Exekutive Funktionen: Spitzenleistung des Gehirns

· 7. April 2019

Exekutive Funktionen sind komplexe kognitive Prozesse. Es sind geistige Aktivitäten, über die wir mit unserer Umgebung interagieren, die uns arbeiten, erschaffen, motivieren, priorisieren und Zeit einteilen lassen. Dem zugrunde liegen automatische Prozesse, die wir täglich ausführen, ohne es zu merken.

Auf den ersten Blick mag das alles schwer verständlich erscheinen. Wir hören oft, dass das Gehirn wie ein Computer arbeite, weil es die gleichen Mechanismen verwende. Man kann jedoch mit Sicherheit sagen, dass das Gehirn viel weiter fortgeschritten ist als der beste Computer, den wir heute erwerben können: Exekutive Funktionen sind anspruchsvolle Aktivitäten, durch die wir unser Verhalten regulieren und unsere Ziele erreichen. Das ist etwas, das jede Art von Technologie deutlich übertrifft.

Angenommen, wir legen uns mit einem Buch in der Hand ins Bett. Während wir nach dem Kapitel suchen, bei dem wir gestern die Augen geschlossen hatten, denken wir an die Aufgaben, die wir am nächsten Tag zu erledigen haben. Wir nehmen uns etwas vor und entscheiden, was priorisiert werden soll und was verschoben wird. Wir sind begeistert von den Zielen, die wir uns für den nächsten Tag gesetzt haben. Dann konzentrieren wir uns auf das Lesen des Buches und erinnern uns auch daran, dass wir das Licht in etwa einer Stunde ausschalten müssen, wenn wir am Morgen aus dem Bett kommen wollen.

Dieses einfache Beispiel zeigt, wie unser Gehirn in kürzester Zeit unzählige Prozesse durchführt. In wenigen Sekunden, um genau zu sein. Wir planen, überwachen, priorisieren und konzentrieren uns auf gesetzte Ziele.

Künstlerische Darstellung des Gehirns

Exekutive Funktionen und der Frontallappen

Der Mensch kommt nicht mit all diesen exekutiven Funktionen auf die Welt. Interessant ist weiter, dass viele dieser Prozesse erst im Alter von etwa 25 Jahren ihre volle Funktionalität erreichen. Der Grund dafür ist, dass diese kognitiven Fähigkeiten meistens in den präfrontalen Strukturen angesiedelt sind, welche recht spät entwickelt werden.

Der erste Neurologe, der über diese Funktionen sprach, war Alexander Lurija. In der Evolution unserer Spezies nehmen sie eine Schlüsselrolle ein, die mit zwei spezifischen Meilensteinen zusammenhängt: dem Spracherwerb und der Erweiterung der Frontallappen. Diese Ereignisse haben eine regelrechte Revolution ausgelöst.

Soziale Gruppen wurden anspruchsvoller und machten Fortschritte, die uns schließlich dahin führten, wo wir jetzt sind. Dennoch ist wichtig, einen wesentlichen Aspekt zu beachten. Die Tatsache, dass diese Prozesse mit uns reifen, ist auf unseren genetischen Code zurückzuführen. Die vollständige Entwicklung der exekutiven Funktionen hängt jedoch noch von weiteren Elementen ab. Dazu zählen die Bindung, die unsere Kindheit prägt, die Art der Interaktion, die wir erfahren, und deren Qualität.

Wenn ein Kind weder eine sichere Bindung zu seinen Eltern aufbauen kann noch über eine gute Ausbildung verfügt, ist es wahrscheinlich, dass es sein kognitives Potenzial nicht ausschöpft. Auf der anderen Seite ist zu beachten, dass Störungen wie Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (mit oder ohne Hyperaktivität), Dyslexie, Dyskalkulie, Schizophrenie oder Gehirnschäden die Ausführung exekutiver Funktionen beeinflussen können.

„Unsere Mission ist es nicht, die überlegenen psychologischen Prozesse in begrenzten Bereichen des Kortex zu lokalisieren. Durch eine gründliche Analyse müssen die Gruppen aufeinander abgestimmter Bereiche des Gehirns ermittelt werden, die für die Ausführung komplexer geistiger Aktivitäten verantwortlich sind.“

Alexander Lurija

Ein Kind hält einen Teddybären.

