12 neurowissenschaftliche Gründe, warum mehr Frauen Psychologie studieren

28 August, 2020
Wirft man einen Blick in einen Konferenz- oder Unterrichtsraum, wo Psychologie unterrichtet wird, findet man häufig auffallend mehr Frauen als Männer darin. Woran könnte es also liegen, dass mehr Frauen Psychologie studieren?

Es fällt zunehmend auf, dass mehr Frauen als Männer Psychologie studieren. Im vorliegenden Artikel werden wir dieses interessante Phänomen unter die Lupe nehmen.

Vor vierzig Jahren habe ich meinen Abschluss in Psychologie gemacht. In Buenos Aires, wo ich mein Studium absolvierte, herrschten damals gerade schwierige Zeiten. Das Militär hatte die Universität geschlossen, wo Erziehungswissenschaften, Philosophie, Soziologie und Studiengänge in psychologischen Fächern unterrichtet wurden. Derartige Abschlüsse trugen zu der Zeit das Etikett “linke Ideologien” und wurden deshalb als “subversiv” eingestuft.

Einige private Universitäten boten jedoch Abschlüsse in Psychologie an, obwohl erzkonservative Überwachungskräfte der Regierung Lügen verbreiteten und diese Universitäten diskreditierten.

Dank dieser privaten Universitäten konnte sich das Fach Psychologie weiterentwickeln, hauptsächlich die klinische Psychologie. Dies stellte eine Zuwiderhandlung gegen ein Gesetz dar, das eine weitere De-facto-Regierung erlassen hatte. Die Arbeit von Psychologen hatte man damit derart reduziert, dass sie nur noch psychologische Tests durchführen durften.

Fachspezifischer Unterricht

Auszubildende absolvierten damals einen halbjährigen Kurs an einem Fachinstitut und übten sich in der Psychoanalyse, die damals als wichtigstes Fachgebiet galt. So war es ihnen möglich, hinter verschlossenen Türen zu üben – ohne öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Damals waren ungefähr 60 bis 70 Prozent der Studierenden weiblich und 30 bis 40 Prozent männlich. Ich war regelmäßig erstaunt über die geschlechtsspezifischen Vorurteile gegenüber bestimmten Berufsarten. Man nahm an, dass gewisse Berufe eher für das eine oder für das andere Geschlecht geeignet seien. Das lag an den Aufgaben, die ausgeführt werden mussten, den erforderlichen Fachkenntnissen, dem angenommenen Schwierigkeitsgrad oder einfach nur an der gesellschaftlichen Akzeptanz zu der Zeit.

Tätigkeiten im Gesundheitsbereich, in der Krankenpflege oder im Lehrberuf wurden überwiegend von Frauen ausgeübt, während in den Ingenieursberufen Männer zahlenmäßig überlegen waren. Andere Berufsfelder waren ausschließlich Männern vorbehalten, so zum Beispiel Kfz-Mechaniker. In der Gastronomie waren ausschließlich Frauen anzutreffen.

In der Medizin oder der Architektur waren Männer und Frauen zahlenmäßig ähnlich vertreten. Aber woher stammen diese Vorurteile? Welche charakteristischen biologischen geschlechtsspezifischen Muster liegen diesen Meinungen zugrunde?

Mit dem gesellschaftlichen Wandel lässt sich ziemlich gut erkennen, wie sich im Laufe der Jahre die beruflichen Wahlmöglichkeiten verändert haben. Fachabschlüsse im Bereich Gastronomie sind inzwischen überwiegend in männlicher Hand. Im medizinischen Bereich ist die Spezialisierung in der Chirurgie aktuell gleichmäßiger zwischen Frauen und Männern verteilt.

Im Laufe der Zeit konnte man die Welt der Psychologie geschlechtsspezifisch überwiegend den Frauen zuordnen. So verzeichnen zum Beispiel die psychologischen Fakultäten in sämtlichen argentinischen Universitäten gegenwärtig einen deutlichen Anstieg bei den Studentinnenzahlen.

