Zwei buddhistische Geschichten, die wir unseren Kindern erzählen können

· 26. Mai 2017

Kinder tragen eine gewisse innere Spiritualität und ein Gefühl des Glücks in sich. Beides versuchen wir als Erwachsene angestrengt zu erlangen. Im Laufe der Jahre verlieren wir unsere natürliche Fähigkeit, einen Zustand des inneren Friedens zu erreichen. Dieser Frieden lässt es aber zu, dass wir uns mit uns selbst und der Außenwelt wohlfühlen.

In unserer Gesellschaft entfremden wir die Kinder von ihrem inneren Wesen. Wir sagen ihnen, dass sie nicht weinen sollen, obwohl sie sich verletzt haben. Sie sollen weder laut schreien noch spielen. Leider verlangen wir auch von ihnen, den Weisungen ihrer inneren Stimme nicht zuzuhören. Sie sollen lieber darauf aufpassen, was ihrer Umwelt als das geeignete Verhalten erscheint.

Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass dies ein Fehler ist. Und folglich auch ein wachsendes Interesse daran, unseren Kindern eine Erziehung angedeihen zu lassen durch die sie gesund und „selbst-bewusst“ aufwachsen können. Und wir verfügen über ein machtvolles Werkzeug, um uns bei dieser Erziehungsaufgabe zu helfen: Geschichten.

Auch die zunehmende Beliebtheit buddhistischer und fernöstlicher Weisheiten hilft dabei, eine bestimmte Denkweise zu fördern. Sie geht mit dem Ziel, das wir uns gesetzt haben, Hand in Hand. Daher werden wir in diesem Artikel ein paar buddhistische Erzählungen mit dir teilen, mit denen du deine Kinder erfreuen kannst.

Siddhartha und der Schwan

Vor langer, langer Zeit lebten in Indien einmal ein König und eine Königin. Eines Tages bekam die Königin ein Kind. Sie taufte ihren Sohn Prinz Siddhartha. Der König und die Königin waren überglücklich. Sie luden einen weisen alten Mann ein, in ihr Königreich zu kommen und das Schicksal ihres Kindes vorauszusagen.

„Bitte sag uns“,  sprach die Königin zum alten Mann, „was wird aus unserem Sohn einmal werden?“

„Ihr Sohn wird ein besonderes Kind werden, Eure Majestät“,  sagte er, „und eines Tages wird er ein großer König sein.“

„Hurra!“,  entfuhr es dem König. „Er wird ein König sein, wie ich einer bin.“

„Aber“,  sagte der weise Mann, wenn er erwachsen ist, verlässt er wahrscheinlich den Palast, weil er den Menschen helfen will.“

„Das wird er auf keinen Fall tun!“,  schrie der König, während er das Kind dem Manne entriss. „Er wird ein großer König werden!“

Der König beobachtete seinen Sohn rund um die Uhr und stellte sicher, dass dieser immer von allem das Beste bekam. Er hegte die Absicht, dass Siddhartha sein Leben als Prinz genieße, und er wollte, dass sein Sohn König würde. Als der Prinz seinen siebten Geburtstag feierte, rief ihn sein Vater zu sich und sagte zu ihm: „Siddhartha, eines Tages wirst du König sein, deshalb ist es an der Zeit, dass du dich auf den Thron vorbereitest. Da gibt es allerhand Dinge, die du lernen musst. Hier sind die besten Lehrer der ganzen Welt. Sie werden dir alles beibringen, was du zu wissen brauchst.“

„Ich werde mein Bestes tun, Vater“,  antwortete der Prinz.

Siddhartha begann mit dem Unterricht. Er lernte weder Lesen noch Schreiben, er lernte stattdessen, ein Pferd zu reiten. Er lernte mit Pfeil und Bogen umzugehen, wie man kämpft und wie man ein Schwert benutzt. Das waren die Fähigkeiten, die ein tapferer König wohl brauchen würde. Siddhartha war ein gelehriger Schüler. Wie sein Cousin Devadatta, denn beide Jungen waren gleich alt. Die ganze Zeit hatte der König ein Auge auf seinem Sohn.

