf sich, in denen wir nicht in der Lage sind, eine Entscheidung zu treffen? In unserem alltäglichen Leben gibt es einen nicht abreißenden Strom von Unsicherheiten kleineren und größeren Ausmaßes, der uns das Leben mehr oder weniger schwer macht.

Heute wollen wir deshalb über diesen Aspekt in unserem Leben sprechen: über die persönliche und emotionale Verantwortung, der wir uns alle stellen müssen. Manchmal ist das nicht leicht, aber mit ein bisschen Anstrengung und Mut können wir es erreichen und so unsere Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, verbessern.

Der Unterschied zwischen „Ich kann nicht“  und „Ich will nicht“

Sicherlich kennst du einige Menschen, die so ziemlich jeden Tag „Ich kann nicht“  sagen. Immer wenn du mit dieser Person zusammen bist und mit ihr redest und gerade wenn du ihr vorschlägst, dass genau jetzt der richtige Moment für eine Veränderung in ihrem Leben ist, dann taucht immer und immer wieder das „Ich kann nicht“  auf.

Aber was bedeutet es im Grunde, wenn wir „Ich kann nicht“  sagen? Wenn ich diese drei Worte formuliere, dann entziehe ich mich meiner Verantwortung. Auf diese Weise begrenzen wir uns selbst. Mit unserer eigenen Stimme ziehen wir in diesem Schlachtfeld, das sich Leben nennt, riesige Mauern hoch. Und dann geben wir auf.

Wenn ich die Situation nicht unter Kontrolle habe, dann versuche ich, meine Verantwortung für die Dinge um mich herum abzugeben. „Ich kann nicht“  zu sagen bedeutet, das Ruder auf dem eigenen Schiff der Umstände und Probleme aus der Hand zu geben und so das Steuerrad allein zu lassen. Eigentlich sollte uns dieses Bild doch wirklich Angst machen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel, das dem ein oder anderen vielleicht bekannt ist: „Ich kann diese Beziehung einfach nicht beenden. Ich weiß zwar, dass da keine Liebe mehr ist, aber wir haben nun mal so viele Jahre miteinander verbracht und ich könnte meinem Partner das einfach nicht antun.“

Wo sind da unser Selbstwertgefühl und unsere Integrität? Wenn wir nicht aufrichtig mit unseren Gefühlen und Emotionen umgehen, dann geht letztlich ein Großteil in uns verloren. Mit der Zeit wird daraus eine so große Frustration erwachsen, dass sie uns mit einem Gefühl der Verletzung und der Leere zurücklässt. Und dies wird dann wiederum andere verletzen.

Emotionale Verantwortung

Versuchen wir doch einmal etwas anderes! Was würde geschehen, wenn wir nicht mehr „Ich kann nicht“  sagen, sondern diese Aussage mit „Ich werde nicht“  ersetzen, was so viel bedeutet wie „Ich will nicht“.  Auf diese Weise wird deutlich, dass hier eine Entscheidung getroffen wurde. So entsteht Überzeugung und Hingabe. So kommen Mut und Willenskraft ins Spiel. Und das bezeichnet man als „emotionale Verantwortung“. Mit Hilfe dieser einfachen Übung wird sich eine Person ihrer Gefühle und Taten bewusst. An diesem Punkt übernehmen wir die Verantwortung für unsere Gefühle und wir beginnen dementsprechend zu handeln, ohne anderen oder uns selbst weh zu tun.

Emotionale Verantwortung ist eine tragende Säule für das Selbstwertgefühl und das eigene Glück. Wir sollten dabei nicht unseren Gefühlen aus dem Weg gehen, sondern sie akzeptieren und uns selbst erlauben, Entscheidungen zu treffen, die diesen Gefühlen folgen. Auf diese Art und Weise handeln wir mutiger und ehrlicher.

Es ist allerdings nicht immer einfach, in Übereinstimmung mit den eigenen Emotionen zu handeln. Das Leben kann ein kompliziertes Labyrinth sein, in dem wir mit unterschiedlichen Menschen und Situationen umgehen und kämpfen müssen. Dabei ist es aber lohnenswert, sich dies vor Augen zu halten und an unserer Fähigkeit zu arbeiten, eine authentische und aufrichtige persönliche Verantwortung an den Tag zu legen.

Um dir zu verdeutlichen, wie das geht, zeigen wir dir eine kleine und sehr simple Strategie. Es geht dabei kurz gesagt darum, all die Probleme zu erläutern, die du im Moment hast und in die Kategorien „Ich kann nicht“ oder „Ich will nicht“ einzusortieren. Wenn du das gemacht hast, dann frage dich, was diese Worte für Gefühle in dir auslösen und ob sie auch wirklich deine echten Gefühle widerspiegeln. Hier kommt ein paar Beispiele. Entscheide jeweils, welche der beiden Aussagen der Wahrheit entspricht:

„Ich liebe meinen Partner nicht mehr, aber ich kann ihn nicht verlassen. Ich traue mich einfach nicht.“  Oder: „Ich will meinen Parnter nicht verlassen.“
„Ich kann nicht mit einem Flugzeug fliegen, es macht mir Angst.“ 
Oder: „Ich will nicht mit einem Flugzeug fliegen.“
„Mein Arbeitskollege regt mich auf, aber ich kann es ihm nicht sagen.“ 
Oder: „Ich will es ihm nicht sagen.
„Ich kann meine Gefühle nicht aufarbeiten.“ 
Oder: „Ich will meine Gefühle nicht aufarbeiten.“

Ist es nicht erstaunlich, wie die Veränderung eines kleinen Wortes die gesamte Perspektive verschieben kann?

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