Scheinbar ist die Berufsgruppe Psychologie inzwischen in Frauenhand. Und das ist nicht nur in Argentinien so: Dieser Trend hat sich in ganz Lateinamerika fortgesetzt – im Unterricht, in Konferenzen und in Seminaren. An vielen Universitäts-Standorten in Europa und den U.S.A. beträgt der Frauenanteil im Fach Psychologie 90 % oder mehr. Warum studieren nun also mehr Frauen als Männer Psychologie?

Eine Psychologin berät eine Klientin. Warum studieren mehr Frauen Psychgologie?

12 Gründe, warum mehr Frauen Psychologie studieren

Das Forschungsteam im Studiengang Neurowissenschaften und Sozialwissenschaften an der Escuela Sistémica Argentina entschloss sich, dieses Phänomen zu untersuchen. Zuerst befragten die Forscher Psychologen nach ihrer Meinung: Was sind ihrer Meinung nach die Hauptfaktoren, damit man als Psychotherapeut erfolgreich arbeiten kann?

Aus den gewonnenen Ergebnissen zogen sie auf Grund ihrer Studiengänge Schlussfolgerungen. Dabei nahmen sie auch die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen in Betracht, obwohl diese Unterscheidung die öffentliche Meinung aktuell in zwei Lager spaltet.

Das Forschungsteam untersuchte sowohl die Rolle verschiedener Hormone und Neurotransmitter als auch bestimmte Gehirnareale bei beiden Geschlechtern. Sie wollten dadurch herausfinden, weshalb mehr Frauen Psychologie studieren als Männer. Dabei sollten wir natürlich darauf hinweisen, dass es sich hier um verallgemeinerte Schlussfolgerungen handelt.

Ich werde jetzt die Ergebnisse dieser Forschungen genauer untersuchen:

1. Warum mehr Frauen Psychologie studieren: Die Fähigkeit, Fakten und Gefühle zu verknüpfen

Das weibliche Gehirn hat mehr Nervenfasern im Hirnbalken, dem Corpus Callosum, die miteinander “kommunizieren”. Der Hirnbalken ist eine Faserverbindung, die quer zwischen den beiden Hemisphären des Großhirns verläuft und sie miteinander verbindet. Der rechten Hirnhälfte schreibt man ganzheitliches, emotionales und kreatives Denken zu; der linken Gehirnhälfte rationales, logisches und binäres Denken.

Dies führt zu größerem Verständnis und emotionaler Empathie. Dazu kommt die Fähigkeit, mit Situationen auf der Gefühlsebene mit echter Anteilnahme umzugehen. Die Betonung liegt hier auf dem Aufbau einer “echten” Verbindung mit den Klienten. Die Fakten, die diese ihren jeweiligen Therapeuten mitteilen, gehen in Einklang mit den Emotionen. Dies ist im Therapeuten-Klienten-Verhältnis sehr wichtig.

2. Redegewandtheit und die Fähigkeit, Gedanken in Worte zu fassen

Das weibliche Gehirn hat einen größeren Prozentsatz an Neuronen in den Bereichen, wo die Sprachfunktionen verankert sind. Frauen verfügen in der Regel von klein auf besser über rhetorische Fähigkeiten und Vokabular. Das steht im Gegensatz zu Männern, wo der Einfluss des Testosterons beim Heranwachsen tendenziell zu Desensibilisierung und Sprachfindungsschwierigkeiten führt.

Fachleute schätzen, dass eine Frau im Durchschnitt 8000 Wörter am Tag spricht, während Männer mit nur 5000 Wörtern auskommen. Es ist in einer Therapiesitzung unerlässlich, dass Worte sinngemäß richtig verwendet werden. Worte haben eine Trägerfunktion für die Präsentation und die Vermittlung von Informationen.

3. Warum mehr Frauen Psychologie studieren: Die Fähigkeit, Erinnerungen abzurufen

Der Hippocampus ist im menschlichen Gehirn der zentrale Bereich für Lernverhalten und Erinnerungsvermögen. Im weiblichen Gehirn nimmt er mehr Raum ein. Eine Fähigkeit, über die Experten in klinischer Psychologie verfügen müssen, ist zweifellos Erinnerungsvermögen. Fachleute müssen in der Lage sein, auf eine umfangreiche Datenbank an Informationen zuzugreifen. Damit werden Faktoren aus der medizinischen und psychologischen Geschichte der Klienten mit ihrem gegenwärtigen Erleben verknüpft.