„Der Prinz ist so stark! Er ist so klug. Und wie schnell er alles begreift. Er wird ein großer und berühmter König werden!“

Wenn Prinz Siddhartha seine Lektionen beendet hatte, spielte er gern im Palastgarten. Dort lebten alle Arten von Tieren: Eichhörnchen, Hasen, Vögel, Hirsche und Rehe. Siddhartha beobachtete sie gern. Er konnte dasitzen und ihnen so leise und geräuschlos zuschauen, dass sie keine Angst hatten, sich ihm zu nähern. Siddhartha mochte es auch, in der Nähe des Sees zu spielen. Jedes Jahr stellte sich ein Paar wunderschöner weißer Schwäne ein, um dort ihr Nest zu bauen. Hinter dem Schilf versteckt, ließ er sie nicht aus den Augen. Er wollte wissen, wie viele Eier im Nest lagen, denn er wollte den Küken beim Schwimmenlernen zusehen.

Eines Nachmittags war Siddhartha am See. Plötzlich hörte er über sich ein Geräusch. Er schaute nach oben. Drei herrliche Schwäne flogen über seinen Kopf hinweg. „Noch mehr Schwäne“,  dachte Siddhartha. „Ich hoffe, sie bauen ihre Nester an unserem See.“  Aber genau in diesem Moment stürzte einer der Schwäne vom Himmel herab. „Oh nein!“,  rief Siddhartha aus, als er dorthin lief, wo der Schwan herabgestürzt war. “Was ist passiert?”, fragte er, als er sich dem Tier näherte.

“Da steckt ein Pfeil in deinem Flügel”, sagte er. “Jemand hat dich verletzt.”  Siddhartha sprach sehr sanft auf den Schwan ein, sodass er sich nicht vor ihm erschreckte. Er fing an, ihn zart zu streicheln. Sehr vorsichtig entfernte er den Pfeil. Er zog sein Hemd aus und wickelte den Schwan vorsichtig darin ein. “Dir wird es sehr bald wieder besser gehen,”  sagte er. “Ich komme später wieder, um nach dir zu sehen.”

Genau in diesem Moment kam sein Cousin Devadatta angerannt. “Das ist mein Schwan,”  rief er. “Ich habe ihn getroffen, also gib ihn mir.” “Er gehört dir nicht”,  sagte Siddhartha, “er ist ein wilder Schwan.” “Ich habe ihn mit meinem Pfeil getroffen, deshalb gehört er mir. Gib ihn mir – aber sofort.“ „Nein“,  sagte Siddhartha, „er ist verwundet und wir müssen ihm helfen.”

Die zwei Jungen begannen zu streiten. “Halt ein”,  sagte Siddhartha. “In unserem Königreich verhält es sich so: Wenn sich zwei Leute über eine Sache nicht einigen können, fragen sie den König um Rat. Lass uns den König aufsuchen.”  Die zwei Jungen zogen los, um den König zu suchen. “Sagt mal, ist euch eigentlich klar, wie beschäftigt wir sind? Geht woanders spielen”,  murrte der. “Wir sind nicht zum Spielen hier, wir sind hier, um dich um einen Rat zu bitten”,  sagte Siddhartha.

“Wartet!” rief der König aus, als er das hörte. “Schickt sie nicht weg. Es ist ihr gutes Recht, um unsere Hilfe zu bitten.”  Es gefiel ihm, dass Siddhartha wusste, wie man sich in einer solchen Situation verhielt. “Die beiden Jungen sollen uns ihre Geschichte erzählen. Wir werden zuhören und ihnen unseren Schiedsspruch mitteilen.”

Erst erzählte Devadatta seine Version der Geschichte. “Ich habe den Schwan verletzt, er gehört mir.”  Die Minister nickten zustimmend. Das war das Gesetz im Königreich. Ein Tier, also auch ein Vogel, gehörte der Person, der es gelang, es zu verletzen. Dann erzählte Siddhartha seine Version der Geschichte. “Der Schwan ist nicht tot“,  brachte er vor, “er ist verletzt, aber er lebt noch.”

Die Minister waren verwirrt. Wem gehörte der Schwan denn jetzt? “Ich glaube, ich kann euch helfen,”  sagte eine Stimme. Ein alter Mann trat durch die Türe ein. “Wenn dieser Schwan reden könnte”,  sagte der alte Mann, “dann würde er uns erzählen, dass er mit den anderen wilden Schwänen fliegen und schwimmen will. Niemand möchte Schmerzen oder Tod erleiden. Dem Schwan geht es genauso. Er würde nicht mit dem Jungen gehen wollen, der versucht hat, ihn zu töten. Er würde mit dem gehen, der versucht hat, ihm zu helfen.”

Die ganze Zeit über verhielt sich Devadatta ruhig. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob Tiere auch Gefühle hatten. Es tat ihm leid, dass er dem Vogel wehgetan hatte. “Devadatta, wenn du möchtest, kannst du mir helfen, mich um den Schwan zu kümmern”,  sagte Siddhartha.

