Das Arzy-Experiment: Die Geister sind in unserem Kopf

22 Juni, 2020
Hattest du jemals das Gefühl, als ob jemand anderes da sei, selbst wenn niemand anderer anwesend war? In diesem Artikel erzählen wir dir von den häufig vorkommenden, imaginären Wahrnehmungen, die wir alle bereits erlebt haben. Sie erzählen eine faszinierende Geschichte darüber, wie empfindlich unser Gehirn ist.
 

Das Arzy-Experiment hat versucht, etwas zu beweisen, das nur wenige zuvor gewagt haben. Lange Zeit wurde alles, was mit Veränderungen in unserer Wahrnehmung zu tun hatte, wie das Sehen von Schatten oder das Fühlen einer Präsenz, als paranormal behandelt. Doch dank neuer Techniken zur Erforschung des Gehirns können wir jetzt die meisten dieser Dinge durch eine wissenschaftliche Linse erforschen.

Jeder hat mindestens einmal das Gefühl, dass ihn jemand beobachtet hat. Obwohl du wahrscheinlich an deinen eigenen Sinnen gezweifelt hast, macht dich das nicht „verrückt“. Dies liegt daran, dass das Gehirn ein so komplexer Sinnesorganisator ist, dass jegliche Änderungen zu Fehlern in der Wahrnehmung führen können.

Das Arzy-Experiment

Shahar Arzy ist Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. In seiner Forschung hat er nachgewiesen, dass halluzinatorische Zustände und Gehirnregionen, die an der multisensorischen Assimilation beteiligt sind, einen physiologischen Aspekt haben.

Das Gefühl, dass jemand anderes in deiner Nähe ist, wenn niemand da ist, ist etwas, das sowohl von psychiatrischen Patienten als auch von psychisch stabilen Menschen beschrieben wurde.

In seinem Experiment gelang es Arzy, bei einem Subjekt das Gefühl zu erregen, dass sich ein weiterer Schatten im Raum befand.
 

Wie hat Shahar Arzy das Experiment durchgeführt?

In seinem Experiment gelang es Arzy, bei einem Subjekt das Gefühl zu erregen, dass sich ein weiterer Schatten im Raum befand. Er tat dies durch fokale elektrische Stimulation.

Arzy führte das Experiment an einem Probanden durch, bei dem in der Vergangenheit keine psychischen Probleme aufgetreten waren. Er stimulierte die temporoparietale Verbindung (engl. temporoparietal junction, kurz TPJ) des Subjekts. Jedes Mal, wenn Arzy diesen Bereich stimulierte, spürte das Subjekt, dass sich ein Schatten hinter ihm befand.

Das Arzy-Experiment: Variationen

Arzy wiederholte das Experiment mit dem Subjekt in anderen Positionen, aber der Schatten befand sich in Bezug auf das Subjekt immer an derselben Stelle. Das würde bedeuten, dass der Schatten einfach eine Projektion unseres eigenen Körpers ist.

Dies würde wahrscheinlich auf eine multisensorielle oder sensorisch-motorische Veränderung der Verarbeitung, infolge einer TPJ-Stimulation, zurückzuführen sein. Was dies jedoch noch interessanter macht, ist, dass wir die temporoparietale Verbindung  mit Selbstverarbeitung und der Unterscheidung zwischen dem Selbst und anderen in Verbindung gebracht haben.

Die Rolle der temporoparietalen Verbindung

Wie der Name schon sagt, ist die temporoparietale Verbindung der Teil des Gehirns, in dem sich der Parietallappen und der Temporallappen treffen. Der Parietallappen hat eine starke Beziehung zu den somatosensorischen und motorischen Pfaden deines Körpers.

 

Der Temporallappen befasst sich mit der Sprachverarbeitung und schafft Verbindungen zu subkortikalen Bereichen für die emotionale Verarbeitung. Der Treffpunkt zwischen diesen beiden Lappen, die temporoparietale Verbindung, ist jedoch nicht nur ein Ort für die multisensorische Assimilation. TPJ hat auch mit kognitiven Aspekten zu tun, die sich selbst verarbeiten.

Die temporoparietale Verbindung und außerkörperliche Erfahrungen

Das Arzy-Experiment konzentrierte sich auf eine intensive Aktivierung dieses Teils des Gehirns, da es Dinge verarbeitet, wie:

In diesem Experiment erlebte das Subjekt den Schatten nicht als Projektion von sich selbst, als Arzy die temporoparietale Verbindung stimulierte. Sie erlebten ihn vielmehr als eine äußere Präsenz. Dieses Phänomen ist auf die Rolle des Temporallappens, in unserem sprachlichen Selbstverständnis, zurückzuführen.

