Die Angst davor, zu leiden, ist schlimmer als das eigentliche Leid

· 27. September 2016

Der Spanier Emilio Duró, Wirtschaftswissenschaftler und Experte in Unternehmensführung, sagte bei einem seiner bekanntesten Vorträge – er trug den Titel Optimismus und Vorstellungskraft -, dass 99% all unserer Sorgen niemals eingetroffen sind und auch niemals eintreffen werden. Wenn wir einmal genauer darüber nachdenken, stimmt das tatsächlich, weil ein großer Teil unseres Leides und die Gründe dafür mit unseren Gedanken zu tun haben. Im Grunde genommen haben wir einfach nur Angst davor, zu leiden.

Die Angst ist eine sehr menschliche Reaktion, die ein Teil unseres natürlichen Überlebensinstinktes ist, uns aber manchmal hinters Licht führt, da dieser in Situationen, die keine wirkliche Gefahr darstellen, aktiv wird. In diesen Situationen müssen wir lernen, unsere Ängste zu kontrollieren.

„Alles, was du jemals wolltest, ist auf der anderen Seite der Angst.“

George Adair

Wir neigen dazu, bei der bloßen Vorstellung des Leides mehr zu leiden als in einer Situation, die zu einem wirklichen Leid führen kann. Viele Menschen fürchten sich davor, zu lieben oder sich zu verlieben, aus Angst später einmal verletzt zu werden. und verkriechen sich daher in einem Panzer, ohne sich bewusst zu sein, dass sie auf diese Art und Weise nicht sie selbst sein und die Liebe auch nicht erfahren können.

Wie Angst in unserem Gehirn funktioniert

Um zu verstehen, wie Angst in unserem Gehirn arbeitet, wurde ein Experiment von den Wissenschaftlern des Mentalen Gesundheitszentrums der Universität von Texas in Dallas (Texas, USA) durchgeführt. Daran beteiligten sich 26 Erwachsene (19 Frauen und 7 Männer) im Alter zwischen 19 und 30 Jahren.

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Bei diesem Experiment wurden den Teilnehmern 224 ganz zufällig ausgewählte Bilder gezeigt, die zum Teil Gefahren und unangenehme Situationen darstellten und unter denen sich reale Bilder und nicht reale Bilder befanden, ohne irgendeinen Indikator, der die Bilder diesen zwei Kategorien zuschrieb.

Die Probanden wurden gebeten, einen Knopf mit dem rechten Daumen zu drücken, wenn sie ein reales Foto sahen und mit dem Mittelfinger einen anderen Knopf zu drücken, wenn sie ein nicht reales Bild sahen. Weitere Resultate wurden mithilfe von Elektroenzephalographie erhoben.

„Feigheit macht uns älter als die Zeit. Jahre zerknittern nur die Haut, aber Angst zerknittert die Seele.“

Facundo Cabral

Die Ergebnisse der Elektroenzephalographie zeigten, dass die bedrohlichen Bilder einen vorzeitigen Anstieg der Theta-Welle im Okzipitallappen (Gehirnareal, in dem visuelle Informationen verarbeitet werden) verursachten.

Daraufhin erhöhte sich die Aktivität der Theta-Wellen im Frontallappen (Gehirnareal, in dem sich komplexe mentale Funktionen, wie die Entscheidungsfindung und die Entstehung von Plänen abspielen). Auch ein Anstieg der Beta-Wellen konnte in Verbindung mit dem motorischen Verhalten verzeichnet werden.

Daher kam man zu dem Entschluss, dass das Gehirn der bedrohlichen Information eine höhere Priorität einräumt als anderen kognitiven Prozessen. Das durchgeführte Experiment zeigt uns demnach, wie dieser Prozess im Gehirn funktioniert.

Entscheide dich dafür, keine Angst mehr vor dem Leid zu haben

Es gibt kein Geheimrezept dafür, um nicht länger Angst davor zu haben, zu leiden. Wir können nicht einfach aufhören zu leiden und alles vergessen. Dennoch gibt es andere Sichtweisen, die wir verinnerlichen können und die uns dabei helfen, diese manchmal so irrationale Angst hinter uns zu lassen.

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Uns dazu zu entschließen, keine Angst zu haben, bedeutet, unsere Gefühle zu kontrollieren und dafür zu kämpfen, dass sie uns nicht beherrschen, uns selbst kennenzulernen und zu entscheiden, dass es uns gut geht und wir in Frieden mit uns selbst leben. Dafür ist es wichtig, einen Prozess zu durchlaufen, bei dem wir uns über all das Gedanken machen, was wir empfinden und herausfinden, wieso wir so fühlen.

Gib dem Leid einen Namen

Um gegen die Angst vor dem Leiden anzukämpfen, ist es notwendig, keine ablehnende Haltung einzunehmen und uns bewusst zu werden, wieso wir leiden. Das soll heißen: Um eine objektive Vision zu bekommen, können wir uns selbst beobachten und uns darüber klar werden, was wir denken, wie wir denken und was wir tun.

Doch neben dieser sogenannten Introspektion ist auch eine Beobachtung der äußeren Umstände fundamental. Schau deinen Körper an und entdecke, was er versucht, dir mitzuteilen. Du solltest dich fragen: Was sagt mir mein Körper?  Höre ihm zu und finde heraus, was hinter diesem Leid steckt.

Entscheide dich dafür, nicht länger zu leiden

Sobald du diese innere und äußere Beobachtung deines Ichs abgeschlossen hast, ist der Zeitpunkt gekommen, dich dafür zu entscheiden, nicht länger zu leiden. Um das zu tun, können wir damit beginnen, negative Gedanken, die wir für gewöhnlich haben, beiseite zu schieben. Das sind oft Gedanken, wie: „Ich kann das nicht schaffen.“ – „Ich verdiene es so.“ – „Ich habe keine Zeit.“ – „Ich bin es nicht wert.“

„Ein Tropfen purer Mut ist mehr wert als ein Ozean voller Feigheit.“

Miguel Hernández

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Es ist neben diesen negativen Gedanken auch notwendig, uns von beschränkten Sichtweisen, an denen wir für gewöhnlich festhalten, wie „der Liebe wegen zu leiden ist die stärkste Form, die wahre Liebe auszudrücken“ zu verabschieden. Pessimismus und festgefahrene Sichtweisen hinter uns zu lassen ist ein wichtiger Schritt, um nicht länger vom Leid verfolgt zu werden und das Glück zu begrüßen.

Bringe deine Gefühle zum Ausdruck

Es ist weit verbreitet, Angst vorm Leid zu haben und dieses Leid auch nicht auszudrücken, weil wir uns vor dem fürchten, was andere von uns denken könnten. Doch wenn wir unsere tiefsten Ängste mitteilen, macht uns das zu mutigen und ehrlichen Menschen, die von ihren Mitmenschen und sich selbst geschätzt werden.

Zu sagen, was wir fühlen, der Angst einen Namen zu geben, dafür braucht es viel Mut, aber dadurch gelingt es uns, Mauern einzureißen, die uns einschränken, und wir können uns von der Last befreien, die das Leiden mit sich bringt und die es uns unmöglich macht, all das Schöne im Leben zu genießen.