Scham – ein einschränkendes Gefühl

· 18. März 2019

„Was werden die anderen von mir denken, wenn ich erkläre, wie ich mich wirklich fühle?“, „Ich hoffe, der Lehrer fragt mich nicht. Eine Antwort vor allen diesen Leuten zu geben, möchte ich wirklich nicht“  oder „Ich kann nicht vor einem großen Publikum sprechen, das macht mich total nervös“ –  Sätze, die viele Menschen denken, die mit dem Gefühl der Scham kämpfen, und die deshalb nicht ausgesprochen werden.

Vermeiden, hervorzustechen bzw. in jeder Situation die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, Einladungen zu bestimmten Aktivitäten ablehnen … All dies kann auf einem Gefühl der Scham beruhen. Deshalb schränkt uns Scham ein. Sie will, dass wir uns unsichtbar machen. Was verbirgt sich aber hinter diesem Gefühl? Schauen wir uns das doch einmal näher an.

Scham – ein einschränkendes Gefühl, das uns lähmt

Scham ist das Gegenteil von Herausstechen. Es ist eine schwierige Emotion, die uns verbergen lässt, wer wir wirklich sind, aus Angst, dass andere uns nicht mögen oder nicht akzeptieren würden. Laut der Psychologin María José Pubill lebe eine Person, die Scham erfährt, in Angst, dass ihre Mitmenschen ihre Schwächen entdecken könnten.

Meistens entwickeln wir dieses einschränkende Gefühl aufgrund einer Erfahrung, bei der wir uns unwohl fühlen oder während der eine andere Person dieses Gefühl in uns auslöst. Diese andere Person kann aus unserem Umfeld stammen oder ein gänzlich Unbekannter sein. Infolge dieser Erfahrung vermeiden wir es, unsere Schwächen vor anderen zu zeigen.

Die Missbilligung und Ablehnung, die wir zuvor erfahren hatten, haben dazu geführt, dass wir Angst entwickelt haben. Deshalb versuchen wir nun, uns selbst zu schützen, um nicht wieder verletzt zu werden. Dies wiederum frustriert, weil es das Gefühl verstärkt, nicht der sein zu können, der wir sein möchten.

Eine junge Frau versteckt ihr Gesicht hinter ihren Händen.

Das Erleben dieses restriktiven Gefühls beinhaltet jedoch zwei Aspekte. Zunächst wird Scham immer von Schuld- und Angstgefühlen begleitet. Auf der anderen Seite wird eine Person, die dieses Gefühl empfindet, perfektionistisch und versucht Kontrolle zu erlangen, um ihr Gefühl der Unzulänglichkeit zu überwinden. Diese Mechanismen behindern jedoch ihr persönliches Wachstum.

Scham und Selbstbewusstsein: Sind diese Eigenschaften miteinander verwandt?

Scham ist ein Gefühl der Angst davor, wir selbst zu sein, zu zeigen, wer wir wirklich sind. Wie bereits erwähnt, möchte dieses Gefühl, dass uns einschränkt, nicht, dass wir unsere verletzliche Seite zeigen. Das betroffene Individuum fürchtet Kritik und will vermeiden, dass die Leute denken, es wäre wertlos. Daher bedeutet das Erleben von Scham einen Mangel an Selbstachtung und Toleranz, der letztendlich zu einem geringen Selbstwertgefühl führt.

Scham gleicht einem negativen und selbstironischen Schild. Dies erklärt, warum die Mitmenschen Betroffene oft für fragil und schwach halten. Wir stellen leicht fest, dass eine schamhafte Person es nicht mag, so gesehen zu werden. Denn sie will niemanden ihre Schwäche sehen lassen. Ihre Angst vor Demütigung ist jedoch so groß, dass sie sich trotz allem dafür entscheidet, ihre Gefühle zu verheimlichen.

Das Gefühl der Scham führt dazu, dass wir uns in der eigenen Haut nicht wohlfühlen. Statt Selbstvertrauen zu haben, wandelt die schamhafte Person auf einem Weg des Selbsthasses. Dieser erlaubt es ihr nicht, die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen und zu erkennen, wie wertvoll ihr Leben tatsächlich ist.