Das Arzy-Experiment: Das Gefühl, dass jemand anderes da ist

Die erste Frage, die du dir möglicherweise stellst, nachdem du über das Arzy-Experiment gelesen hast, ist: „Wie können wir uns dieser Dissoziationsstufe nicht bewusst sein? Und sollten wir uns darüber bewusst sein?“ Das Experiment legt nahe, dass sich diese Empfindungen für die Probanden äußerlich anfühlen. Die Theorie besagt, dass das „Selbstbewusstsein“ unseres Gehirns extrem zerbrechlich ist.

 

Jede strukturelle, elektrische oder funktionelle Veränderung kann daher zu Wahrnehmungsfehlern führen. Mit anderen Worten, unser Selbstbewusstsein oder unsere Fähigkeit, zwischen unserer Wahrnehmung über unseren eigenen Körpers und allem anderen zu unterscheiden, ist nicht so stabil wie früher gedacht wurde.

Die Rolle der Amygdala

Die Amygdala ist eine subkortikale Struktur, die Teil des limbischen Systems des Gehirns ist. Diese Nervensystemstruktur ist ein grundlegender Bestandteil dafür, die emotionale Seite deiner Erfahrungen zu verarbeiten.

Jegliche Veränderungen, die durch die TPJ-Stimulation verursacht werden, fühlen sich für dein Gehirn fremd an, weshalb deine unmittelbare Reaktion Angst ist. Du bist es nicht gewohnt, deinen Körper als außerhalb von dir selbst zu erleben. Das ist der Grund, warum die Amygdala eine negative emotionale Reaktion hervorruft. Allerdings kann dies die Halluzinationen häufig verschlimmern.

Die Amygdala ist eine subkortikale Struktur, die Teil des limbischen Systems des Gehirns ist.

Zu welchen Erlebnissen kann diese sensorische Unschärfe führen?

Die Erfahrungen können sehr unterschiedlich sein. Aus klinischer Sicht wären die übergreifenden Erfahrungen „außerkörperliche Erfahrungen“. Die häufigsten sind:

 
  • Ein Gefühl, als ob du schweben würdest.
  • Du siehst deinen Körper von außen an.
  • Das Gefühl, eine äußerliche Präsenz zu spüren.
  • Du hast extrem klare Gedanken und Träume.

Sind diese Erfahrungen Anzeichen einer psychischen Erkrankung?

Wie Arzy in seinem Experiment zeigt, können diese Dissoziationserfahrungen auch bei Probanden auftreten, bei denen in der Vergangenheit keine psychischen Probleme aufgetreten sind.

Aber es gibt einige Zustände, in denen Menschen aufgrund ihrer Gehirnveränderungen ungewöhnliche Dinge erleben. Beispielsweise:

  • Schlafparalyse. Sie ist mit hypnagogischen und hypnopompischen Halluzinationen verbunden. Bei dieser Art von Schlafstörung wacht eine Person auf, bevor sie die Kontrolle über ihren Körper erlangt hat. Die Betroffenen werden versuchen, sich zu bewegen, können dies aber aufgrund der Muskellähmung, die ein Schutzmechanismus während unseres Schlafes ist, nicht.  Infolgedessen ändert sich die Bewegungswahrnehmung ihres Gehirns.
  • Epilepsie und starke Migräne. Elektrische Veränderungen des Gehirns können ähnliche Auswirkungen haben wie die, die Arzy in seinem Experiment beschrieben hat.
 
  • Neurodegenerative Krankheiten. Halluzinationen kommen bei diesen Arten von Krankheiten häufig vor. Die Verschlechterung des Nervengewebes führt zu sensorischen Assimilationsproblemen. In den meisten Fällen, in denen ältere Menschen dies erleben, wird die Anwesenheit von außen mit einem geliebten Freund oder Familienmitglied in Verbindung gebracht.

Es gibt aber auch Fälle, in denen unsere sensorische Verarbeitung aufgrund von anderen Ursachen aus dem Ruder läuft, wie beispielsweise:

Unser Gehirn ist faszinierend!

Das Arzy-Experiment wird selbst die skeptischsten Leser überraschen. Unsere Fähigkeit, unseren eigenen Körper zu erkennen, ist so viel komplexer und fragiler als du denkst.

Aber das ist nicht alles. Ein Teil des Problems ist auch, dass wir diese Dinge einfach für eine lange Zeit als „paranormal“ angesehen haben. Jetzt beweist die Wissenschaft aber, dass dies nicht immer der Fall ist.

Einen Schatten beim Gehen zu sehen oder zu denken, dass eine Schaufensterpuppe eine Person ist, ähnelt kleinen Halluzinationen. Es sind winzige Wahrnehmungsfehler, die nichts über deine geistige Gesundheit aussagen. Wenn wir jedoch wissen, warum sie auftreten, können wir uns selbst besser verstehen.