Ein aufnahmefähiger Geist: Menschen, die Neues lernen und sich emotional verbinden wollen

· 29. Mai 2018

Ein aufnahmefähiger Geist zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr wissbegierig ist, etwas erleben, fühlen und intensive emotionale Bindungen zu anderen aufbauen will. Im Grunde genommen sind es Herzen, die sich danach sehnen, einen Sinn im Leben zu finden. Doch wenn sie ihm keine Bedeutung geben können, kommt es häufig vor, dass sie depressive Episoden erleben oder tiefe Enttäuschung verspüren.

Den meisten von uns wird die Bezeichnung „aufnahmefähiger Geist“ wahrscheinlich nicht bekannt sein und sogar merkwürdig erscheinen. Wir könnten sagen, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in der jeden Tag mehr Persönlichkeitsprofile, Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen definiert werden. Das Thema unseres heutigen Artikels ist aber nicht so neu, wie wir vielleicht denken, denn es kam erstmals im Jahr 2000 in Verbindung mit dem Buch The Gifted Adult: A Revolutionary Guide for Liberating Everyday Genius  der Psychologin Mary-Elaine Jacobsen auf (zu Deutsch: Der begabte Erwachsene: Ein revolutionärer Leitfaden zur Freilassung alltäglicher Genies,  nicht auf Deutsch verfügbar).

„Es ist nicht so, dass wir die Dinge umso besser verstünden, je mehr wir lernen, sondern sie werden mysteriöser.“

Albert Schweitzer

Was diese Autorin und viele andere Psychologen jahrelang in ihren Praxen beobachten konnten, ist ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil, dem bis vor Kurzem noch niemand einen Namen gegeben hatte. Es handelt sich hierbei um Menschen, die strahlen, die sich nicht nur durch ihr Wissen auszeichnen, sondern vor allem durch ihre starke Feinfühligkeit, ihre intensive Leidenschaft für das Leben und manchmal durch ein paar unerreichbar große Ideale. Sie sehnen sich danach, ihre Vorstellung von der Zukunft zu verwirklichen, die sich lohnt und die ihren Talenten entspricht, sie wollen einen Partner, mit dem sie intensive Gefühle erleben und ein bedeutsames Leben aufbauen können, und sind auf der Suche nach Freunden, mit denen sie sich intellektuell und emotional verbinden können.

Wir könnten sagen, dass es für diese Menschen kein Mittelmaß gibt – alles soll intensiv sein und für sie einen wirklichen Sinn haben, mit dem sie wachsen können, ja schon fast magisch sein. Wie wir uns bereits vorstellen können, leben diese Menschen in einem ständigen Widerspruch. Ihre Erwartungen und ihr aufnahmefähiger, aber vor allem sensibler Geist prallt fast ununterbrochen mit der harten Realität zusammen.

Mann mit Mütze ist von hinten zu sehen

Ein aufnahmefähiger Geist und seine Eigenschaften

Häufig kommt es vor, dass ein aufnahmefähiger Geist mit einem äußerst intellektuellen Verstand oder einem hohen Intelligenzquotienten verwechselt wird. An dieser Stelle möchten wir sagen, dass das nicht immer der Fall ist. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die die ausgeprägte Fähigkeit besitzen, Erfolge zu erzielen. Sie sind zudem neugierig, wissbegierig, und möchten sie sich an diesem gesamten Prozess emotional erfreuen.

Sehen wir uns nachfolgend weitere ihrer Eigenschaften an.

Ein aufnahmefähiger Geist begreift sehr schnell

Ein aufnahmefähiger Geist verfügt über einen baumartigen Gedankengang. Ein Gedanke führt zu einem anderen, tiefgründigeren und danach geht es weiter zum nächsten Gedanken, und daraufhin wieder zu einem anderen. Diese Personen interessieren sich für viele Sachen gleichzeitig und versuchen noch mehr über sie zu erfahren, weil sie von ihrer Neugierde, dem fast unermüdlichen Bedürfnis nach Wissen und Entdeckung, getrieben werden.