Elkhonon Goldberg versteht unser Gehirn wie wenige andere. In seinem Buch Die Regie im Gehirn: Wo wir Pläne schmieden und Entscheidungen treffen  erklärt er, dass die exekutiven Funktionen im Frontallappen liegen. Das ist also der Bereich, in dem unsere sozialen Interaktionen ihren Ursprung haben. Denjenigen, die nicht unter den besten Umständen aufgewachsen sind, gibt Goldberg eine gute Nachricht mit auf den Weg, nämlich dass exekutive Funktionen trainiert werden können. Solange wir keine ernsthaften neurologischen Probleme haben, können wir unsere Fähigkeiten erheblich ausbauen.

Welche exekutiven Funktionen leistet unser Gehirn?

Auch die Gehirne von Tieren erfüllen exekutive Funktionen. Sie sind jedoch eher rudimentär und elementar. Sie ermöglichen es ihnen, sich ihrer Bedürfnisse bewusst zu werden, ihr Verhalten entsprechend anzupassen und schließlich unter Nutzung motorischer und sensorischer Systeme einen Weg zu finden, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

Menschen handeln jedoch nicht nur, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Abgesehen von unseren Instinkten zeichnen wir uns durch Ziele, Verpflichtungen und Wünsche, soziale Fähigkeiten und kulturelles Wissen aus. Unsere Umgebung ist so komplex, dass wir ein Gehirn brauchen, das sich an das Kaleidoskop der inneren und äußeren Reize anpasst. Hier kommen erweiterte exekutive Funktionen ins Spiel, darunter die folgenden:

  • Begründung: Menschen analysieren, vergleichen, verwerfen und wählen aus. Informationen werden organisiert und strukturiert, damit sie Sinn und Zweck erhalten. Sie werden zudem aufbewahrt.
  • Arbeitsgedächtnis: Das Speichern von Informationen, um dann jederzeit darauf zugreifen zu können, ist eine der wichtigsten exekutiven Funktionen.
  • Planung: Wir sind in der Lage, eine Reihe von Ideen zu produzieren, um ein Ziel zu erreichen.
  • Zeit steuern und verwalten: Wir regulieren die für eine bestimmte Aufgabe erforderliche Zeit. Wir erkennen auch, wann wir mehr in etwas investieren müssen, und beziehen uns dabei auf Aufgaben, Ziele und Wünsche.
  • Hemmung: Hier geht es darum, unsere Instinkte und Impulse zu verdrängen und zu kontrollieren, sodass unser Verhalten in den sozialen Rahmen passt.
  • Flexibilität: Die Fähigkeit, unsere Perspektive zu ändern und offen für Neues zu sein, ist eine essenzielle Eigenschaft des Menschen.
Das Gehirn als ein blaues Netz

Zum Schluss sei gesagt, dass das exekutive Gehirn zweifellos das größte Geschenk ist, das uns unsere Evolution als Spezies gemacht hat. Gleichzeitig dürfen wir jedoch die Tatsache nicht ignorieren, dass exekutive Funktionen mit zunehmendem Alter an Funktionalität verlieren.

Daher sollten wir jeden Tag etwas Neues lernen. Wir sollten immer Neugier, kritisches Denken und eine qualitativ hochwertige Interaktion mit den Menschen um uns herum fördern. Alle diese Handlungen versorgen unser Gehirn und geben ihm Energie, um zu verhindern, dass sich diese kognitiven Prozesse mit der Zeit verschlechtern.

„Erkenntnis, Aufmerksamkeit und Emotion sind tragende Säulen einer normalen Hirnfunktion. Emotion ist das System, das uns erklärt, wie wichtig etwas ist. Aufmerksamkeit fokussiert uns auf das Wesentliche und bringt uns ab von den unwichtigen Dingen. Erkenntnis sagt uns, was wir dagegen tun sollen. Kognitive Fähigkeiten sind alles, was nötig ist, um Erkenntnis, Aufmerksamkeit und Emotion zu nutzen.“

Elkhonon Goldberg