Charles Taylor und die Konstruktion von Identität in der Moderne

Charles Taylor stellte fest, dass es große Unterschiede zwischen dem Menschen von heute und dem Menschen der Vergangenheit gibt. Wir leben heute unter dem Einfluss mehrerer Kulturen und finden es gleichzeitig schwierig, dem Leben einen Sinn zu geben. Warum?
Charles Taylor und die Konstruktion von Identität in der Moderne

Geschrieben von Edith Sánchez

Letzte Aktualisierung: 01. Januar 2023

Charles Taylor ist ein kanadischer Philosoph, der sich mit der Frage der Identität in der modernen Welt beschäftigt hat. Genauer gesagt hat er sich darauf konzentriert, wie die Moral im letzten Jahrhundert konstruiert wurde, da dieser Prozess einen großen Bruch mit früheren Epochen darstellt.

In der heutigen Zeit hat die Frage der Identität eine enorme Bedeutung erlangt, die sie in früheren Zeiten nicht hatte. Das Selbst wurde im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Thema. Davor herrschte eine kollektive Vision der Welt und des Lebens. Das Ich war nur ein weiteres Element in dieser Gruppenkonstellation, keine entscheidende Kategorie, wie es heute der Fall ist.

Charles Taylors bekanntestes Werk beschäftigt sich genau mit diesem Thema. Es trägt den Titel “Quellen des Selbst: Die Entstehung der neuzeitlichen Identitätund gilt als Klassiker. Viele bezeichnen ihn als Kommunitaristen, andere als Liberalen. Im Zusammenhang mit der Identität und dem Selbst erkennt er das Gewicht des Individuums und des Kollektivs bei der Konstruktion der Realität an.

Ich glaube, dass das menschliche Leben nicht ohne eine Erzählung verstanden werden kann. Wenn ich die Situation von Spiritualität und Religion analysiere, sehe ich, dass es viele Menschen gibt, die auf der Suche nach etwas sind, egal ob es eine atheistische oder religiöse Vorstellung ist. Es gibt auch viele Menschen, die die Erosion des Christentums beklagen und sich gegen seinen Untergang wehren. Die Herausforderung besteht darin, beide Seiten zu verstehen, die Gläubigen und die Ungläubigen, und dass sie zusammenleben können.

Charles Taylor

Für Charles Taylor wird die Identität heutzutage durch den Multikulturalismus durchkreuzt
Charles Taylor erklärt, dass die Identität heutzutage durch den Multikulturalismus durchkreuzt wird.

Charles Taylor und der Multikulturalismus

Einer der grundlegenden Aspekte der Philosophie von Charles Taylor ist das Konzept des Multikulturalismus. Er weist darauf hin, dass in den heutigen Gesellschaften die Identität durch diesen Faktor durchkreuzt wird. Um dies zu erklären, verwendet er die amerikanische Gesellschaft, einen wahren Schmelztiegel der Kulturen, als Beispiel.

Taylor weist darauf hin, dass in den Vereinigten Staaten und ähnlichen Nationen zwar mehrere kulturelle Identitäten nebeneinander existieren, es aber in Wahrheit keine grundlegende Annäherung gibt. Mit anderen Worten: Es gibt keinen “Interkulturalismus”. Obwohl es bestimmte Regeln für das Zusammenleben zwischen den Kulturen gibt und diese oft eingehalten werden, gibt es kein Verständnis für unterschiedliche Denkweisen. Dieser Mangel an Verständnis äußert sich in sozialen Konflikten und vor allem in Ausgrenzung aufgrund kultureller Unterschiede.

Charles Taylor vergleicht dies mit den Geschehnissen in Kanada. In Kanada hat eine Integration der Kulturen stattgefunden. Laut Taylor liegt das daran, dass der Schwerpunkt nicht auf den Regeln und Gesetzen des Zusammenlebens liegt, sondern auf der gegenseitigen Anerkennung von Unterschieden. In diesem Sinne sprechen wir von einem “dichten” Multikulturalismus, d.h. einem Multikulturalismus, der das starke Gewicht und die enorme Tiefe kultureller Unterschiede anerkennt und gleichzeitig auf die Ausübung einer Hegemonie durch eine Minderheit verzichtet.

Moderne Identität

Charles Taylor hat eine tiefgreifende Analyse darüber erstellt, wie sich das moderne Selbst seit dem 16. Jahrhundert entwickelt hat. Er nahm das europäische und nordamerikanische Selbst als Referenzpunkt. Seine Schlussfolgerungen lassen sich jedoch auch auf andere Gesellschaften übertragen. Dieses Selbst wurde durch konkrete kulturelle Praktiken wie Kunst, Familienstrukturen, Religion, Werte usw. konstruiert.

Charles Taylor stellt die Frage, welche moralischen Quellen sich hinter diesen kulturellen Praktiken verbergen. Um dies zu beantworten, verweist er auf die Idee des Guten, insbesondere in der modernen Welt. In dieser Zeit entsteht eine neue Sensibilität, die Selbstbestätigung. Das Gleiche gilt für die verschiedenen Aspekte des Selbst, die daraus entstehen: Selbstkontrolle, Selbstvertrauen, Selbstständigkeit usw.

Das Gegenteil davon ist die Idee, sich nicht mit der Welt, sondern nur mit sich selbst zu beschäftigen. Technologie, wissenschaftliche Rationalität und Säkularisierung prägen die Identität des modernen Selbst. Mit anderen Worten: die Instrumentalisierung und “Versachlichung” von Natur und Wirklichkeit.

Frau blickt in den Spiegel und denkt an das Selbst von Charles Taylor
In der modernen Identität dominiert die Selbstbestimmung.

Säkularisierung: das Schlüsselthema

Einer der Aspekte, der einen historischen Bruch zwischen dem modernen Menschen und seinen Vorgängern markiert, ist laut Charles Taylor die Säkularisierung. Damit meint er die Tatsache, dass Religiosität abnimmt und sich der Glaube zerstreut.

Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass wir nicht mehr durch große religiöse Überzeugungen, die von Mehrheitsgruppen geteilt werden, miteinander verbunden sind. Im Westen gibt es keine hegemonialen Religionen mehr.

Eine der Folgen des Glaubensverlustes ist die Verwirrung über den Sinn des Lebens. Früher war es einfach, ihn über die Religion zu definieren, heute ist klar, dass er neu konstruiert werden muss. Charles Taylor weist deshalb darauf hin, dass das “Verlangen nach Sinn” ein wesentliches Merkmal der heutigen Identität ist.

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