„Ghosting“: Verschwinden, statt Schluss zu machen

· 31. Oktober 2017

Julia kann es immer noch nicht glauben. Sie war in einer fast einjährigen Beziehung mit einem Mann, der die große Liebe ihres Lebens zu sein schien. Dann, plötzlich, kam alles anders. Sie sagt, es passierte „von einem Tag auf den anderen“. Der Mann, in den sie all ihre Hoffnungen auf eine dauerhafte Beziehung gesetzt hatte, verließ sie, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Sie weiß bis heute nicht, ob das seine Art war, die Beziehung zu beenden, oder der Versuch, eine kurze Pause einzulegen.

Die Situation ist für sie sehr verwirrend. Sie ruft ihn an und hinterlässt ihm mehrere Nachrichten. Sie schreibt E-Mails, aber er hat bisher nicht geantwortet. Sie weiß nicht, ob sie es nochmal versuchen sollte. Manchmal schießt es ihr durch den Kopf, dass er vielleicht in Schwierigkeiten steckt, und dass er deswegen verschwunden ist. Dann wiederum denkt sie, dass er wohl einfach nicht den Mut hatte, persönlich mit ihr Schluss zu machen und sie deshalb meidet.

Kommt dir das bekannt vor? Julia ist eine fiktive Gestalt, aber wir alle kennen eine Julia oder waren sogar selbst schon einmal in ihrer Situation. Und deshalb bereitet es uns Panik, dass die Beziehung, in der wir uns befinden, morgen schon vorbei sein könnte, ohne dass auch nur ein klärendes Gespräch geführt wird. Dieses Verschwinden, ohne ein Wort zu sagen, ist so weitverbreitet, dass es sogar einen Namen hat: „Ghosting“. Dieser Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet etwa „geistern“, sich von jetzt auf gleich in ein Phantom verwandeln.

Wieso tun Menschen das?

Verschwinden: Eine Art, die Beziehung zu beenden oder auf ewig aufrechtzuerhalten?

Man sollte annehmen, dass so etwas zwischen reifen Erwachsenen nicht vorkommt. Zu Beginn einer Beziehung übernehmen beide die Verantwortung, die Beziehung so lange fortzuführen, bis einer der Partner sie beenden möchte. In diesem Fall wäre es am sinnvollsten, dies offen zu kommunizieren, damit der Partner ganz klar versteht, dass die Beziehung aus ist. Dann sind beide wieder frei, mit ihren Liebesleben so fortzufahren, wie sie es möchten.

Frau mit Schleier

Wir alle wissen, dass es selten einfach ist, eine Beziehung zu beenden. Meist werden beide Seiten verletzt. Wobei das Beziehungsende in der Regel traumatischer erlebt wird von der Person, die nicht die Entscheidung getroffen hat, die Beziehung zu beenden, auch wenn sie das nicht zeigen will. Wie dem auch sei, so unangenehm der Moment auch ist, sollte man davon ausgehen können, das der anderen Person klar vermittelt werden kann, dass die Beziehung zu Ende ist.

Was so offensichtlich scheint, ist aber nicht allen Menschen klar. Sie distanzieren sich, in der Hoffnung, dass diese Distanz der anderen Person zu verstehen gibt, dass sie die Beziehung nicht weiterführen möchten. Darüber hinaus ist Ghosting oft der einfachere Weg, da so weder Erklärungen gegeben noch Tränen und Leid konfrontiert werden müssen.

Diese Situation ist paradox. Dadurch, dass sie nicht persönlich Schluss machen, sondern einfach verschwinden, wird die Verbindung zum Ex-Partner in gewisser Weise verewigt. Sie wird verewigt, da der Ex-Partner mit einer Ungewissheit zurückgelassen wird, die es ihm über einen längeren Zeitraum hinweg unmöglich macht, mit der Beziehung abzuschließen. Derjenige, der verschwunden ist, wird so tun, als wüsste er von nichts, aber natürlich tut er das. Daher ist es besser, die Tür sanft zu schließen und ein Fenster zu öffnen. Das hilft allen Beteiligten, den Trauerprozess abzuschließen.

Eine Beziehung nicht zu beenden, verstärkt die Trauer

So schwer es auch sein mag, es ist immer besser, eine Beziehung persönlich zu beenden, als die andere Person im Unverständnis zurückzulassen. Und somit auch ihren wahrscheinlich irrigen Interpretationen und Mutmaßungen freien Lauf zu lassen. Wenn du weißt, dass du jemanden verloren hast, gewollt oder nicht, beginne mit dem Prozess der Akzeptanz. Dieser umfasst es, den Verlust zu betrauern, zu weinen und einen Weg zu suchen, deine Gefühlswelt neu zu ordnen.

Mann mit Schirmen vor dem Eiffelturm

Wenn die Beziehung belanglos war, kann das Verschwinden eine offensichtliche und akzeptable Lösung sein. Wenn die Beziehung jedoch starke Gefühle, gemeinsame Pläne und Erwartungen enthielt, ist die Situation weitaus komplizierter. In diesen Fällen kommt das Verschwinden einer Vernachlässigung gleich. Für die verlassene Person bedeutet es unklaren Schmerz, zerstörte Hoffnungen, und Ärger darüber, als aktiver Part der Beziehung ignoriert worden zu sein.

Ghosting wird von so manchen Personen als Alternative zum klärenden Abschlussgespräch betrachtet, weil sie nicht das Zeug oder die psychische Stärke dazu haben, die Beziehung von Angesicht zu Angesicht zu beenden. Sie sind sich des Schadens, den sie anrichten völlig bewusst. Aber er ist ihnen egal. Sie beenden die Beziehung, indem sie der anderen Person viel Schmerz zufügen. Dies gibt ihnen eine gewisse Macht über die Situation. Es schützt sie davor, Trauer zu spüren, da sie sich dafür entscheiden, die Trauer zu ignorieren und nach vorn zu schauen – zumindest scheint ihnen das so. Aber in ihrem Inneren fühlen sie ebenfalls den Schmerz.

Ghosting ist deshalb ein Verhalten von unreifen und egoistischen Menschen, die sich der Situation, in der sie sich befinden, nicht gewachsen fühlen. Sie glauben nicht an ihre eigenen Stärken und wurden wahrscheinlich selbst schon einmal verlassen. Deswegen haben sie nicht den Mut, persönlich Schluss zu machen. Aber durch die Art, wie sie die Gefühle der anderen Person mit Füßen treten, werden sie sich selbst gegenüber untreu. Und das wird sich  in ihren zukünftigen Beziehungen rächen.