Ihr Verstand arbeitet sehr schnell, ist sehr aufmerksam gegenüber sämtlichen Reizen und ist ab und an frustriert, dass es ihm nicht gelingen mag, alles, was ihn umgibt, aufzunehmen.

Eine beinahe schmerzende Empathie

Eine ihrer ganz typischen Eigenschaften ist ihre Fähigkeit, sich mit anderen zu verbinden. Es fällt ihnen leicht, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen wahrzunehmen, ihre Gefühle zu lesen und ihre Interessen kennenzulernen. Doch wenn es etwas gibt, dass sie von anderen erwarten, dann, dass man auf sie mit der gleichen emotionalen Intensität reagiert.

Da das nicht immer passiert, werden sie wiederholt zutiefst enttäuscht. Kritik verletzt sie auf verheerende Weise, genauso wie Betrug und emotionale Kälte.

Diese Menschen erfahren immer dieselbe Kritik

Menschen, die jemanden mit einem aufnahmefähigen Geist kennen, sagen über diese Person: „Sie ist zu leidenschaftlich, zu sensibel, zu dramatisch, geht zu schnell vor …“ Zu…“, das ist die ewige Litanei, mit der sich diese Art von Mensch konfrontiert sieht.

Nachdenkliche Frau berührt rotes Herz

Dennoch glauben sie, dass sie immer noch mehr erreichen müssten

Hier kommt der Widerspruch eines aufnahmefähigen Geistes ins Spiel, nämlich die Annahme, dass ihm immer irgendetwas fehle, seine Leeren enorm groß seien und er sich mehr anstrengen und noch vieles mehr erreichen müsse, obwohl sein Umfeld der Meinung ist, dass er ständig im Übermaß lebe.

Seine Unzufriedenheit ist enorm. Und das, weil es ihm nicht gelingt, bedeutungsvolle persönliche Beziehungen aufzubauen, weil ihr Leben weiterhin keinen Sinn hat und er sich vielleicht noch mehr bemühen müsste, um dieses oder jenes herauszufinden, um schlichtweg noch mehr zu wissen.

Tiefgründige Denker mit sensiblen Herzen

Wenn es etwas gibt, wonach sich ein aufnahmefähiger Geist sehnt, dann danach, einen liebevollen Partner kennenzulernen, der ihn emotional und mental herausfordert. Das ist zweifellos eines der Ziele, die sehr hoch gesteckt sind und die gleichzeitig einen Garant für Frust darstellen.

Daher ist es oft der Fall, dass diese Menschen sehr komplexe, von großer Angst geprägte oder sogar depressive Phasen durchmachen. Sie sind sehr sensibel und aufgrund dessen kommt es an jenen Tagen oder in jenen Monaten der Isolierung häufig vor, dass sie noch mehr nachdenken und versuchen, ihre Enttäuschung zu vergessen, indem sie sich in Bücher, Kurse und neues Wissen vertiefen.

Mann mit Kaffeebecher liest ein Buch

Zusammengefasst könnte man sagen, dass das größte Bedürfnis eines aufnahmefähigen Geistes darin besteht, sich verwirklicht und akzeptiert zu fühlen. Das ist niemals leicht, wenn ein Mensch ununterbrochen so viele Gefühle empfindet und eine nicht enden wollende, unermüdliche Sehnsucht danach verspürt, Wissen anzuhäufen, um einen Sinn im Leben zu finden.

Dieses „Ziel“, einen Lebenssinn zu finden, ist nicht so leicht zu erreichen, das wissen wir. Deshalb sollten diese Personen lernen, mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen, ein inneres Gleichgewicht zu finden, durch das sie verstehen, dass wir Menschen den Sinn im Leben haben, den wir haben möchten, und dass viele Antworten nicht in unserem Umfeld oder an der Seite von jemandem zu finden sind, sondern in unserem Inneren, das genährt, mehr geschätzt und von uns selbst verwirklicht werden muss.