Zu viel Bescheidenheit: ein Zeichen von Hemmung

Zu viel Bescheidenheit an den Tag zu legen ist nicht ratsam. Denn dadurch machen wir uns unsichtbar und stehen unserer eigenen Selbstbestätigung im Weg. Sich selbst zu lieben und auf seine Leistungen stolz zu sein ist kein Ausdruck von Arroganz, sondern eine wichtige Anerkennung unserer selbst.
Zu viel Bescheidenheit: ein Zeichen von Hemmung

Letzte Aktualisierung: 29. Mai 2021

Bescheidenheit ist eine Tugend – aber zu viel Bescheidenheit ist genauso schädlich wie alles andere, das extreme Züge annimmt. Die Betonung liegt auf dem „zu viel“, denn so kann aus einer lobenswerten Eigenschaft ein Nachteil werden. Ein Übermaß an Dingen führt fast immer dazu, dass deren Eigentümlichkeit an Kraft verliert.

Bescheidenheit geht mit bedeutsamen menschlichen Werten wie Einfachheit, Demut und Mäßigung einher. Sie steht im Gegensatz zu Eitelkeit und Angeberei – zwei Eigenschaften, die sich in der heutigen Welt immer weiter ausbreiten. Wer bescheiden ist, hat es nicht nötig und verspürt auch nicht das Verlangen, sich mit etwas zu brüsten. Bei zu viel Bescheidenheit aber werden die eigenen Erfolge und Fähigkeiten herabgesetzt.

Wenngleich Hochmut zu Antipathie und einer Abgrenzung von anderen führt, trägt jedoch auch zu viel Bescheidenheit nicht zu gesunden Beziehungen bei, weder mit anderen noch zu sich selbst. Wer sich selbst und seine Erfolge schmälert, kann davon in gewisser Weise profitieren. Aber gleichzeitig geht auch die Möglichkeit zur Selbstbestätigung und verdienter Anerkennung verloren.

„Die Bescheidenheit ist dem Verdienste, was der Schatten den Gestalten eines Gemäldes; sie gibt ihm Kraft und Ausdruck.“

-Jean de la Bruyere-

Zu viel Bescheidenheit: ein Zeichen von Hemmung

Es stimmt, dass ein hohes Maß an Bescheidenheit manche Aspekte sozialer Beziehungen erleichtert. Eine Person, die besonders bescheiden in Erscheinung tritt, wird als harmlos wahrgenommen: Sie kennt weder Eifersucht noch Neid und vermeidet Konfrontationen. In der heutigen Welt zeigen viele Menschen ein ausgeprägtes Konkurrenzverhalten. Dazu haben vor allem die sozialen Medien beigetragen. Jemand, der bescheiden ist, widersetzt sich solchen Spannungen.

Wer zudem Selbstvertrauen hat, hat nicht das Bedürfnis, sich zur Schau zu stellen und die Anerkennung anderer zu gewinnen. Eine solche Person kann daher auf natürliche Art und Weise bescheiden sein. Jene aber, die zu viel Bescheidenheit demonstrieren, wollen sich nicht einfach nur mäßigen, sondern versuchen auch, sich zu verstecken, sich herabzusetzen oder unsichtbar zu werden.

Man könnte sagen, dass zu viel Bescheidenheit kein Zeichen von Demut ist, sondern von Hemmung: Die betreffenden Personen fürchten sich vor den Reaktionen anderer. Um diese Angst zu bewältigen, tarnen sie sich, um nicht gesehen zu werden. Sie glauben, nicht das Recht zu haben, gleichwertig oder in bestimmten Dingen besser als andere zu sein. In gewisser Weise ist zu viel Bescheidenheit also ein Ausdruck von Scham.

Zu viel Bescheidenheit als Zeichen von Scham

Stolz ist kein Hochmut

Oftmals wird Stolz mit Hochmut verwechselt, obwohl es sich in Wirklichkeit um zwei verschiedene Dinge handelt. Stolz kann als erhabene Selbstliebe verstanden werden, Hochmut bezieht sich vielmehr auf ein verletztes Selbstwertgefühl. Selbstliebe ist das Ergebnis von Selbstakzeptanz. Darauf basierend entsteht Stolz, wenn eine Leistung vollbracht wird, wodurch das Gefühl, mit sich selbst zufrieden zu sein, verstärkt wird.

Hochmut hingegen ist im Grunde genommen eine Täuschung, die dazu dient, bei anderen Anerkennung zu finden. Es wird eine Distanz errichtet, durch die sich hochmütige Personen überlegen fühlen und ihre Meinung über sich selbst verbessern können. Hochmut stellt die persönliche Leistung zur Schau, anstatt diese zu teilen; er hat in gewisser Weise einen bitteren Beigeschmack.

Diese Form von Arroganz ist deshalb ein Versuch, den Mangel an Selbstliebe zu kompensieren: Sie ist für gewöhnlich künstlich und aggressiv. Wenn andere den Wert der hochmütigen Person nicht erkennen, fühlt sich diese frustriert. Denn sie ist nicht dazu in der Lage, ihre Fähigkeiten unabhängig von der Meinung anderer zu bewerten.

Eine Frau zweifelt an sich selbst

Es fehlt an Stolz

Bescheidenheit und Stolz liegen nicht weit auseinander. Beide schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich vielmehr. Eine Person kann auf sich selbst und ihre Leistungen stolz sein, aber dennoch bescheiden bleiben. Das bedeutet, dass sie weder prahlt noch versucht, von anderen bewundert zu werden oder Anerkennung zu erhalten. Gleichzeitig möchte sie sich nicht unsichtbar machen oder herabsetzen.

Bei zu viel Bescheidenheit oder Hochmut wird der Meinung anderer eine unverhältnismäßige Bedeutung beigemessen: einerseits aus Angst und Scham, sich dem Gegenüber zu stellen. Andererseits besteht aber auch das Interesse, sich zu behaupten. Hochmut erfordert es, sich zu vergleichen, überlegen zu sein und das für andere Menschen deutlich zu machen.

Auf sich selbst und die eigenen Leistungen stolz zu sein ist wichtig und gesund. Alles, wofür wir hart arbeiten und was wir erreichen, verdient es, von uns selbst anerkannt zu werden. Auch ist es gut, die eigenen Erfolge mit anderen zu teilen, wie wir es auch im Fall von Traurigkeit oder einer Niederlage tun. Die Meinung anderer hat jedoch eine ungewöhnliche Bedeutung erlangt. Ratsam ist es deshalb, unseren eigenen Standard zu setzen, an dem wir uns messen können.

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  • Nakano, K. (1996). La felicidad de la pobreza noble: vivir con modestia, pensar con grandeza. Maeva.