Eine Therapeutin mit Ihrer Patientin in der Therapiestunde.

4. Die Fähigkeit, auf Details zu achten und paraverbale Sprache anzuwenden – Was wird gesagt und wie wird es gesagt?

Das weibliche Gehirn verfügt über ein größeres peripheres Gesichtsfeld, da die Stäbchen und Zapfen auf der Netzhaut besser entwickelt sind. Deshalb können Frauen kleinere Details wahrnehmen, die Männern vielleicht entgehen – so zum Beispiel Körpersprache, Gesten und Bewegungen. Zusammen mit dem Erinnerungsvermögen stellt dies bei Therapiesitzungen ein wertvolles Werkzeug für Therapeutinnen dar.

Dieser periphere Sichtbereich von bis zu 180 Grad ist eine epigenetische Fähigkeit, die Frauen bei der Kinderpflege instinktiv zukommt. In ihrer Rolle als Psychologin kommt das einer Frau zupass.

5. Empathie – die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen

Zwischenmenschliche Empathie macht sich in erster Linie an Spiegelneuronen fest. Obwohl diese nicht exklusiv Frauen zuzuordnen sind, könnten sie Einfluss darauf haben, warum mehr Frauen als Männer Psychologie studieren. Die weibliche Beobachtungsgabe und ein größerer “Speicherplatz” wirken sich auf die Spiegelneuronen aus.

Die Beobachtungsgabe bezieht sich auf die Beschreibung und Speicherung von Einzelheiten, so zum Beispiel Haltungen, Gesten und Intonation. Diese Elemente erweisen sich als enorm hilfreich, wenn Therapeuten den Klienten Einfühlungsvermögen entgegenbringen. Dadurch steigen die Chancen auf erfolgreiche Therapiesitzungen.

6. Warum mehr Frauen Psychologie studieren: Multitasking – die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen

Da die Nervenfasern im Corpus Callosum der Frau dafür sorgen, dass die beiden Hirnhälften besser miteinander vernetzt sind, ist eine Psychologin im allgemeinen eher dazu in der Lage, in Therapiesitzungen eine Vielzahl von Aufgaben gleichzeitig wahrzunehmen. Als Beispiel könnte dienen, dass eine Therapeutin gleichzeitig nachdenkt, sich an vergangene Sitzungen erinnert und diese analysiert, während sie die Körpersprache des Gegenübers beobachtet und den Ausführungen zuhört.

Therapiegespräch mit Klientin. Warum studieren mehr Frauen Psychgologie?

7. Emotionaler Schutz und emotionale Fürsorge

Wir sind emotionale und soziale Wesen. Das Bindungshormon Oxytocin, das die Hypophyse abgibt und das um unser Gehirn zirkuliert, wird bei der Kinderpflege und bei großzügigen Handlungen aktiviert. Dieses Hormon ist dafür verantwortlich, dass die Fachkraft mehr Fürsorge und Unterstützung geben kann.

Die emotionale Unterstützung von seiten des Psychologen ist einer der wichtigsten Aspekte im Klient-Therapeuten-Verhältnis. Im allgemeinen kommen Klienten mit einer gehörigen Menge Anspannung und Angst zur Sitzung.

Darum versuchen Psychologen nicht einfach nur, das Problem zu lösen. Sie müssen auch eine Atmosphäre schaffen, in der Klienten das Gefühl haben, dass sie emotionale Unterstützung und Schutz erfahren. Und dass sie mit dem, was sie zu sagen versuchen, wirklich gehört werden.

8. Warum studieren mehr Frauen Psychgologie? Fähigkeit zur Nachahmung

Während das Hormon Testosteron bei Männern dafür sorgt, dass sie eine “dickere Haut” haben, verfügen Frauen über ein höheres Maß an ästhetischem Empfinden. Tendenziell sorgen sie sich mehr um ihren Körper und sind daher in der Lage, den Körper der Klienten einzuschätzen und sich mit dem eigenen Körper mehr auf den des Klienten “einzulassen”.

