Das kollektive Unbewusste nach Carl Gustav Jung

· 26. April 2019

Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Rituale, Mythen .. In seiner Theorie vom kollektiven Unbewussten argumentierte Carl Gustav Jung, dass diese eine Art geistiges Erbe der Menschheit seien. Als soziale Gruppe übernehmen wir die Bedeutungen dieser Elemente, die laut Jungs Theorie unser Verhalten und unsere Emotionen beeinflussen.

Wahrscheinlich haben wir alle schon von diesem Beitrag, den Jung zur Welt der Philosophie und Psychologie leistete, gehört. Mit seiner Idee vom kollektiven Unbewussten entfernte sich Jung von der psychoanalytischen Theorie. Damit distanzierte er sich noch weiter von Sigmund Freud: Für Freud war das Unbewusste einfach der Teil unseres Geistes, in dem all jene Erfahrungen gespeichert blieben, die wir bereits verdrängt und vergessen haben. Jung hat diese Idee jedoch über die individuelle Ebene hinaus erweitert und auf die Gesellschaft angewandt.

„Das Pendel des Geistes schwankt zwischen Sinn und Unsinn, nicht zwischen richtig und falsch.“

Carl Gustav Jung

Der Psychologe und Essayist Jung betrachtete das Unbewusste hingegen nicht als persönliche Manifestation des Individuums. Im Gegenteil, er ging aufgrund der in seiner klinischen Praxis gesammelten Erfahrungen davon aus, dass es eine Art universelles Bewusstsein gebe, das viel tiefer gehe als das persönliche. Für Jung war das kollektive Unbewusste wie eine sternenklare Nacht oder das urtümliche Chaos, aus dem die Archetypen hervorgegangen seien. Daher sei es, laut Jung, das geistige Erbe, das alle Menschen teilen.

Jungs Theorie versucht, die unterbewussten Mechanismen zu erklären, die unsere Gedanken und unser Verhalten beeinflussen. Und es gibt wenige Theorien, die in der Psychologie so umstritten sind wie diese – weshalb wir sie uns nun näher anschauen wollen.

Das kollektive Unbewusste - wie eine sternenklare Nacht oder das urtümliche Chaos, aus dem die Menschheit und ihr Geist hervorging

Hat Jungs Theorie des kollektiven Unbewussten eine praktische Anwendung?

Carl Gustav Jung selbst hat einmal gesagt, dass die Theorie des kollektiven Unbewussten eine dieser Ideen sei, die so transzendent und wichtig seien, dass sie fast absurd erscheinen. Wenn wir jedoch tiefer in die Theorie eintauchen, können wir durchaus aufschlussreiche Elemente finden.

Diese Theorie ist einer der Eckpfeiler des Jung’schen Denkens, aber sie war auch der Ursprung vieler seiner Probleme. Wie er in seinen Büchern erklärte, habe er sein halbes Leben damit verbracht, die Theorie des kollektiven Unbewussten gegen seine Kritiker zu verteidigen. Denn diese warfen ihm vor, dass seine Hypothese nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiere.

An diesem Punkt fragen wir uns vielleicht, was genau das kollektive Unbewusste sei. Am leichtesten ist diese Idee mit einer Analogie zu verstehen: Dabei stellen wir uns Jungs kollektives Unbewusstes als eine vererbte Datenbank vor. Wie eine Cloud, die die Essenz unserer menschlichen Erfahrung umfasst und auf die wir mit unserem Unterbewusstsein alle ständig zugreifen.

Das kollektive Unbewusste enthält spezifische Daten, nämlich die zu unseren Archetypen. Diese sind wie Wissenseinheiten zu verstehen, als Gedanken und Bilder, die wir uns von unserer Umgebung machen. Ein Beispiel dafür wäre das Konzept der „Mutterschaft“ und was sie für uns bedeutet. Ein anderes Beispiel ist „Person“ als das Bild von uns, das wir mit anderen teilen möchten, und der „Schatten“, der darstellt, was wir vor anderen oder sogar vor uns selbst verbergen möchten.

Carl Gustav Jung vor abstraktem Hintergrund

Archetypen, Emotionen und die Funktion von Jungs Theorie

Carl Gustav Jungs Theorie vom kollektiven Unbewussten versucht, uns eine Tatsache des Lebens ins Gedächtnis zu rufen: Niemand entwickelt sich in einer Blase, von seiner Gesellschaft getrennt. Wir sind wie Zahnräder in einer Kulturmaschine, auf deren Grund wir nicht schauen können, die uns aber Blaupausen für das Leben vorgibt und Bedeutungen einflößt. Sie sind es schließlich, was wir von unseren Ahnen erben.

Daher erinnern uns die zuvor erwähnten Archetypen an emotionale Muster, die wir alle besitzen. Wenn wir auf diese Welt kommen, schaffen wir eine Verbindung zu unseren Müttern. Während wir unsere Identität entwickeln, möchten wir, dass andere uns dafür wertschätzen und mögen. Daher verstecken wir, was uns nicht gefällt oder was uns unangenehm scheint.

Jungs Theorie und seine Ideen über das kollektive Unbewusste spiegeln viele unserer tiefsten menschlichen Instinkte wider. Es geht um Liebe, Angst, soziale Projektion, Sex, Weisheit, Gut und Böse. Dabei war es ein Ziel des Schweizer Psychologen, den Menschen dabei zu helfen, jenes authentische und gesunde Selbst zu finden, in dem alle Archetypen in Harmonie existieren können.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Theorie des kollektiven Unbewussten ist, dass sich unsere geistige Energie mit dem Alter ändere. Und ja, jede Generation hat unterschiedliche kulturelle, soziologische und ökologische Vorstellungen. All dies beeinflusst unseren Geist und jene Ebene, auf der die Archetypen des kollektiven Unbewussten Gestalt annehmen.