Broken-Mirror-Syndrom: Was ist das?

Schmerzhafte Ereignisse können deine Identität verletzen oder zerstören. Du entfernst dich von deiner Essenz und weißt nicht, was tun. Kennst du diese Situation?
Broken-Mirror-Syndrom: Was ist das?
Sophie Aurélie Elpel

Geprüft und freigegeben von Sophie Aurélie Elpel.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 02. September 2022

Das Broken-Mirror-Syndrom bezieht sich auf einen Spiegel, der in tausend Stücke zerbricht. Bildlich gesprochen kann es dir so ergehen, wenn du eine traumatische Situation erlebst. Deshalb steht diese Metapher für eine fragmentierte Identität, für ein zerstörtes Selbstwertgefühl.

Normalerweise erkennst du in deinem Spiegelbild deine Werte, deine Stärken, deine Persönlichkeit. Doch wenn dein Selbst zerstört oder verletzt ist, wird es schwer, dich zu finden, mit Klarheit zu sehen und die Kontrolle über dein Leben zu behalten.

Nach einer traumatischen Erfahrung musst du dich um dich selbst kümmern und den inneren Spiegel reparieren.

Broken-Mirror-Syndrom: Was ist das?
Jedes traumatische Ereignis kann deine Persönlichkeit verändern und dich zerstören.

Broken-Mirror-Syndrom: Merkmale und Ursachen

Dr. Domina Petric hat 2018 eine umfassende Studie zum Konzept des Broken-Mirror-Syndroms veröffentlicht. Sie bezeichnet damit ein verzerrtes Selbstbild, das nach einem Trauma entsteht. In den meisten Fällen handelt es sich um missbräuchliche Beziehungen in der Familie oder in der Partnerschaft. Das Opfer verinnerlicht negative Aspekte, das es diese ständig zu hören bekommt. Dies ist unter anderem der Fall, wenn Eltern ihre Kinder übermäßig kritisieren.

Dysfunktionale Familien, die ihre Kinder abwerten und misshandeln, führen zu einem verzerrten Selbstbild. Betroffene können keine positiven Eigenschaften an sich finden, es ist, als würden sie in einen zerbrochenen Spiegel blicken. Auch eine missbräuchliche Beziehung kann das Selbstbild zerstören und ernste Konsequenzen nach sich ziehen. 

Eine klare, helle und positive Sicht auf uns selbst ist wichtig, um die Stärken und Werte zu finden, die wir brauchen, um uns wohlzufühlen und ein gutes Leben zu führen. Durch ein Trauma wird diese gesunde Vision jedoch komplett zerstört. Selbsthass und Angst sind die Folgen.

Die Merkmale

Das Broken-Mirror-Syndrom steht in keinem Diagnosehandbuch und definiert daher keine konkrete Störung. Wir haben es hier lediglich mit den Auswirkungen eines Traumas zu tun. Die Folgen sind seelische Wunden und eine Persönlichkeitsveränderungen, die aus sehr negativen Erfahrungen resultiert. Folgende Merkmale sind in diesen Fällen zu beobachten:

  • Minderwertigkeitsgefühle: Die Person fühlt sich in fast allen Bereichen des Lebens nicht mehr gültig.
  • Verzerrtes Selbstbild: Betroffene sehen nur negative Eigenschaften an sich.
  • Tiefes Schuld- und Schamgefühl 
  • Geringes Selbstwertgefühl
  • Tiefgreifende emotionale Somatisierung: Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Schlafstörungen, Muskelschmerzen, Neigung zu Infektionen, Hautproblemen, Haarausfall usw.

Andererseits dürfen wir nicht übersehen, dass das Broken-Mirror-Syndrom oft in einem depressiven Prozess verankert ist. Der seelische Tribut ist immens und untergräbt jede Kraft der Person.

Die Ursachen

Wie bereits erwähnt, kommt es nach einer missbräuchlichen Beziehung häufig zum Broken-Mirror-Syndrom, genauso könnte ein weiterer Grund das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie sein. Untersuchungen von Dr. David B. Wexler, die im Journal of Psychotherapy Practice veröffentlicht wurden, deuten jedoch darauf hin, dass auch die Täter ein verzerrtes Selbstbild aufweisen. Sie sind nicht in der Lage, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und die Auswirkungen ihres Verhaltens zu verstehen. Innerlich sind sie zerbrochen: Sie kennen kein Mitgefühl, keine emotionale Bindung und auch kein Verständnis.

Es sind nicht nur die Opfer, die das Broken-Mirror-Syndrom entwickeln: Auch Täter leiden an einem verzerrten Selbstbild.

Frau mit Broken-Mirror-Syndrom bei der Psychologin
Die Auswirkungen des Traumas können sogar die eigene Persönlichkeit und die Sicht auf sich selbst verändern.

Broken-Mirror-Syndrom: Behandlung

Bei einem Broken-Mirror-Syndrom muss das Grundproblem behandelt werden – nämlich das psychologische Trauma, das durch die missbräuchliche Beziehung verursacht wurde. Eine Therapie mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist in diesen Fällen meistens sehr vorteilhaft. Es ist wichtig, am Selbstbild zu arbeiten, die Stärken hervorzuheben und die Identität neu zu definieren. Betroffene müssen Selbstmitgefühl entwickeln und Ängste ablegen.

Menschen mit dem Broken-Mirror-Syndrom benötigen Werkzeuge, um ihre einschränkenden Überzeugungen abzulegen und sich auf neue Ziele zu konzentrieren, in denen sie selbst die Hauptdarsteller spielen. Dies braucht Zeit, doch jeder Mensch hat die Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen und einen zerbrochenen Spiegel zu reparieren.

Das könnte dich ebenfalls interessieren...
Selbstmitgefühl oder Opferhaltung: Wo liegt der Unterschied?
Gedankenwelt
Lies auch diesen Artikel bei Gedankenwelt
Selbstmitgefühl oder Opferhaltung: Wo liegt der Unterschied?

Beide Konzepte haben gewisse Ähnlichkeiten. In Wahrheit hat jedoch das Selbstmitgefühl wenig mit der Opferhaltung zu tun.



  • Petric, Domina. (2018). The broken mirror syndrome vs. constructive self-criticism. 10.13140/RG.2.2.30140.74881.
  • Truskauskaite-Kuneviciene I, Brailovskaia J, Kamite Y, Petrauskaite G, Margraf J, Kazlauskas E. Does Trauma Shape Identity? Exploring the Links Between Lifetime Trauma Exposure and Identity Status in Emerging Adulthood. Front Psychol. 2020 Sep 15;11:570644. doi: 10.3389/fpsyg.2020.570644. PMID: 33041939; PMCID: PMC7522346.
  • Wexler DB. The broken mirror. A self psychological treatment perspective for relationship violence. J Psychother Pract Res. 1999 Spring;8(2):129-41. PMID: 10079460; PMCID: PMC3330535.