Siddhartha pflegte den Schwan, bis er wieder gesund war. Eines Tages, als sein Flügel verheilt war, nahm er ihn mit zum Fluss. “Es wird Zeit, dass wir Abschied voneinander nehmen”,  sagte Siddhartha. Siddhartha und Devadatta sahen zu, wie der Schwan in Richtung der tiefen Wasser schwamm. In diesem Moment hörten sie das Geräusch von Flügelschlägen über sich. “Schau,”  sagte Devadatta, “die anderen sind wegen ihm zurückgekommen.”  Der Schwan flog hoch in den Himmel hinauf und gesellte sich zu seinen Freunden. Dann flogen sie alle ein letztes Mal über den See. “Sie bedanken sich bei uns”,  sagte Siddhartha, als die Schwäne hinter den Bergen im Norden verschwanden.

Die Weisheit der drei Krähen

Im Leben eines jeden Wesens kommt der Tag, an dem es herangewachsen ist und ein Mitglied der Erwachsenengemeinschaft wird. Auch Krähen sind da keine Ausnahme. Eines Tages mussten sich drei junge Krähen einer Prüfung unterziehen, die von den älteren Krähen abgehalten wurde. Sie hatten die Absicht, herauszufinden, ob die jungen Krähen reif genug waren, mit den erwachsenen Vögeln zu fliegen. Der Anführer des Schwarms fragte den ersten Jungvogel: “Was meinst du, welche Gefahr auf der ganzen Welt sollten Krähen am meisten fürchten?” 

Die junge Krähe dachte einen Augenblick über die Frage nach und gab zur Antwort:“Wovor eine Krähe wirklich Angst haben sollte auf dieser Welt, ist ein Pfeil. Damit kann eine Krähe auf einen Schlag getötet werden.”  Als die alten weisen Krähen das hörten, fanden sie die Antwort sehr gelungen. Sie hoben ihre Flügel und krähten voller Freude. “Du hast recht”,  sagte der Schwarmführer. “Wir heißen dich in unserer Mitte willkommen.”

Als nächstes fragte die Leitkrähe den zweiten Jungvogel: “Und was sollten wir deiner Meinung nach am meisten fürchten?“

“Ich glaube, dass ein guter Schütze gefährlicher ist als ein Pfeil”,  sagte die junge Krähe. “Nur ein Schütze kann einen Pfeil auf ein Ziel richten und ihn abschießen. Denn ohne den Schützen ist der Pfeil nicht mehr als ein Stück Holz – genau wie der Zweig, auf dem ich gerade sitze.“  Die Krähen waren sich einig, dass das die intelligenteste Antwort war, die sie je gehört hatten. Die Eltern der zweiten Krähe schrien vor Freude und sahen ihren Sohn voller Stolz an. “Du sprichst mit großer Intelligenz. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir dich in unserer Gemeinschaft willkommen heißen können.”

Dann wandte sich der Anführer des Schwarms an die dritte Jungkrähe: “Und du? Was meinst du, was wir am meisten fürchten sollten?”

“Nichts von alledem, was bisher gesagt worden ist”,  meinte der dritte Vogel. “Was wir am meisten fürchten sollten, ist ein wenig geübter Schütze.”  Was für eine seltsame Antwort! Die Krähen waren verwirrt und schämten sich für den Jungvogel. Die meisten von ihnen dachten, dass dieser Vogel noch nicht verständig genug war, um die Frage zu begreifen. Bis ihn der Anführer abermals fragte: “Was meinst du damit?

“Mein zweiter Kollege hat recht: Ohne einen Schützen gibt es keinen Grund, einen Pfeil zu fürchten. Aber der Pfeil eines guten Schützen wird den Bogen Richtung Ziel verlassen. Wenn du daher das schwirrende Geräusch hörst, wenn ein Pfeil den Bogen verlässt, dann musst du nur nach rechts oder links fliegen, um dem Pfeil auszuweichen. Du wirst jedoch nie genau wissen, wo der Pfeil eines Amateurs hinsteuert. Selbst wenn du wegfliegst, sind die Chancen, dass dich der Pfeil trifft, weiter da. Man weiß einfach nicht, was das Beste ist – sich bewegen oder eher, sich ruhig zu halten.”

Als die anderen Krähen das hörten, begriffen sie, dass diese junge Krähe über wahre Weisheit verfügte. Das sie wirklich hinter die Dinge blicken konnte. Sie betrachteten den jungen Vogel mit Respekt und Bewunderung. Kurze Zeit später fragten sie ihn, ob er nicht der neue Anführer des Schwarms werden wolle.