"Das Mädchen aus dem Norden" auf der Suche nach seiner Identität

Dieser Film erzählt uns über die Ausgrenzung der Sami, einem indigenen Volk, das in Schweden, Norwegen, Finnland und Russland beheimatet ist.
"Das Mädchen aus dem Norden" auf der Suche nach seiner Identität
Cristina Roda Rivera

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Cristina Roda Rivera.

Letzte Aktualisierung: 04. Dezember 2022

“Das Mädchen aus dem Norden” (2016) ist ein charmanter Film: Er ist zurückhaltend in seiner Inszenierung, schockierend in seiner Handlung. Dieser Film prangert die Fremdenfeindlichkeit einer Gesellschaft gegenüber einer Minderheit an, ohne jedoch die Verantwortung der Betroffenen selbst zu schmälern.

“Das Mädchen aus dem Norden” nimmt uns mit in eine unbekannte Geschichte des suprematistischen Schwedens, zu den Sami, den indigenen Völkern, die zwischen Schweden, Norwegen, Finnland und Russland beheimatet sind. Es geht um Identität und den persönlichen Kampf.

Die schwedische Regisseurin Amanda Kernell, selbst samischer Herkunft, beschreibt in diesem Film die Ausgrenzung der samischen Gemeinschaft in Schweden – ein Thema, über das selten gesprochen wird. Ein weiterer Film, der dieses Problem aufnimmt ist “Kukuschka – Der Kuckuck” (2002) des russischen Regisseurs Alexander Rogozhkin.

In einem Rückblick sehen wir das vierzehnjährige lappländische Mädchen Elle Marja in de 1930er-Jahren in einer Internatsschule, in der sie ihre Sprache nicht sprechen darf und die schwedische Kultur lernen soll. Weit weg von ihrer Familie träumt sie von einem anderen Leben. 

“Das Mädchen aus dem Norden”, das Schwedin werden möchte

Elle Marja ist eine ältere Frau, die mit ihrem Sohn und ihrer Enkelin im Auto zur Beerdigung ihrer Schwester Njenna unterwegs ist. Dort angekommen, weigert sie sich, die samische Sprache zu sprechen und vermeidet jeglichen Kontakt zu den Anwesenden.

Als sie jedoch mit einer Erinnerung konfrontiert wird, aktiviert sich eine verborgene Geschichte ihrer Vergangenheit in ihrem Kopf. Als Angehörige eines Volkes mit einer starken Identität verlässt Elle Marja im Alter von 14 Jahren ihre Nomadenfamilie, um mit ihrer Schwester ein Internat für junge samische Kinder zu besuchen.

Während sie alles tut, um ein richtiges schwedisches Mädchen zu werden, merkt sie schnell, dass ihre samische Herkunft ihren Bestrebungen im Wege steht. Ihre Bildung ist begrenzt, da man in Schweden davon ausgeht, dass Menschen aus diesen Völkern nicht auf höhere Bildung und das Stadtleben vorbereitet sind.

Schwedischer institutioneller Rassismus

Als Tochter von Rentierzüchtern im hohen Norden Schwedens sind die Protagonistin und die anderen Internatskinder Opfer der in den 1930er-Jahren so beliebten ethnischen Diskriminierung.

Elle Marja und Njenna, gespielt von den beiden echten Schwestern Lene Cecilia und Mia Erika Sparrok, werden aus ihrem Dorf in das staatliche Internat geschickt, wo sie gezwungen werden, nur Schwedisch zu sprechen. Außerdem werden ihre Körper erniedrigenden Tests unterzogen, um ihre Rasse zu bescheinigen.

Neben der erniedrigenden Behandlung im Internat werden die Kindern ständig von den Nachbarn beschimpft, die sie als “Zirkustiere” oder “unterentwickelte Wesen” ansehen. Aber Elle Marja will kein “Zirkustier” mehr sein und ihre Ausbildung fortsetzen, ungeachtet des Vorurteils, dass Sami nicht die gleichen intellektuellen Fähigkeiten haben wie “normale Kinder”.