Diejenigen, die diese restriktive Emotion erleben, legen ihren Selbstwert in die Hände anderer Menschen. Der Grund dafür ist, dass sie nur durch die Augen anderer Menschen sehen können, wer sie sind. Sie richten ihr Leben gemäß der Meinungen ihrer Mitmenschen aus. Angst geht Hand in Hand mit dem Gefühl der Scham, denn der Betroffene macht sich immer Sorgen, nicht in sein Umfeld zu passen.

Traurige Frau guckt durch verregnetes Fenster

Streifen wir unsere Ängste ab, um sichtbar zu werden

Obwohl Scham sich aus mehreren Quellen speist und eine komplexe Emotion ist, ist es möglich, sie besser zu kontrollieren. Nun, wie können wir unsere Scham überwinden? Was können wir tun, um sichtbar zu werden und uns selbst wertzuschätzen?

Der erste Schritt ist das Erkennen und Akzeptieren, dass wir uns schämen, dass diese einschränkende Emotion Teil des menschlichen emotionalen Universums ist. Anschließend sollten wir über die Folgen nachdenken: wie sehr sich Scham auf unser Leben auswirkt, wie sehr uns dieses Gefühl einschränkt und uns davon abhält, die Erfüllung unserer Wünsche in Angriff zu nehmen.

Wenn wir dies ernsthaft tun, werden wir feststellen, dass wir kaum auf uns geachtet haben und uns auf einer von unseren Mitmenschen festgelegten Skala messen. Damit müssen wir aufhören und uns stattdessen darauf konzentrieren, uns in die gewünschte Richtung zu bewegen, unabhängig davon, was andere denken.

Der nächste Schritt besteht darin, uns selbst kennenzulernen. Wir müssen uns mit dem tiefsten Teil unseres Wesens verbinden und verstehen, warum wir so sind, wie wir sind. Haben wir keine Angst, uns sichtbar zu machen. Das ist kein einfaches Unterfangen, vor allem wenn wir unser wahres Ich schon lange verstecken. Die gute Nachricht ist, dass es niemals zu spät ist, uns selbst der beste Freund zu werden.

Herauszufinden, warum wir so geworden sind, kann uns auf diesem Weg der Heilung helfen. Dieser Startpunkt kann uns dazu führen, dass wir die Tiefe unserer Wunde verstehen. Diese Wunde entstand oft aus dem Glauben heraus, dass wir unsere Mitmenschen enttäuscht haben.

Frau mit Selbstzweifeln schaut in den Spiegel.

Eine sehr gute Übung besteht darin, uns in einem Spiegel zu betrachten, ohne darüber nachzudenken, was andere von uns halten. Was sehen wir? Wer sind wir? Was sind unsere Stärken? Was brauchen wir?

Die Idee ist, uns von den Erwartungen zu befreien, von den mentalen Fallen, die uns davon abhalten, unser authentisches Selbst zu sein. Wir sind weder besser noch schlechter als andere. Wenn wir uns mit anderen vergleichen, werden wir uns niemals selbst kennenlernen können.

In einigen Fällen sind wir vielleicht wütend auf die Person, die einst als Auslöser dieses Gefühls fungierte. Wir sollten versuchen, diese Emotionen auszudrücken, indem wir unsere Gefühle und Gedanken über den Auslöser aufschreiben. Besser noch, wir können dieser Person einen Brief schreiben, um ihr alles zu sagen, was wir schon immer sagen wollten. Diese Übung ermöglicht es uns, den peinlichen Moment erneut zu erleben und uns genau an das zu erinnern, was wir fühlten. Aber danach werden wir all diese negativen Emotionen endlich loslassen können.

Wie wir sehen können, bedeutet, sich zu schämen mehr als nur eine schlecht Zeit zu haben. Diese restriktive Emotion veranlasst uns, den Erwartungen anderer Menschen zu entsprechen, uns selbst zu verachten und letztendlich unsichtbar zu werden. Deshalb ist es so wichtig, zu lernen, wie wir mit uns selbst wieder in Einklang kommen können.