Da sie gleichzeitig genau beobachten können, sind sie dazu fähig, die “Sprache” der Klienten zu sprechen. Auch das trägt zu einem großen Teil zu erfolgreichen Therapiesitzungen bei.

Auf subtile Art und Weise können sie die verbale und paraverbale Kommunikation der Klienten nachahmen. Dadurch gelingt es ihnen, ihre Botschaft effektiver zu übermitteln. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Botschaft von ihren Klienten positiv aufgenommen wird.

9. Die Intimität einer Therapiesitzung

Die Kombination des Hormons Oxytocin und des Neurotransmitters Dopamin, der motivationssteigernd und in herausfordernden Situationen belebend wirkt, schafft ein Wohlgefühl der Nähe, besonders wenn der Östrogenspiegel einer Frau steigt.

Eine Therapiesitzung ist ein sehr privater und intimer Ort, an dem Klienten über ihr persönliches Leben sprechen. Die Offenheit von Klienten hängt unter anderem davon ab, wie gut die jeweiligen Therapeuten eine geeignete Atmosphäre schaffen können. Damit können sie die Klienten dazu animieren, sich offener mitzuteilen. Mit Hilfe der Empathie und der Fähigkeit zur Nachahmung können Therapeuten die “Sprache” der Klienten besser “sprechen”.

In der Therapiesitzung. Warum studieren mehr Frauen Psychgologie?

10. Warum studieren mehr Frauen Psychgologie? Neugier

Frauen sind im allgemeinen neugieriger als Männer. Sie sind auch kritischer, weil ihr Gehirn mehr Details bezüglich der verbalen und nicht-verbalen Kommunikation der Klienten wahrnimmt.

Kombiniert die Therapeutin dies mit Redegewandtheit und Rhetorik, hat sie ein größeres Interesse daran, ihre Meinung mitzuteilen und herauszufinden, was die Klienten gerade bewegt.

Dies widerum wird ihre Klienten dazu ermutigen, sich auszudrücken, nachzudenken und tiefer in die eigene Situation einzutauchen.

11. Hypothesen aufstellen

Wenn man die bereits dargelegten Punkte betrachtet, lässt sich sagen, dass Frauen im allgemeinen komplexere Hypothesen darüber aufstellen, was gegenwärtig im Leben der Klienten passiert.

Therapeutinnen fällt es leichter, die Körpersprache, Gesten und Worte ihrer Klienten eine gewisse Zeit lang zu beobachten und sie mit Situationen aus der Vergangenheit der Klienten in einen Zusammenhang zu bringen. Ihre Fähigkeit, sich Dinge zu merken und mehrere Sachen gleichzeitig zu tun, wird dazu führen, dass in den Therapiesitzungen bessere Resultate erzielt werden.

12. Vertrauen

Der schlussendliche Grund, der eine Erklärung liefern könnte, warum mehr Frauen als Männcer Psyologie studieren, hängt mit den Hormonen Oxytocin und Serotonin zusammen. Beide wirken unterstützend bei der Bildung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Klienten und Therapeuten.

Ich sagte bereits, dass Therapiesitzungen zutiefst persönliche Orte sind, wo ein oder mehrere Klienten sich mit Therapeuten treffen, um ihr/e Problem/e zu erörtern. Die Klienten treffen ihre Therapeutenwahl aufgrund eines Vertrauensgefühls, das sie gegenüber den jeweiligen Fachkräften empfinden. Dies gibt ihnen die sichere Basis, auf der sie vertrauliche Informationen kommunizieren und den Antworten glauben können, die sie erhalten.

Therapeutin mit Brille befragt Klientin

Warum studieren mehr Frauen Psychgologie? Zusammenfassung

Wenn wir diese Analyse auf emotionale, kognitive und gesellschaftliche Faktoren ausweiten, werden uns sicher noch weitere Anhaltspunkte einfallen, die unsere anfangs gestellte Frage untermauern, warum mehr Frauen als Männer Psychologie studieren.

Wir sollten uns auch darüber im Klaren sein, dass hier Verallgemeinerungen beschrieben werden und dass diese eher als relativ zu betrachten sind. Allerdings dienen sie als Richtlinie, die die Gründe für die Kompetenz der Frauen in der Psychotherapie näher erläutern können.