Nachdem sie ihre traditionelle Kleidung aufgegeben hat, flieht das Mädchen nach Uppsala, wo sie einen Jungen, den sie gerade auf einer Party in der Nähe der Schule kennengelernt hat, bittet, sie aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie fest entschlossen, sich in der offiziellen schwedischen Schule einzuschreiben.

Alles aufgeben, um sich selbst zu finden

Das samische Mädchen, gespielt von Cecilia Sparrok, strahlt auf der Leinwand eine Ausdruckskraft aus, die den ganzen Instinkt des in der Wildnis aufgewachsenen samischen Volkes widerspiegelt.

Gleichzeitig überzeugt sie durch die Neugierde und Entschlossenheit eines Mädchens, das ihre eigene Geschichte schreibt. Wir sehen das unausweichliche Dilemma, das sich in dem eisigen Blick der alten Frau am Anfang des Films widerspiegelt. Ein Blick voller Schuld, Resignation und Schmerz.

Es gibt Menschen, die nicht wählen können, sie können nur verzichten. Die junge Elle-Marja kann nur Grenzen setzen, um ihr neues Leben aufzubauen, aber keine Brücken bauen.

Manchmal ist der Abgrund, über den eine Person springen muss, um ihre Ziele zu erreichen, so groß, dass sie alles zurücklassen muss, was sie mit sich trägt, sogar ihre Identität. Die samische Kultur hätte für sie einen Weg reserviert, von dem sie sich zu weit entfernt fühlte.

“Das Mädchen aus dem Norden” wird daher zu einer Reise auf der Suche nach Identität, die die Ablehnung des eigenen Geburtsorts mit dem Wunsch nach einem neuen Leben verbindet.

"Das Mädchen aus dem Norden"- Reise auf der Suche nach Identität

“Das Mädchen aus dem Norden” – die Verleugnung der Gruppenidentität zur Erlangung der persönlichen Identität

Der Film will uns zum Nachdenken über die psychologischen Auswirkungen der Ablehnung der eigenen Herkunft und der erzwungenen Auslöschung aus dem sozialen und kulturellen Kontext anregen, ohne Antworten zu geben. Elle Marjas alter Blick spiegelt die emotionale Leere und das zerreißende Schuldgefühl wider, das angesichts der kostbaren Erinnerungen an ihre Schwester zusammenbricht.

Eine Schwester, die sie nie vergessen hat; eine Liebe, die die Landschaften Nordschwedens mit Melancholie färbt. Am Ende des Lebens kommen die intensiven, herzzerreißenden Erinnerungen zurück. Das Lachen ihrer Schwester, das Jojka-Lied auf einem See.

Ihre Entscheidung am Ende ihres Lebens scheint nicht im Einklang mit Vernunft und Herz zu stehen. Ihre Identität ist in ihrem Blut geschrieben, aber ihr Leben und ihre Erfüllung sind es nicht.

Menschen, die auswandern oder einen Teil ihrer Familien- und Lebensgeschichte als Preis für die Erfüllung ihrer Träume aufgeben müssen, empfinden Sympathie für die Hauptdarstellerin. Viele dieser Entscheidungen erfolgen nicht aus freiem Willen. Sie müssen auf etwas verzichten, das ihnen besonders wichtig ist, um ein neues Leben zu beginnen. Doch ihre Herkunft ist weder Motivation noch Inspiration, sondern traurige Erinnerungen, die ihre Stimmung trüben.

Die Regisseurin zeigt, wie ein kleines Mädchen, das Opfer von Rassismus ist, die rassistischen Vorurteile verinnerlicht, die sie erleben muss. Sie will sich um jeden Preis integrieren; deshalb muss sie sich in der Masse verwässern, um ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Der Film ist eine erschütternde Geschichte, die auf fast intime Weise zeigt, wie schmerzhaft dieser Prozess auf psychologischer Ebene sein kann.

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