Das Tinderella-Syndrom – Flirten ohne ernsthafte Absichten

· 27. September 2018

Der Terminus „Tinderella-Syndrom“ setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: Tinder und Cinderella, wie das Märchen Aschenputtel  im Englischen heißt. Dieser Begriff bezeichnet eine Eigenschaft jener Menschen, die das Flirten auf verschiedenen Kanälen genießen, sich aber nie auf ein Date festlegen. Meist ziehen sich diese Menschen mit „Ghosting“ aus der Affäre. Das heißt, sie verschwinden, ohne ein Wort der Erklärung aus der eben erst eingegangenen Beziehung.

In unserer internetbasierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts haben sich viele neue Praktiken eingebürgert. Diese sind von Psychologen, Soziologen und Anthropologen nicht unbemerkt geblieben. Wir brauchen daher neue Etiketten und Namen, um diese neuartigen Verhaltensmuster, die in früheren Generationen nicht auftraten, richtig zu beschreiben.

Eine Frau schaut zweifelnd auf ihr Handydisplay.

 

Warum überhaupt „Cinderella“?

Das dies so ist, ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach eine andere Form des Flirtens. Heutzutage haben wir viel mehr Möglichkeiten, Leute zu treffen und können daher noch selektiver bei der Partnersuche sein. Wir wählen Profile aus, suchen, vergleichen und versuchen, kalkulierte Entscheidungen über die Menschen zu treffen, deren Accounts wir betrachten. Die meisten Nutzer warten dabei auf den lang ersehnten Traumpartner und hoffen, dass sie mit dieser besonderen Person, die ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ins Gespräch kommen können.

Für andere ist das Ganze wenig mehr als Marketing der eigenen Person. Flirt-Apps bieten uns die Möglichkeit, Liebe und Sex zu trennen und nur letzteren zu haben, wenn wir das wollen. Gleichzeitig bemühen wir uns um eine dauerhafte Beziehung, die wir vielleicht ebenso führen können. Tatsächlich kennen viele von uns romantische Geschichten von Paaren, die sich durch Flirt-Apps gefunden haben.

In den letzten Jahren haben Psychologen wie Jenny Stallard und Emma Kenny jedoch eine andere Art von Dynamik beim Dating beobachtet. Durch die Wahl eines markanten Terminus wollten sie dieses in unserem Bewusstsein verankern. Deswegen haben die Psychologen den Namen „Cinderella“ gewählt. So beschreiben Psychologen jene Menschen, die niemals einem Date zustimmen. Sie sind nur Nutzer, die ein bisschen flirten wollen. Und nur im virtuellen Raum sind diese Menschen bereit, das Risiko der Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht einzugehen.

Das Tinderella-Syndrom – das Vergnügen, mit jemandem zu flirten, den wir nie kennenlernen wollen

Es scheint ein großer Widerspruch zu sein, aber tatsächlich passiert es viel häufiger, als wir denken. Aber warum registrieren sich einige von uns in einer App, über die man flirten und einen Partner finden kann, wenn man diese Person nicht persönlich kennenlernen möchte? Der Grund liegt darin, dass diese anfängliche Phase voller Aufregung, Entdeckungen und Gespräche nach Mitternacht für manche Mitmenschen mehr als genug ist. Für diese Mitmenschen schafft diese „Kennenlernphase“ schon genug Befriedigung.

Es gibt noch einen weiteren interessanten Aspekt des Syndroms. Es ist üblich, dass männliche „Tinderellas“ mit mehreren Personen gleichzeitig flirten. Diese Männer suchen ständig nach neuen Optionen. Tinderellas, egal ob männlich oder weiblich, suchen zudem häufig neue Partner, die ihre derzeitigen ersetzen können, wenn sie in Kürze den Kontakt abbrechen.

Hier sind noch einige weitere Eigenschaften, die dieses Verhalten definieren:

  • Der Prozess der Suche und Auswahl potenzieller Partner durch Flirt-Apps ist stimulierender als Leute im wirklichen Leben kennenzulernen. Den meisten Menschen fehlt es an sozialen Fähigkeiten und die werden hier auch nicht gefordert.
  • Tinderellas neigen dazu, im Online-Universum den Eindruck zu vermitteln, faszinierende Menschen zu sein. Sie schaffen hohe Erwartungen bei potenziellen Partnern, die auf ein Offline-Rendezvouz hoffen, das natürlich nie passieren wird.
  • Im Allgemeinen verlieren Tinderellas schnell das Interesse an ihren Mitmenschen. Am Ende einer Beziehung „ghosten“ sie die andere Person ohne weitere Erklärung. Alles, was sie hinter sich lassen, ist eine Spur der emotionalen Verwüstung.Freunde sitzen zusammen auf einer Parkbank und schauen gleichzeitig auf ihre Handys.

Liebe in der Tinder-Ära

Wir haben am Anfang gesagt, dass die Liebe im Internet und speziell in der Tinder-Ära neue Herausforderungen für unser Liebesleben gebracht habe. So seltsam es uns auch erscheinen mag, es gibt manche Menschen, die wirklich wegen einer Beziehung trauern, die nie entstanden ist.

Das sind sogenannte Phantom-bzw. fruchtlose Beziehungen, die sich nach einer Weile des Chattens mit einem potenziellen Partner entwickeln. In diesen Phantombeziehungen haben wir Geheimnisse, Pläne und Träume mit einer anderen Person geteilt, die wir in der Realität noch nie getroffen haben. Die Erwartungen an diese Beziehung sind jedoch so hoch, dass, wenn dieser Online-Partner verschwindet, wir Liebeskummer empfinden können.

Das ist ein Teil der Realität in der Dating-Welt. Das Problem ist nicht die Person, die dem Ghosting zum Opfer gefallen ist. Menschen, die andere ghosten, sind meist unentschlossene und unsichere Persönlichkeiten. Sie leiden sehr wahrscheinlich unter einer sozialen Phobie oder haben eine unausgegorene Vorstellung davon, was menschliche Beziehungen wirklich sind.

5 bis 20 potenzielle Verehrer auf Tinder zu haben, ist für viele Menschen eine Quelle der Selbstbestätigung. Ebenso wie die Dutzende WhatsApp-Gespräche, in die wir eintauchen und in denen wir flirten. Dort versuchen wir, andere zu verführen und falsche Hoffnungen zu wecken. Diese Gespräche stärken unser Ego und es bestehen keine weiteren Verpflichtungen. Das Verführungsspiel ist eben ein beständiges Spiel ohne Verpflichtung.

Tinderellas werden mit dieser kindlichen, launischen Liebesillusion weiterleben. Zusätzlich werden sie unzählige Opfer auf ihrem Weg hinter sich lassen. Dies ist nur eine weitere Tatsache, die wir in unserer komplexen und sich ständig verändernden Gesellschaft berücksichtigen müssen.

Ein Mädchen schaut traurig aus dem Fenster.