Depressionen hindern uns daran, an positives Feedback zu glauben

Beim Umgang mit Depressionen sind Botschaften wie "Ändere deine Einstellung - du wirst sehen, um wie viel besser du dich jeden Tag fühlen wirst" nicht hilfreich. Das Gehirn kann positive Worte nicht verarbeiten und nicht bewerten. Lass uns herausfinden, warum.
Depressionen hindern uns daran, an positives Feedback zu glauben
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 07. August 2022

Depressionen machen uns skeptisch gegenüber positivem Feedback. Worte voller guter Absichten nützen denjenigen wenig, die die Realität durch eine Brille sehen, welche ihnen nur erlaubt, Grautöne wahrzunehmen.

Wir würden uns wünschen, dass das Gehirn empfänglicher für freundliche Botschaften und hellere Perspektiven auf das Leben reagiert. Diejenigen, die an einer depressiven Störung leiden, haben jedoch eine einseitige Sichtweise, die ihnen nicht hilft, sondern die Depression selbst nährt. Sie haben kein Vertrauen in ihre Problemlösungsfähigkeiten, und jedes Urteil, das dieser Vorstellung widerspricht, ist ein starker Kandidat dafür, als verfälscht angesehen zu werden.

Die Depression untergräbt das Selbstvertrauen der Betroffenen: Es ist, als wäre die Störung selbst ein Lebewesen, das sich mit seinen eigenen Ressourcen zum Überleben in der Person einnistet.

Außerdem sucht sich niemand diesen mentalen Fokus aus. Negativität, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sind nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Das Gehirn beginnt, anders zu funktionieren und verstärkt ein Muster, das eindeutig abgenutzt und pathologisch ist. Deshalb ist eine psychologische Therapie so wichtig.

Um Depressionen zu bewältigen, musst du eine flexiblere Denkweise entwickeln. Du musst Veränderungen in deiner Routine erreichen und gesunde mentale Prozesse fördern.

Depressionen hindern uns daran, an positives Feedback zu glauben
Menschen mit Depressionen reagieren nicht auf positives Feedback.

Warum halten uns Depressionen davon ab, an positives Feedback zu glauben?

Es gibt ständig neue Studien über Depressionen. Das liegt vorwiegend daran, dass es sich um eine komplexe und einschränkende Störung handelt, die sich nicht an die Gesetze der Logik hält.

Untersuchungen der Universität Koblenz-Landau im Jahr 2021 zeigen, dass depressive Menschen nicht auf positives Feedback reagieren. Das heißt, sie hören vielleicht auf einen Freund oder einen Partner, wenn man ihnen zum Beispiel sagt, dass sie das Potenzial haben, einen bestimmten Job oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Sie zweifeln nicht daran, dass diese Ratschläge wahr sind.

Das depressive Gehirn reagiert jedoch nicht auf solche motivierenden Botschaften. Es kann seine erschöpfenden und negativen Überzeugungen nicht ändern, es aktualisiert sie nicht und ist auch nicht empfänglich für konstruktive Argumente aus seiner Umgebung. Das erklärt, warum Depressionen uns daran hindern, an positives Feedback zu glauben. Schauen wir uns aber noch ein paar weitere Fakten an.

Kognitive Immunisierung und Widerstand gegen Veränderungen

So nennen Wissenschaftler den Prozess, bei dem die depressive Person nicht auf Worte reagiert, die darauf abzielen, positive Veränderungen in ihrem mentalen Fokus zu erzeugen. Die kognitive Immunisierung führt dazu, dass die Überzeugungen des Patienten nicht nur negativ oder fatalistisch sind, sondern auch starrer und weniger empfänglich für Veränderungen.

Es ist wie eine mentale Barriere, wie eine Immunität gegen Selbstvertrauen, gegen Hoffnung, gegen das Licht am Ende des Tunnels. Heißt das nun, dass jemand mit Depressionen niemals eine flexiblere und gesündere psychologische Einstellung entwickeln wird? Ganz und gar nicht.

Es bedeutet, dass die einfachen Botschaften des Alltags, die gut gemeinten Worte der Umwelt, Betroffenen nicht helfen. Diese wissen und verstehen, dass sich andere um ihren Zustand sorgen, aber diese Anreize bringen ihnen keinen Nutzen.

Es ist dieser kognitive Schutzschild, der jedes positive Feedback über ihre Leistung zum Schmelzen bringt. Es ist die innere Stimme, die ihnen sagt, dass sie bei jedem Vorstellungsgespräch abgelehnt werden oder dass nichts im Leben gut für sie laufen wird. Depression ist Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, ein dunkler Schleier, der jeden Gedanken und jede Perspektive vernebelt.

Depressionen sind eine behindernde Störung mit einer deutlichen kognitiven Beeinträchtigung: Es fällt schwer, zu denken, zu verstehen und auf Informationen zu reagieren.

Depressionen hindern uns daran, an positives Feedback zu glauben oder diesem Aufmerksamkeit zu schenken

Eine Depression erschöpft, vernebelt den Geist, verlangsamt das Denken und blockiert das Gedächtnis. Dessen sollte sich die Bevölkerung bewusst sein, denn wenn es etwas gibt, das mit Depressionen in Verbindung gebracht wird, dann ist es Traurigkeit oder mangelnde Motivation. Die kognitiven Beeinträchtigungen, die mit dieser Erkrankung einhergehen, werden übersehen.

Eine Studie der Universität Toronto kommt zu demselben Schluss. Diese Art von psychischer Störung beeinträchtigt die exekutiven Funktionen, das Lernen, das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die Verarbeitungsgeschwindigkeit …

Depressionen hindern uns daran, positives Feedback zu glauben, weil es schwierig ist, diesem Aufmerksamkeit zu schenken. Betroffene sind nicht in der Lage, die aufbauenden Kommentare sinnvoll zu verarbeiten, da der Verstand ein Übermaß an kognitiven Fehlfunktionen aufweist. Es ist, als ob unser Computer von einem Trojanischen Pferd infiziert wäre. Nichts funktioniert auf die gleiche Weise …

Therapeutin gibt positives Feedback
Depressionen erfordern einen speziellen klinischen Ansatz. Nette Worte bringen Trost, aber keine Veränderung.

Wie behandelt man Depressionen?

Es ist gut, Betroffene zu unterstützen, zu begleiten und freundliche sowie fürsorgliche Worte an diese Menschen zu richten. Aber um es klar zu sagen: Keine dieser Dynamiken verändert den mentalen Fokus der Person, die mit dieser Krankheit zu tun hat. Es ist ein personalisierter und spezialisierter klinischer Ansatz erforderlich. Was bedeutet das?

Zunächst einmal ist eine Diagnose erforderlich. Es gibt verschiedene Arten von Depressionen und manchmal sind auch andere komorbide Probleme vorhanden. Patienten mit einer bipolaren Störung erfordern eine andere Intervention als eine Person mit einer perinatalen Depression oder mit psychotischen Symptomen.

In den meisten Fällen ist es sinnvoll, sowohl eine pharmakologische Strategie als auch eine psychologische Therapie zu kombinieren. Letztere zielt darauf ab, ungesunde Denk- und Verhaltensmuster zu ändern. In widerstandsfähigeren Fällen werden zum Beispiel Methoden wie die kraniale Elektrostimulation eingesetzt, die hohe Erfolgsquoten aufweisen.

In jedem Fall sollten wir bedenken, dass jede Person einzigartig ist und dass Depressionen wirksam behandelt werden können. Zögere nicht damit, dich an eine erfahrene Fachkraft zu wenden.



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